Coiffeur

Gel war ihm stets ein Gräuel

Am Samstag legt Fritz Richner Kamm, Schere und Tondeuse weg und schliesst den Coiffeursalon in Niederlenz. Damit geht nach 50 Jahren eine Ära zu Ende.

Heiner Halder

Figaro Fritz Richner war in der Herren-Friseurbranche eine Institution, ein Dienstleis-
tungsbetrieb, von welchem im Lauf der Jahrzehnte ganze Generationen profitierten. Unter seinen flinken Fingern liessen gut und gern Tausende ihre Haare; täglich zwei Dutzend Kunden im Viertelstundentakt, der Stuhl auf drei Wochen ausgebucht.
Der einfach ohne Schnickschnack eingerichtete Salon mit zwei Plätzen, Wartebank und bunten Heftchen, welchen Richner am 22. März 1976 an der Staufbergstrasse in Niederlenz eröffnete, wurde sofort zum Selbstläufer: Ohne Eintrag im Telefonbuch, ohne Werbung, nur mit Mund-zu-Mund-Propaganda schuf sich der fleissige Friseur einen treuen Kundenstamm, der alle Kreise umfasste. «Aus der ganzen Schweiz», betont er stolz, bediente er Politiker, Geschäftsleute, Polizisten, Soldaten, Büezer, Jugendliche und Kinder, In- und Ausländer zu aller Zufriedenheit.

Ohne Coiffeurmeisterverband

Das Erfolgsgeheimnis? Fritz Richner schmunzelt: «Wohl wegen des Preises.» Als ihm der Beitritt zum Schweizer Coiffeurmeisterverband aus Altersgründen (er war knapp über 20) verwehrt wurde, habe er als Reaktion «meine eigenen Preise gemacht».
Er findet es ungerecht, wenn ein Glatzkopf gleich viel blechen muss wie ein Langhaariger mit Schnauz und Bart. Aber auch ein solcher Zeitgenosse zahlte höchst moderat für die Schur. Allerdings, «Wäsche, Legge» und viel Friction lagen nicht drin; der Figaro richtete sich zwar grundsätzlich nach den Kundenwünschen, hat aber nicht jeden Modegag mitgemacht, Gel ist ihm ein Gräuel. Ob das in den Anfangsjahren der Coupe Hardy (Messer-Haarschnitt), dann der Bürstenschnitt, bei den 68ern die Langhaarfrisur oder der aktuelle Kahlkopf (drei Millimeter) war, ein sauberer Scherenschnitt genügt.

Es ist aber weit mehr als die pekuniäre Komponente, welche dem populären Kopfarbeiter den Umsatz brachte. Fritz Richner drängte sich der Kundschaft keineswegs auf, weder mit gewagten Wasserwellen noch mit Geschwätzigkeit; wer wollte, durfte dösen und sich der Hintergrundmusik hingeben.

Coiffeur und Tambour

Fritz Richner ist in Möriken am «Schnäggehübel» aufgewachsen. Seinen Vater kannte er nicht, er war kurz vor der Geburt im Aktivdienst beim Bunkerbau im Raum Effingen bei einem Unfall gestorben. Die Coiffeurlehre absolvierte der von klein auf beim Tambourenverein Lenzburg aktive Jüngling ab 1957 auf Einladung von Max Scheller in dessen Geschäft an der Leuengasse in Lenzburg. Schon im ersten Lehrjahr führte er zur Ferienzeit den Salon selbstständig und später Schellers Filiale beim einstigen Café von Känel, die er in Eigenregie übernahm, bevor er in Niederlenz einen neuen Standort fand.Die Kündigung von Wohnung und Salon an der Staufbergstrasse kam für Fritz Richner überraschend. Der Abbruch der Altliegenschaft zugunsten eines Mehrfamilienhauses zwingt ihn in den Ruhestand, welchen er in Lenzburg zu verbringen gedenkt. Den hat er, 69-jährig, nach 50 Arbeitsjahren, allerdings wohl verdient. Heute um 15 Uhr legt er zum letzten Mal Hand an die Haare auf einem Männerkopf. Der grosse Kundenkreis bedauert dies ausserordentlich.

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