Herde

Gegen Luchsangriffe gewappnet

Scheu: Sogar Besitzer Christian Mühlethaler braucht Geduld, wenn er seine Herdenschutzhunde anfassen will.

Herdenschutz

Scheu: Sogar Besitzer Christian Mühlethaler braucht Geduld, wenn er seine Herdenschutzhunde anfassen will.

Im Juni zügeln die zwei Herdenschutzhunde zusammen mit «ihren» Schafen ins Kandertal Zwei Herdenschutzhunde werden auf den Einsatz im Kandertal vorbereitet. Bis Juni bewachen die beiden jungen Hunde ihre Schafherde auf einer Weide in Grenchen – hinter Zäunen und an einem viel begangenen Spazierweg.

Daniela Deck

Tagsüber machen sie ausgiebig Siesta. Mit der Dämmerung beginnt die Arbeit der Herdenschutzhunde. Unermüdlich patroullieren sie durch die Herde und halten Ausschau nach Raubtieren. Seit April beherbergt Urs Daumüllers Weide zwei der ungewöhnlichen Gäste: einen italienischen Maremmano Abruzzese und einen französischen Patou (Pyrenäischer Berghund). Ungewöhnlich ist das deshalb, weil Herdenschutzhunde praktisch nur in den Alpen zum Einsatz kommen.

Ihre Tendenz, nachts bei der geringsten Störung der Herde zu bellen, verträgt sich kaum mit den Bedürfnissen eines Wohnquartiers. Doch im Fall der Weide an der Allmendstrasse sind sich Urs Daumüller und Schafbesitzer Christian Mühlethaler einig: «Es klappt gut. Niemand reklamiert.» Gegenwärtig bewachen die weissen Hunde 20 Schafe. Auch zwei Esel sind mit von der Partie. Sie haben die Aufgabe, für den Einsatz fernab von Stall und Siedlungsgebiet alles Notwendige zu tragen.

Hunde am besten ignorieren

Am oberen Ende grenzt die abschüssige Weide an den Panoramaweg. Dieser wird von Spaziergängern und Hundebesitzern rege frequentiert. Schilder am Zaun informieren die Leute über das richtige Verhalten rund um Herdenschutzhunde: eigene Hunde anleinen, nicht am Zaun stehen bleiben, Herdenschutzhunde und Schafe nicht ansprechen oder sonstwie ablenken.

Die Gefahr von Störungen ist gegenseitig. Die Hunde können sich zu sehr an die Menschen gewöhnen und anfangen ihnen nachzulaufen, und Eindringlinge können auf der Weide angegriffen werden. «Herdenschutzhunde sind territorial», erklärt Daniel Mettler vom Herdenschutzprogramm Agridea in Lausanne. «Für einen fremden Hund könnte der Sprung über den Zaun in eine bewachte Weide übel enden.»

Der Einsatz von Herdenschutzhunden auf dieser Weide ist kein Zufall. Letzten Frühling sei ihm auf dieser Wiese ein Schaf gerissen worden, erzählt Christian Mühlethaler. Ob ein Hund, ein Fuchs oder ein Luchs der Übeltäter war, hat er nicht untersuchen lassen. Offenbar hat er den Vorfall gar nicht gemeldet. Denn der zuständige Wildhüter, Peter Traub, sagt, ihm persönlich sei diese Geschichte nicht bekannt.

Schafe brauchen Schutz

Dass seine Schafe im Berner Oberland Schutz brauchen, weiss Christian Mühlethaler seit Jahren. «Ich hatte jeden Sommer Luchsschäden. Deshalb bin ich auf der Agridea-Warteliste so weit nach vorn gerückt, dass ich letztes Jahr einen Welpen bekommen habe.» Dieser war damals noch zu jung für den Einsatz an der Allmendstrasse. Denn ein einzelner Welpe könnte anfangen mit den Schafen zu spielen und plötzlich zubeissen. Dafür «schult» er als Anderthalbjähriger jetzt eine halbjährige Hündin. Gemeinsam mit einem ausgewachsenen Hund kann ein Jungtier nach Auskunft von Agridea-Vertreter Mettler eingesetzt werden.

In Mitholz 50 Schafe bewachen

Herdenschutzhunde werden inmitten einer Schafherde geboren. Das Flair für die Wiederkäuer haben sie instinktiv. Bei Mühlethaler gewöhnen sich die beiden Hunde lediglich an ihre neue Herde. Diese muss einen guten Zusammenhalt aufbauen, denn sie wird nach dem Umzug nach Mitholz - voraussichtlich am 10. Juni - auf rund 50 Tiere erweitert.
Lernen müssen die Hunde nur etwas: fressen aus dem Futterautomaten. Damit die Schafe sich nicht den Magen am eiweissreichen Hundefutter verderben, ist der Automat so hoch angebracht, dass die Hunde ihn nur erreichen, wenn sie sich auf die Hinterbeine stellen. Das Risiko der Völlerei sei trotz des ständigen Futterangebots klein, versichert Daniel Mettler. Dennoch empfehle er den Hundebesitzern, die Tiere ausserhalb der Sömmerung von Hand zu füttern, damit sie nicht verwildern.

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