Für soziales Engagement gab es eine Busse

Eine Firma aus Seon gab einem Jugendlichen die Chance auf eine Lehrstelle – als er die Chance vertat, klagten die Eltern die Firma ein.

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von Andrea Marthaler

«Ich habe eine soziale Ader und will jungen Leuten, die sonst auf der Strasse landen, eine Chance geben», sagt Heinz Bohler. Er leitet die gleichnamige Firma aus Seon, die sich auf die Bearbeitung von Beton spezialisiert hat. Vor zwei Jahren nahm Bohler den 18-jährigen Alessandro Brunelli (Name geändert) in seiner Firma auf. Dieser wohnte damals im Aufnahmeheim Seon und hatte eine abgebrochene Ausbildung hinter sich. Bohler offerierte Alessandro mündlich eine Praktikumsstelle mit der Aussicht, später eine Lehre machen zu können. Gemeinsam mit den Eltern und der Heimleitung wurden Abmachungen getroffen, die Alessandro einzuhalten hatte.

Die ersten Wochen im Betrieb verliefen zufriedenstellend. So organisierte Bohler dem Jugendlichen eine Wohnung in Seon, als dieser wegen eines unerlaubten Besuches im Mädchentrakt aus dem Heim geflogen war. Danach häuften sich die Probleme - Alessandro erschien immer wieder zu spät zur Arbeit. Eines Tages erschien er gar nicht. Per SMS meldete er sich krank. Darauf suchte Bohler seinen Praktikanten in der Wohnung auf, wo dieser munter an der Tür erschien. Zudem hatte er weiblichen Besuch. Für Bohler reichte dies: «Da Alessandro ganz klar unsere Abmachungen verletzt hatte, sprach ich die fristlose Kündigung aus.»

Darauf schalteten Alessandros Eltern einen Anwalt ein, der die Firma verklagte. Sie forderten, dass die fristlose Kündigung rückgängig gemacht wird und dem Sohn ein voller Lohn statt des abgemachten Praktikantenlohnes von 1800 Franken gezahlt werde. «Es wurde versprochen, dass mein Sohn eine Lehre bei Heinz Bohler macht. Diese Abmachung hat er nicht gehalten», sagt Alessandros Vater. Für ihn sei klar gewesen, dass Bohler die Vorgeschichte seines Sohnes kenne und entsprechend anders hätte handeln müssen. Eine Probezeit sei zwar abgemacht gewesen, aber die Kündigung aufgrund des Vorfalls sei für ihn nicht gerechtfertigt. «Es ist nicht bewiesen, dass mein Sohn nicht krank gewesen ist. Der Mädchenbesuch ist dafür kein Beweis.»

Vor Arbeitsgericht erhielt Familie Brunelli Recht. Jetzt muss die Firma Heinz Bohler die Lohndifferenz bezahlen sowie die bei einer ordentlichen Kündigung verstreichende Frist von einem Monat ausgleichen. Total summiert sich die Busse auf 21 000 Franken.

Bohler macht sich jetzt grundsätzliche Gedanken: «Wir werden solchen Leuten künftig keine Chance mehr geben.» Er würde gerne jungen Leuten eine Stelle anbieten und diese von der Strasse holen, könne jedoch schwierigen Fällen, die wenig leisten, nicht den nach Gesamtarbeitsvertrag geforderten Lohn eines Hilfsarbeiters von über 4000 Franken bezahlen.

Den Vorwurf, mit Praktikumsstellen Arbeitskräfte auszunutzen, versteht Bohler nicht. Den Vorwurf könne man beim Fall Alessandro auch nicht geltend machen, da die Anstellung für den Jugendlichen eine Chance war. Für Heinz Bohler ist klar: «Es braucht ein Instrument, um für schwierige Fälle vorerst einen tieferen Lohn zu bezahlen.» Im Moment sei der Aufwand zu gross, um eine Ausnahmeregelung zu erreichen.

Ganz aufgeben will Bohler noch nicht. Auch nach dem Scheitern von Alessandro stellte er auf ähnlicher Basis wieder einen Jugendlichen ein. In der über 20-jährigen Firmengeschichte konnte er schon einigen scheinbar hoffnungslosen Fällen eine neue Perspektive geben.

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