Hasler
Für einen Kaffee und ein Stück Vertrauen

Es braucht keine speziellen Voraussetzungen, um als Vormund, Beirätin oder Beiständin tätig zu sein, wie es Kathrin Hasler macht. Das könnte sich aber bald ändern: Rufe nach Professionalisierung werden laut.

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Für einen Kaffee und ein Stück Vertrauen

Für einen Kaffee und ein Stück Vertrauen

bz Basellandschaftliche Zeitung

Karin Oetterli Portmann

Kathrin Hasler bewohnt in Sissach ein geräumiges Haus mit grossem Umschwung. Das sieht nach viel Arbeit aus, vor allem wenn man bedenkt, dass sie daneben in einem 50-Prozent-Pensum ihrem Beruf als Immobilienfachfrau nachgeht und auch Präsidentin der Sozialhilfebehörde ist. Trotzdem unterstützt sie auch noch zwei fremde Menschen, einmal in der Funktion als Beiständin, einmal als Beirätin.
Warum hat sie diese Aufgabe zusätzlich übernommen? «Ich habe meine betagten Eltern betreut. Nach ihrem Ableben konnte ich wieder mehr Zeit der Allgemeinheit widmen», erläutert Hasler ihre Motivation und betont damit gleichzeitig die Notwendigkeit von Freiwilligenarbeit. Unsere Gesellschaft funktioniere nicht zuletzt deshalb gut, weil überall Menschen ehrenamtlich im Einsatz stünden.

Langsam Vertrauen aufbauen

Die Aufgabe von Kathrin Hasler ihren Mündeln gegenüber besteht konkret darin, deren Vermögen zu schützen, also die Finanzen zu verwalten. Sie stellt ein Budget auf, bezahlt Rechnungen, hält Kontakt zu Ämtern, Ärzten und Angehörigen, geht neue Schuhe kaufen. Und sie investiert Zeit in eine gute Beziehung. Bei der alten Frau, der Hasler als Beirätin zur Seite steht, hat der Weg zum Vertrauen zwei Jahre gedauert. Dafür hat sie Verständnis: «Keiner mag es, wenn über ihn bestimmt wird.»

Einschneidender Eingriff

Vormundschaft, Beiratschaft und Beistandschaft unterscheiden sich durch das Mass des Eingriffes in die Persönlichkeitsrechte eines Bürgers. Während die bevormundete Person ihre Handlungsfähigkeit verliert, bedeutet die Beistandschaft nur eine Unterstützung in besonderen Situationen. Gründe für eine Massnahme können beispielsweise Minderjährigkeit, Sucht, psychische oder körperliche Krankheit oder Verwahrlosung sein. In der Regel wird zuerst im Verwandten- und Bekanntenkreis nach einer geeigneten Person für das Mandat gesucht. Erst dann greift die Vormundschaftsbehörde auf die Liste Freiwilliger zurück, die jedem interessierten Bürger offensteht. In klar definierten oder sehr komplexen Fällen kommt die Amtsvormundschaft zum Zuge. Zuständig für das Vormundschaftswesen ist die Vormundschaftsbehörde jeder Gemeinde, die meist deckungsgleich mit dem Gemeinderat ist. Aufsichtsorgan und nächsthöhere Instanz ist das kantonale Vormundschaftsamt in Pratteln. (oet)

Den Zeitaufwand für ein Mandat anzugeben, findet Kathrin Hasler schwierig, nennt dann aber doch grob geschätzte zwei Stunden pro Woche. Wenn nur Rechnungen bezahlt werden müssen, ist der Aufwand geringer. Wenn aber zum Beispiel ein Haushalt aufgelöst werden muss, liegt er viel höher. Der Verdienst ist marginal, die Spesen werden jedoch erstattet. «Immerhin gibt es einen Kaffee, wenn ich einmal auf mein Mündel warten muss», sagt sie schmunzelnd.

Hilfreiche Kontrolle

Das Mandat unterliegt strengstem Datenschutz, verbietet es also einer Person, über ihre Arbeit zu reden. Umso mehr betont Hasler die Wichtigkeit, in der Vormundschaftsbehörde einen Ansprechpartner zu haben, der mitdenkt und berät. Die regelmässige Kontrolle durch die Behörde begrüsst sie; das sei eine Bestätigung für die ordnungsgemässe Ausführung ihrer Aufgabe.
Übernimmt in Sissach ein Bürger oder eine Bürgerin neu ein Mandat, wird er oder sie eingeführt und erhält umfangreiches Dokumentationsmaterial. Spezielle Eigenschaften oder ein Vorwissen brauche man für dieses Engagement nicht, meint Kathrin Hasler. «Jeder, der sich zutraut, eine einfach Buchhaltung zu führen und kurze Berichte zu verfassen, erfüllt die administrativen Anforderungen.» Was es jedoch brauche, seien eine Portion Geduld und Belastbarkeit. Eine Amtsdauer ist auf zwei Jahre festgelegt - man kann das Mandat also später auch wieder abgeben.

Dass das nicht zu viele tun, hoffen wohl die kommunalen Vormundschaftsbehörden. Denn das System der Ehrenamtlichkeit scheint langsam an seine Grenzen zu stossen. So suchte etwa kürzlich die Vormundschaftsbehörde von Füllinsdorf per Inserat dringend nach Privatpersonen, die ein Mandat übernehmen, mit Hinweis darauf, dass «immer mehr Menschen auf Hilfe von Drittpersonen angewiesen sind». Die Präsidentin Ursula Häring nennt die folgenden Ursachen: «Die Zahl älterer und psychisch kranker Menschen steigt. Gleichzeitig nimmt die innerfamiliäre und nachbarschaftliche Unterstützung ab.»

Zunehmend Sache von Profis

Petra Schmidt von der Vormundschaftsbehörde Sissach und Mitinitiantin des Vormundschaftsforums bestätigt diese Aussage, bringt aber noch einen weiteren Aspekt ins Spiel: «Die Fälle werden immer komplexer, so dass Sozialkompetenz für ein Mandat alleine oft nicht mehr reicht.» Gefragt ist Fachkompetenz und oft auch der Einbezug von Institutionen wie Suchtberatung oder Familienbegleitung. Geht man also bald weg von der kostenlosen Freiwilligenarbeit und hin zur bezahlten Professionalisierung? «Daran wird auf Dauer wohl kein Weg vorbeiführen», sagt Schmidt.

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