Aids
«Für ein derartiges Verhalten fehlen mir die Worte»

Wie Astrid Käslin, Muri, vor 24 Jahren selber mit dem HI-Virus angesteckt, über die Affäre des No-Angels-Popstars Nadja Benaissa (26) denkt.

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Astrid Käslin

Astrid Käslin

Aargauer Zeitung

Toni Widmer

«Die Verhaftung von No-Angels-Sängerin Nadja ist das dominierende Thema bei uns im Coiffeursalon. Es kann niemand verstehen, was sie gemacht hat. Ein One-Night-Stand ohne Kondom im Wissen darum, dass sie HIV-positiv ist. Das ist nicht nachvollziehbar.» Wenn sie das höre, dann werde sie wütend, sagt die 45-jährige Coiffeuse Astrid Käslin. Der Fall der 26-jährigen Nadja Benaissa, die einen Mann mit dem tödlichen Virus infiziert haben soll, bewegt die Murianerin zutiefst. Sie selbst hat vor 24 Jahren erfahren, dass sie das HI-Virus in sich trägt. Angesteckt hatte sie ihr damaliger Freund. Er verschwieg ihr seine Krankheit und schützte sich beim Verkehr nicht.

Der erste Aids-Prozess

Astrid Käslin wurde 1985 von ihrem Freund K. mit dem HI-Virus infiziert. K. hatte über Jahre mit mehreren Frauen ungeschützten Verkehr, obwohl er um seine Krankheit wusste. Seine erste Frau und seine Tochter waren an der Krankheit gestorben. 1992 kam es in Muri zum ersten Aids-Prozess in der Schweiz. K. zog das Urteil weiter und wurde 1995 vom Bundesgericht rechtskräftig zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Er lebt noch, musste aber wegen seiner Krankheit die Strafe nie absitzen. (to)

Ausreden lässt sie nicht gelten

«Es kommt alles wieder hoch. Die Fragen nach dem Wieso und Warum. Die Ungewissheit, die Angst, die Gerichtsverhandlungen», sagt Astrid Käslin. Sie wolle nicht vorverurteilen. Aber Nadja müsse doch klar gewesen sein, was sie anrichten könne, wenn sie sich als Infizierte nicht schütze. «Sie hat in Kauf genommen, dass sie jemanden ansteckt. Für ein derartiges Verhalten fehlen mir die Worte.»

Die Murianerin lässt auch die gängige Ausrede nicht gelten, in gewissen Situationen könnten Menschen eben nicht mehr klar denken: «Das ist völliger Unsinn.» Wenn eine HIV-positive Person mit einer anderen Person ungeschützt verkehre, habe das mit Gedankenlosigkeit nichts zu tun. Da könne man dem anderen ja gleich die Pistole an den Kopf setzen.

Astrid Käslin lebt seit 15 Jahren mit ihrem ebenfalls HIV-positiven Partner zusammen. Sie beide wüssten, was es heisse, nicht mehr gesund zu sein: «HIV mündet früher oder später in die tödliche Krankheit Aids. Das ist Tatsache. Manchmal habe ich das Gefühl, das sei den Leuten heute einfach zu wenig bewusst.» Es sei schlicht und einfach dumm, sich beim Sex nicht zu schützen. Ausser man habe die absolute Gewissheit, dass der Partner oder die Partnerin gesund ist.

Gefährliche Verniedlichung

Was Astrid Käslin in diesem Zusammenhang extrem stört, sind Berichte über einen angeblichen Rückgang der Ansteckungsgefahr. So ist - im Zusammenhang mit einer neuen Studie - in verschiedenen Medien kürzlich berichtet worden, bei der richtigen Dosierung entsprechender Medikamente gehe das HI-Virus so stark zurück, dass es nicht mehr ansteckend sei. «Wenn Ärzte eine solche Ansage machen, dann handeln sie

absolut fahrlässig», sagt eine Frau, die es wissen muss. Bei ihr selber würden die Blutwerte alle drei Monate gemessen und tatsächlich seien auch in ihrem Körper keine messbaren Aids-Viren mehr vorhanden. Doch: «Eine Grippe, eine andere Infektion oder eine plötzliche Resistenz gegen Medikamente und schon sind die Blutwerte innerhalb von wenigen Tagen wieder anders. Ich bin infiziert und habe mich beim Geschlechtsverkehr zu schützen. Alles andere wäre unverantwortlich.»

Sich mit der Krankheit arrangiert

Ebenfalls ärgerlich ist für Astrid Käslin die Kampagne von Papst Benedikt XVI.: «Er bezeichnet Aids als Strafe Gottes und verbietet den Gebrauch von Kondomen. Für mich ist das unbegreiflich. Als gläubiger Mensch, der ohne eigenes Verschulden mit dem HI-Virus angesteckt worden ist, empfinde ich seine Aussagen als absolut diffamierend und unchristlich.»

Die attraktive und gepflegte Frau selber hat sich mit ihrer Krankheit arrangiert. Körperlich machten sich verschiedene Nebenwirkungen der starken Medikamente bemerkbar, die sie seit zwei Jahrzehnten einnehmen müsse. Doch psychisch gehe es ihr gut. Nicht zuletzt dank einer positiven Lebenseinstellung: «Ich habe einen sehr lieben Partner, ein gutgehendes Coiffeurgeschäft und auch das weitere persönliche Umfeld stimmt. Also geniesse ich die Zeit, die mir bleibt.»