Sidonia Küpfer

«Ich würde nie an einer Mister-Schweiz-Wahl teilnehmen», sagt Roman Würsch. Der 30-Jährige wird am Samstag im Zürcher Volkshaus mit elf anderen Männern um den Titel des Mister Gay kämpfen, um ein Jahr lang Botschafter der Schwulen-Community zu sein. Eine reine Schönheitswahl interessiere ihn nicht: «Für mich ist das mehr als nur ein Schönheitswettbewerb. Mich reizen die Repräsentationsaufgaben des Mister Gay», erklärt Würsch. Obwohl er die Glitzer- und Glamourwelt des Modebusiness auch spannend fände, wolle er in erster Linie Politik machen: «Ich möchte mich für die Schwulen in der Industrie einsetzen», erklärt er sein Anliegen.

Der Innerschweizer arbeitet als Technischer Leiter bei der Veralit AG in Schlieren: Als gelernter Galvanotechniker bewegt er sich seit Jahren beruflich im industriellen Umfeld. Er selbst habe bislang nie Probleme mit Diskriminierung gehabt. Er habe aber grosse Unterschiede festgestellt, als er einige Monate als Kellner gearbeitet habe: «Als Kellner darf ich viel eher schwul sein», erklärt Würsch. Das passe offenbar besser zu den gängigen Clichés über Schwule.

Handfeste Nachteile im Berufsleben widerfuhren Würsch bislang nicht. Er kennt aber aus eigener Erfahrung die Bedenken rund um einen Stellenwechsel: «Sag ich dem potenziellen Arbeitgeber, dass ich homosexuell bin? Wann sage ich es ihm? Und was, wenn er ein Problem damit hat?», blickt Würsch zurück auf seine Anstellung bei der Schlieremer Veralit. Dort traf er auf einen aufgeschlossenen Chef, der ihm im Vorstellungsgespräch durch die Blume zu verstehen gab, dass er kein Problem mit Schwulen habe.

Serge Bollier, Geschäftsführer der Veralit, denkt mit einem Schmunzeln an sein erstes Treffen mit Würsch zurück: «Mir war sofort klar, dass Roman schwul ist. Er ist viel zu schön, um heterosexuell zu sein.» Bollier unterstützt den Entscheid seines Angestellten, bei der Mister-Gay-Wahl mitzumachen und er hat Verständnis für Würschs Anliegen, sich für die Schwulen in der Industrie einzusetzen: «Die Akzeptanz ist wohl teilweise nicht gerade hoch. Wir in der Industrie sind eher ein konservatives Volk.» Ganz anders Bollier selbst, der sich als sehr liberal bezeichnet. Ihm sei es egal, ob seine Mitarbeiter das Bett mit Frauen oder Männern teilten.

Das Motto seines Unternehmens, «Max flexibility, no tolerance», beziehe sich natürlich auf die Qualitätsansprüche der Mitarbeitenden und keineswegs auf die Toleranz gegenüber anderen Lebensformen, erklärt Bollier lachend. Ob Roman Würsch tatsächlich einen Sinneswandel herbeiführen könne, ist er sich aber nicht sicher. Er befürchte eher, dass Schwulenfeindlichkeit erst durch einen Generationenwechsel verschwinden werde.

Für Würsch ist klar: «Auch wenn wir Homosexuelle am letzten Drittel der Strecke zur Gleichberechtigung kratzen, darf die Arbeit nicht aufhören.» Es brauche Köpfe, die sich öffentlich zeigten und mit denen sich Homosexuelle identifizieren könne. Gerade für junge Menschen sei wichtig zu sehen, dass man auch als Schwuler ein glückliches Leben führen könne.

Würsch selbst outete sich mit 22Jahren. Als Jugendlicher fand er sein Schwulsein als schwierig, zumal er in einem kleinen Innerschweizer Dorf aufwuchs. Kürzlich sei dort in einer Zeitung über ihn berichtet worden. Eine Freundin habe ihn an seine eigene Pubertät erinnert und ihn gefragt, was es für ihn bedeutet hätte, damals einen solchen Artikel zu lesen: «Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Es hätte mir so geholfen, wenn ich gesehen hätte, dass das auch geht und dass das auch normal ist», sagt Würsch.

Mit 30Jahren kandidiert er nun für das Amt des Mister Gay. Er habe die Ausschreibung in einem Schwulenmagazin entdeckt. Sein Freundeskreis habe ihn zur Teilnahme ermutigt und werde am Samstag im Publikum sitzen. Die Vorbereitungen auf den grossen Abend laufen schon seit Monaten: «Da gingen einige Wochenenden drauf», sagt Würsch.

Am Samstag entscheidet sich also, wer zum Nachfolger von Ricco Müller gewählt wird. Der gehörlose Mister Gay 2009 gewann die Wahl zum Mister Gay International in Manila. Roman Würsch reizt die internationale Bühne weniger. Ricco Müller hat er kennen gelernt und schwärmt: «Ricco hat es super als Mister Gay gemacht.» Würsch selbst hat sich als Minimalziel gesteckt, die erste Runde zu überstehen. Dann muss nämlich die Hälfte der Kandidaten ihre Titelhoffnungen begraben. Seine politischen Anliegen möchte Würsch aber auch weiterverfolgen, sollte er am Samstag nicht gewählt werden.