«Früher waren wir die Guten»

Der gestiegene Ritalin-Konsum hat die Diskussion um hyperaktive Kinder angeheizt. Hannes Geiges ist Betroffener und Kinderarzt. Er fordert eine Früherkennung.

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Aargauer Zeitung

Felix Straumann

Herr Geiges, Sie sind Kinderarzt und haben ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom), kennen deshalb beide Seiten. Wie machte sich bei Ihnen ADS erstmals bemerkbar?

Hannes Geiges: In meiner Kindheit kannte man ADS noch nicht. «Mein Leiden» fing in der Schule mit einer Legasthenie an. Orthografie, Schrift und Lesen waren bei mir miserabel. Mit einer solchen Teilleistungsstörung galt man früher einfach als dumm. Bei mir war man nur leicht erstaunt, dass ich trotzdem gut rechnen konnte.

Litten Sie noch unter anderen Symptomen?

Geiges: Ich war ruhig und verträumt, und man hat mir vorgeworfen, dass ich jähzornig sei. Aber ich hatte auch viele gute Züge der ADSler. Ich war sehr hilfsbereit und an vielen Dingen interessiert. Wenn mich etwas faszinierte, konnte ich unendlich lange mit viel Konzentration und Geduld dahintergehen.

Sie waren etwa dreissig, als Sie herausgefunden haben, dass Sie ein ADSler sind. Haben Sie sich auch mit Ritalin behandelt?

Geiges: Ritalin ist kurz vor meiner Matura aufgekommen. Damals hiess es: «Mit dem kannst du viel besser lernen.»

HANNES GEIGES Kinderarzt in Rüti ZH und selbst betroffen von ADS. Sein Schwerpunkt: ADS-Kinder sowie Eltern- und Lehrerberatung. Geiges war mehrere Jahre Co-Präsident des Fachverbands praktizierender Kinderund Jugendärzte der Schweiz.

HANNES GEIGES Kinderarzt in Rüti ZH und selbst betroffen von ADS. Sein Schwerpunkt: ADS-Kinder sowie Eltern- und Lehrerberatung. Geiges war mehrere Jahre Co-Präsident des Fachverbands praktizierender Kinderund Jugendärzte der Schweiz.

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Damals schon?

Geiges: Ja, und man konnte es in der Drogerie kaufen. Ich habe das auch gemacht, doch die Lateinnoten blieben genau gleich schlecht. Bei der richtigen Dosis hätte ich sicher darauf angesprochen und ein leichteres Leben in der Schule gehabt. Doch Ritalin ist das am schwierigsten zu dosierende Medikament, das ich kenne.

Rückblickend: Hätten Sie sich als Arzt behandelt?

Geiges: Ich muss sagen, dass ich heute sehr profitiere von den negativen Erfahrungen, die ich in meinem Leben wegen ADS gemacht habe. Ich kann heute froh sein, dass ich nicht alle Hilfen hatte.

Sie sind daran gewachsen?

Geiges: Zweifellos. Ich hatte zum Glück ein gutes Elternhaus, wo man mich nie fertiggemacht hat, wo man mich gern hatte und wo ich unterstützt wurde. Meine Eltern setzten auch nie Lerndruck auf. Zudem waren wir immer in der Natur. Das hat ganz wesentlich dazu beigetragen, dass ich mich selber spüren und erfahren konnte. Mein Glück war aber auch, dass ich einen hohen IQ hatte. Damit konnte ich trotz meiner Defizite genügende Noten schreiben.

Ritalin und ADS

Der Konsum von Medikamenten wie Ritalin hat sich in den letzten zehn Jahren verachtfacht. Die eigentliche Wirksubstanz heisst Methylphenidat und ist auch in
den Medikamenten Concerta und Medikinet enthalten. Sie wird von Ärzten unterstützend bei der Therapie von ADS-Kindern eingesetzt. ADS oder auch ADHS («Zappelphilipp») genannt steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätssyndrom.
(FES) www.elpos.ch, www.adhs.ch

Wie häufig ist ADS?

Geiges: Ich behaupte, dass in der Bevölkerung 20 Prozent ADS haben. Zahlen aus Untersuchungen sind zwar alle tiefer, zwischen 8 und 12 Prozent. Meiner Ansicht nach sind aber ganz viele Betroffene nicht auffällig und werden deshalb nicht beachtet.

Wenn Sie von 20 Prozent reden: Brauchen alle eine Therapie?

Geiges: Nein. Diese 20 Prozent haben nur eine ADS-Veranlagung. Zur Störung kommt es erst, wenn das Umfeld nicht zurechtkommt damit.

Kann man bei so grossen Zahlen überhaupt von einer Krankheit sprechen?

Geiges: Ich bin der Meinung, dass ADS einfach eine Variante der Norm ist. Bei den Nomadenstämmen in Afrika zum Beispiel haben fast 100 Prozent ADS. Das sind jene, die dort überleben. Die Aktiven, die immer schauen, wo es zu essen gibt. Das ist auch der Ursprung unseres Syndroms. Früher waren wir die Überlebenskünstler. Heute müssen wir ruhig und konzentriert am Schreibtisch sitzen und stundenlang zuhören. Damit haben wir Probleme.

Aber Sie sind doch das lebende Beispiel, dass man auch heute Erfolg haben kann mit ADS?

Geiges: Ich hatte trotz ADS und dank meinem Umfeld Erfolg. Lange nicht allen ADSlern ergeht es gut. In den Gefängnissen haben drei Viertel ein ADS. Auch die Drogenszene ist voll davon. Bei den geschiedenen Ehen haben zwei Drittel ein ADS.

Kommt es auch vor, dass Eltern alles richtig machen und das Kind, bei einer extremen Ausprägung des ADS, trotzdem zum Problemkind wird?

Geiges: Ich glaube, dass es das gibt. Ich glaube aber auch, dass wenn man das ganz früh erfasst . . .

Was heisst früh bei Ihnen?

Geiges: Mit acht bis zwölf Monaten. Wir Kinderärzte sind prädisponiert, ein solches Syndrom ganz früh zu entdecken und die Eltern früh zu unterstützen und zu beraten.

Wie erkennen Sie so ein Kind in der Praxis?

Geiges: Zum Beispiel, wenn ein Kind oft schreit, mit neun bis zehn Monaten schon gehen kann, mich wach anschaut und nach allem, was herumliegt, greift. Ich sage den Eltern dann jeweils: «Wenn euer Kind diese Veranlagung tatsächlich haben sollte, wird es ein ganz lustiges, wertvolles Kind. Es wird euch aber mehr Arbeit machen als ein anderes.» Solche Kinder schlafen schlechter ein, schreien zum Beispiel häufiger in der Nacht und gehorchen nicht so gut. Die Eltern müssen deshalb auch wissen: Strafen bringt nichts, man muss ADSler ruhig, liebevoll und wertschätzend anleiten.

In den Medien wurde berichtet, dass heute achtmal mehr ADS- Medikamente wie Ritalin verschrieben werden als vor zehn Jahren. Beunruhigt Sie das?

Geiges: Nicht wegen des Ritalin selber. Die Kinder profitieren davon und die Nebenwirkungen sind klein. Es ist jedoch ein beunruhigender Ausdruck der Gesellschaft, dass immer mehr verschrieben werden muss. Ein Grund ist sicher, dass es heute in vielen Kinderzimmern Computer, TV und Handys hat. Zudem wird der Druck auf Eltern, Lehrer und Kinder, nicht zu versagen, immer grösser. Und weil Paare oft nur noch ein oder zwei Kinder haben, wollen sie nicht, dass ihr Nachwuchs in unserer Gesellschaft nicht besteht - ein Anspruch, den ich gut verstehe.

Wann kommt bei Ihnen in der Praxis Ritalin ins Spiel?

Geiges: Wir wenden Ritalin nur an, wenn ein Leidensdruck vorliegt. In Verbindung mit einer beratenden Begleittherapie kann es dann viel Gutes bewirken. Es ermöglicht dem Kind Erfolgserlebnisse, was sein Selbstwertgefühl stärkt und ihm hilft, sein Problem zu bewältigen. Das Ziel von Ritalin ist nicht, dass Kind anzupassen oder auf Höchstleistung zu trimmen.