Ruth Steiner

Sie wohnen in Zürich. Und doch sind Sie mit der Region verbunden.
Raimund Wiederkehr: «Ich bin mit dem Aargau gleich mehrfach verbunden. Bis vor Jahresfrist habe ich mit meiner Familie in Böttstein gewohnt, in einem sehr familien- und musikfreundlichen Umfeld. Die Rebberge und weiten Wälder haben mich stets aufs Neue inspiriert. Zudem ist mein Heimatort Gontenschwil. Kirschenpflücken bei den dortigen Verwandten gehören zu meinen unbeschwerten Kindheitserinnerungen. Ausserdem absolvierte ich meine Rekrutenschule in Aarau. Später machte ich meinen Militärdienst als Singsoldat bei der Swiss Army Big Band unter der Leitung von Pepe Lienhard.»

Weshalb sehen wir Raimund Wiederkehr in der Rolle des René, Graf von Luxemburg? Sind Sie das erste Mal in Möriken?
Wiederkehr: «Ja, ich trete das erste Mal hier in Möriken auf. Und zwar habe ich mich auf ein offizielles Inserat in der Schweizer Musikzeitung beworben. Was ich hier in Möriken vorfinde, ist sehr bemerkenswert. Da ist der spürbare Wille vorhanden, Geld in kulturelle Vorhaben zu investieren, was absolut nicht selbstverständlich ist. Das Projekt wird sehr professionell geführt, doch lassen die Veranstalter der künstlerischen Leitung den notwendigen Freiraum bei der Realisation des Stückes.»

Hat diese Rolle für Sie eine besondere Bedeutung?
Wiederkehr: «René (Anm. der Graf von Luxemburg) ist einfach ein prächtiger Kerl, der das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen geniesst. Er ist lustig und verliebt, er ist enttäuscht und traurig. Gleichsam musikalisch facettenreich ist die Partie und deshalb sehr anspruchsvoll. Lehárs Musik ist nicht nur «lüpfig» wie beispielsweise ein Strauss, sie kann auch schwer sein wie ein gut gereifter Rotwein. Es ist eine dankbare Rolle, die mir von der Stimmlage her ausgezeichnet liegt und bei der ich meine Spielfreude voll ausleben darf.»

Wie oder inwieweit identifiziert sich Raimund Wiederkehr mit dem René, Graf von Luxemburg?
Wiederkehr: «Damit eine Rolle für den Zuschauer glaubwürdig wirkt, muss man sich in jede Situation hineinversetzen können. Der René ist ein Geniesser, ein mittelloser Lebemann, der eine Frau trifft, sich in sie verliebt und anschliessend ausgelacht und gedemütigt wird. Enttäuschung und Niederlage sind sehr lebensnahe Gefühle, Genuss und Fröhlichkeit darzustellen, ist technisch schwieriger und für den Künstler anspruchsvoller. Persönlich habe ich eine Schwäche für lustige Rollen, deshalb bin ich dankbar, dass René auch seine lustigen Seiten hat.»

Sie spielen diese Rolle zum ersten Mal. Wie muss man sich deren Vorbereitung vorstellen?
Wiederkehr: «Die Rolle habe ich von Grund auf neu gelernt. Während der vergangenen sechs Monate habe ich intensiv daran gearbeitet. Dabei ist vor allem das physische Training wichtiger Bestandteil der Vorbereitung. Die Stimmbänder und die Muskeln müssen fit sein, damit ich meinen Part zwanzigmal professionell auf die Bühne bringen kann. Genau so, wie es der Zuschauer erwartet und wofür er sein Geld ausgegeben hat.»

Wie arbeitet es sich in Möriken generell und mit den vielen Laiendarstellern?
Wiederkehr: «Der Gemeindesaal bietet eine tolle Plattform für derartige Projekte und verfügt über eine ausgezeichnete Akustik. Regisseur Thomas Dietrich ist ein Operettenspezialist durch und durch. Er kennt sein Metier. Seine Detailtreue ist nicht zufällig, sondern bei der Operette wichtige Grundlage für stimmiges Musiktheater. Gleichzeitig lässt er dem Künstler den Spielraum, sich zu geben, wie er ist. Das wirkt sich positiv auf die Aufführung aus. Der Chor ist das Fundament des Stückes, er stützt die gesamte Inszenierung. In Möriken sind sämtliche Teilnehmer mit Begeisterung dabei, produzieren eine gute Stimmung und verfügen auch gesanglich über einen hohen Standard.»

Arbeiten Sie sonst eher auf städtischen Bühnen?
Wiederkehr: «Mein Schaffen ist vielseitiger Natur. Ich habe immer wieder Engagements am Städtebundtheater Biel-Solothurn. Zudem arbeite ich als Gesangs- und Klavierlehrer an der Kantonsschule Zürich, übernehme immer wieder die Leitung von Theatermusik, z.B. im Bernhard
Theater, und leite zwei Chöre im Grossraum Zürich.»

Gibt es eine Lieblingsrolle?
Wiederkehr: «Ich gebe gerne Konzerte und Liederabende, wie neulich eine Schubert-Soiree in Aarau, singe aber ebenso gerne grosse Oratorien von Bach oder Mendelssohn. Ja, und dann ist da eine Schwäche für Operetten vorhanden, beispielsweise für eine Rolle wie die des Gabriel von Eisenstein in der Fledermaus von Strauss.»

Haben Sie musikalische Vorbilder?
Wiederkehr: «Fritz Wunderlich ist seit jeher mein Idol. Seine Stimme berührt und klingt immer toll, egal ob er Bach, Mozart, Operette oder Schlager vorträgt. Aber auch ein Frank Sinatra fasziniert mich. Es ist einerlei, welchen Stil man selber singt, andere Musikrichtungen sind für die eigene Entwicklung eine grosse Bereicherung.

Weshalb dürfen die Leserinnen und Leser des «Lenzburger Bezirks-Anzeigers» die Operette unbedingt nicht verpassen?
Wiederkehr: «Der Graf von Luxemburg ist ein Feuerwerk in jeder Beziehung, gespickt mit vielen musikalischen Höhepunkten und unglaublich schönen Melodien. Die hervorragende Inszenierung geht zu Herzen und berührt die Sinne gleichermassen. Auf der Bühne wird das pralle Leben in einer Üppigkeit ohnegleichen dargestellt. Zudem erhält der Besucher eine meines Erachtens tiefgründige Botschaft mit auf den Weg: Sowohl die schönen als auch die tiefen Seiten des Lebens haben einen Sinn. Glücklich ist, wer sein Bestmög-lichstes gibt und im Erreichten seine Zufriedenheit findet.»