Aargau
Freude über frühe Traubenblüte

Auch die Weinbauern freuen sich über das schöne Wetter, das aber einen vollen Einsatz nötig macht: Mähen des Grases, Abnehmen der Triebe und Spritzen gehören zur Tagesordnung. Die Aussichten für grosse Trauben und gute Qualität sind intakt.

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Wein

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Aargauer Zeitung

Hans Lüthi

Bei einem Besuch im Rebberg von Seengen, mit einem fantastischen Ausblick auf den tiefblauen Hallwilersee, strotzt Peter Rey vor Zuversicht: Die Aussichten für einen guten Jahrgang 2009 sind punkto Qualität und Menge intakt - soweit man das in diesem frühen Stadium überhaupt beurteilen kann. Aus jahrzehntelanger Erfahrung kann der Aargauer Rebbaukommissär zahlreiche Argumente aufzählen, die seine These untermauern. Ein frühes Jahr hat grundsätzlich den Vorteil, dass die weissen und blauen Trauben im Herbst mehr Zeit zum Ausreifen haben.

Die besten Lagen an den Seen

«Seelagen sind bevorzugte
Lagen, wegen der Reflexion der Sonne und dem Temperaturausgleich», sagt der Aargauer Rebbaukommissär Peter Rey. Es sei ja kein Zufall, dass grosse Weinbaugebiete der Schweiz am Genfersee und am Bielersee liegen. Im Aargau profitieren auch die Südhänge über den Flüssen, aber weniger ausgeprägt. Allerdings ist der Schluss gefährlich, von den besten Lagen gebe es automatisch auch den besten Wein.
«Matchentscheidend für die Qualität ist die Begrenzung der Menge», sagt Rey und denkt vor allem an die blauen Sorten. Je kleiner die Menge, desto höher die Öchslegrade gilt für die Hauptsorte Blauburgunder oder Pinot noir. Spitzenqualitäten sind deshalb in allen diesen sieben Aargauer Weinbauregionen möglich: Aarau und Schenkenbergertal, Fricktal, Seetal/Wildegg, Geissberg, Unteres Aaretal, Reusstal und Limmattal. In 25 weiteren Orten gibt es Rebbau in kleinerem Umfang. Insgesamt zählt die Weinlesekontrolle der Fachstelle für Weinbau auf der Liebegg in Gränichen 70 Gemeinden und gegen 50 Sorten.
Die gesamte Rebfläche des Aargaus umfasst heute rund 400 Hektaren, im Jahre 1881 waren es noch 2681 Hektaren - bis die Reblaus vor rund 100 Jahren ihren Vernichtungszug antrat. Die Rebflächen am Hallwilersee sind nicht so klein, wie mancher Durchreisende annimmt: Insgesamt sind am Brestenberg in Seengen und Meisterschwanden 16,3 Hektaren an den Sonnenhängen mit Reben bestockt. Davon sind 10,5 Hektaren in Seengen und 5,8 Hektaren in Meisterschwanden. Hauptsorte am See ist der Pinot noir mit 12 Hektaren, die Riesling×Sylvaner kommen auf 1,2 Hektaren.
Auch im ganzen Aargau sind
Blauburgunder (Pinot noir) und Riesling×Sylvaner mit Abstand die wichtigsten Sorten, aber daneben gibt es zahllose kennenswerte Spezialitäten. (Lü.)

Kein Rekord wie vor zwei Jahren

Für einen Rekord reicht die frühe Rebenblüte allerdings nicht, denn der Jahrgang 2007 wird in dieser Hinsicht kaum zu überbieten sein: Nach dem heissesten April seit über 140 Jahren blühten damals die Reben überall schon im Mai. «Seit Menschengedenken ist so etwas noch nie vorgekommen», berichteten auch die ältesten Weinbauern mit Erstaunen. «Auch dieses Jahr gab es in den frühen Lagen und bei frühen Sorten schon ab dem 25. Mai vereinzelt blühende Reben», sagt Peter Rey. Doch so wie gestern in Seengen sind die kleinen Trauben jetzt flächendeckend im gleichen Stadium. Das ist zwei Wochen früher als normal, denn Mitte Juni gilt als richtiger Zeitpunkt für die Rebenblüte.

Dank Schnee genügend Wasser

Im direkten Vergleich mit vor zwei Jahren hat der jüngste Winter und vor allem der Frühling aus fachlicher Sicht deutliche Vorteile: «Die Kälte war kein Problem, die Reben ertragen Temperaturen bis minus 18 Grad, aber die Schneedecke hat sich sehr positiv ausgewirkt. Das Wasser konnte sukzessive in den Boden eindringen», erklärt Rey. Genau das erweist sich jetzt als grosser Vorteil, denn April und Mai waren überall viel zu trocken, es gab nur Bruchteile der üblichen Frühjahrsniederschläge. Die starke Bise über Pfingsten und seither hat die Böden zusätzlich ausgetrocknet. «Ein sanfter Regen oder ein Gewitter mit 30 bis 40 Millimeter Niederschlägen wäre jetzt schon sehr gut und dringend nötig», wünscht der Rebbaukommissär - und mit ihm alle Weinbauern.

Junge Trauben sind sehr gross

Der Wunsch nach Regen mag da und dort als Widerspruch gedeutet werden, denn exakt für die Blütezeit sind die Trauben auf schönes Wetter angewiesen. Das hat aber nichts mit den Bienen zu tun, denn die Reben sind Zwitter und Selbstbefruchter. Aber über dem Blütenstand hat es ein Käppchen, das bei zu viel Nässe verkleben kann. Kein Problem sind die für dieses Wochenende angekündigten Regenfälle: «Ein bis zwei Tage Niederschläge verkraften die Blüten problemlos», beruhigt Rey. Auffallend heute: Die jungen Trauben sind sehr gross, was von der Menge her schon jetzt auf einen mengenmässig guten Jahrgang schliessen lässt.

Arbeit wächst über den Kopf

Die zusätzlichen Sonnenstunden dieses Frühlings bereiten primär Freude, haben aber auch ihre Schattenseiten. Den Rebbauern wächst die Arbeit buchstäblich über den Kopf, die Triebe haben schon die obersten Drähte erreicht und wachsen ungestüm weiter. Das zwingt zu einem Mehrfacheinsatz, bei dem die professionellen Produzenten ohne Maschinen hoffnungslos verloren wären. «Jetzt gibt es brutal viel zu tun, Gras- mähen, Abbrechen der zu langen Triebe und der Geiztriebe sowie das Spritzen für den Pflanzenschutz fallen alle zur gleichen Zeit an», schildert Peter Rey die Situation. Selbstverständlich erbringen die Rebbauern diesen Sondereffort gerne, beflügelt von der Freude am ungestümen Wachstum - und der Aussicht auf einen guten Jahrgang. Bodenständige Weinbauern warnen davor, das zu verschreien, mit der Feststellung: Gesichert ist die Qualität erst, wenn die Trauben in den Trotten sind. Denn kein Mensch könne heute mit Sicherheit sagen, was der Sommer 2009 bringen werde.

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