Es dürfte wohl selten vorkommen, dass eine Lokomotive als Kulisse für ein Selfie herhalten muss. Ganz anders ist das bei der Re-460-Lok, die für eine Imagekampagne der SBB wirbt. Der Grund dafür ist allerdings nicht der seitlich aufgedruckte Slogan «Gemeinsam für Sie unterwegs». Nein. Der Grund, warum gerade Männer gerne vor der Lok posieren, ist die auf der Vorderseite abgebildete Frau. Sie trägt eine Dienstuniform, im Fokus steht ihr Décolleté, Kopf und Unterkörper sind abgeschnitten. Die Scheinwerfer der Lok könnten geradezu den Busen der Frau bilden.

Originell oder sexistisch? Sollen die SBB so in eigener Sache werben? Ob die Werbung in Ordnung ist, fragen sich nicht nur Pendler. Für David Gerber von der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes ist klar: Das Sujet auf der Lokomotive ist sexistisch. Die Darstellung von einzelnen Körperteilen sei die gängige Machart sexistischer Werbung, sagt er. «Eine Frau wird darauf reduziert und somit als Objekt abgewertet.» Zudem sei in der Frontalansicht nicht klar, welche Absicht hinter dem Sujet steht. Gerber spricht deshalb von einem «reinen Blickfang».

«Keine Diskriminierung»

Nach gängiger Definition ist Werbung sexistisch, wenn Körper ohne inhaltlichen Zusammenhang zum beworbenen Produkt dargestellt werden. Die SBB wehren sich auf Anfrage gegen den Vorwurf, dass ihre Lokomotive in diese Kategorie fällt. «Auf der ‹Lok für das Zugpersonal› ist keine Diskriminierung zu erkennen», sagt SBB-Mediensprecher Daniele Pallecchi. Das Zugpersonal habe das Erscheinungsbild mitgestaltet. Und überdies sei auf der anderen Vorderseite ein Mann abgebildet.

Nackte Tatsachen, zweideutige Slogans, fragwürdige Bildausschnitte: Was sexistisch ist, entscheidet zunächst der Betrachter. Die Beurteilung ist gerade deswegen heikel, weil sich die Ansichten über den guten Geschmack unterscheiden. Und bisweilen ist der Übergang von erotischer Ironie zu abwertender Diskriminierung fliessend.

Zwar gibt es in der Schweiz kein Gesetz, das sexistische Werbung verbietet. Aber Organisationen wie Terre des Femmes definieren Leitlinien, die aufzeigen, was zulässig ist. Daneben beschäftigt sich auch die Lauterkeitskommission mit sexistischen Kampagnen.