«Frauenfrage soll keine Rolle spielen»

Die liberale Genfer Nationalrätin Martine Brunschwig Graf (59) wird sich am 23. Juli von der Kantonalpartei für die Couchepin-Nachfolge nominieren lassen. Die Kandidatur für FDP-Präsident Pelli zurückzuziehen, kommt nicht infrage.

Beat Rechsteiner

Frau Brunschwig Graf, werden die Frauen im Bundesrat bald in der Mehrheit sein?
Martine Brunschwig Graf: Gäbe es denn ein Problem damit? Wenn es vier Männer sein können wie im Moment, ist es auch möglich, dass es dereinst vier Frauen sind.

Wird die Frauenfrage überhaupt eine Rolle spielen bei der Wahl?
Brunschwig Graf: Das soll sie gar nicht. Es gibt viele Kriterien, die wichtiger sind als das Geschlecht des Kandidaten. Wir befinden uns in einer schwierigen Zeit und brauchen einen starken Bundesrat. Das Parlament soll die Kandidaten an ihren Qualitäten messen und nicht Eigenschaften wie Alter, kantonale Herkunft oder eben Geschlecht in den Vordergrund stellen.

Sie rechnen also nicht damit, vom Frauenbonus zu profitieren?
Brunschwig Graf: Nein.

Warum sollten die Parlamentarier Sie wählen?
Brunschwig Graf: Es braucht überzeugungsstarke, entscheidungsfreudige Politiker im Bundesrat, die eine Vision haben und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Das sind Qualitäten, die ich mitbringe.

Was ist Ihre Vision?
Brunschwig Graf: Die Schweiz ist vom Ausland her unter Druck geraten, und man muss nun alles daran setzen, die Position des Landes international wieder zu verbessern. Dafür muss man innen- wie aussenpolitisch sehr viel arbeiten, und zwar mit langfristigem Fokus. Wir müssen auch in Zukunft ein starker Standort sein.

Sie waren von 1993 bis 2005 Mitglied der Genfer Kantonsregierung. Wird diese Erfahrung zu Ihrem grössten Plus?
Brunschwig Graf: Ich hoffe es. Ich weiss, was es heisst, Krisen durchzustehen oder mit wenig Geld in der Staatskasse auskommen zu müssen. Ich glaube schon, dass ich in dieser schwierigen Zeit diese Erfahrung im Bundesrat gut einbringen könnte, weil ich auch weiss, wie man ruhig und lösungsorientiert arbeitet.

Mit Micheline Calmy-Rey gibt es bereits eine Genfer Bundesrätin. Könnte das für Sie zum Stolperstein werden?
Brunschwig Graf: Ich sehe das Problem nicht, schliesslich haben wir auch zwei Zürcher Männer im Bundesrat. Und das war schon in der letzten Legislatur der Fall. Ich habe nie gehört, dass dies ein Problem sein soll - also wären es auch zwei Genfer Frauen nicht. Umso mehr, als ich aus Freiburg stamme. Die kantonale Herkunft finde ich aber ohnehin nicht so bedeutend. Wichtiger finde ich, ob die Kandidaten die Schweiz kennen und das nötige Gespür für die Regionen haben.

Kennen Sie die Deutschschweiz?
Brunschwig Graf: Ja, vor allem aus meiner Zeit in der Genfer Regierung. Ich verstehe auch Schweizerdeutsch.

Viel diskutiert wird über die Rolle von Fulvio Pelli als Kronfavorit.
Brunschwig Graf: Fulvio Pelli ist Parteipräsident und muss als solcher alles dafür tun, dass die Partei den frei werdenden Sitz von Pascal Couchepin halten kann. Er kann in dieser Rolle nicht Kandidat sein, und ich glaube ihm auch, dass er es momentan nicht sein will. Aber das schliesst nicht aus, dass sich die Fraktion letztlich doch für ihn entscheiden könnte. Nämlich dann, wenn sie zum Schluss käme, er sei der Beste.

Würden Sie Ihre Kandidatur für ihn zurückziehen?
Brunschwig Graf: Nein, warum auch? Wir haben mehrere Kandidaten, und die Fraktion muss entscheiden. Es wäre falsch zu sagen, dass man nur dann kandidiert, wenn Fulvio Pelli es nicht tut. Ich bin mir sicher, dass er das auch nicht wollte, es würde ihn stören.

Zum Schluss: Was macht eigentlich eine Bundesratskandidatin den heissen Sommer über?
Brunschwig Graf: Ich arbeite noch bis Ende Juli, und dann gehe ich mit meiner Familie für zwei Wochen in die Berge. Ich finde es wichtig, den Kopf ganz freizubekommen vor dem Wahlherbst.

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