Tätowierer
«Frauen sind zehnmal weniger schmerzempfindlich»

SONNTAGSGESPRÄCH: Die Dietiker Tätowierer und Piercer Miró Richter und Sascha Helwig über Sommertrends, Verantwortung, Dilemmas, Superrambos und darüber, wieso sie gewisse Stellen nicht tätowieren

Drucken
Tattoo

Tattoo

Schweiz am Sonntag

Von Bettina Hamilton-Irvine

Es ist Sommerzeit und die Menschen zeigen wieder mehr Haut. Ist nun Hochsaison für Tattoos?
Miró Richter: Vor dem Sommer, im April oder Mai, gibt es einen ordentlichen Run. Im Sommer ist es durchzogen, nachher geht es wieder los.

Was sind die aktuellen Trends bei Tätowierungen und Piercings? Klar ist ja, dass das Arschgeweih out ist.
Richter: Na ja, das Arschgeweih sieht eigentlich gar nicht so schlecht aus. Leider wurde es zu oft mit diesen fetten Tribalmustern gemacht, und das sieht hässlich aus. Aber an der Stelle eines solchen kann man auch etwas Schönes machen.

Gibt es neue Trends?
Sascha Helwig: Der absolute Trend im Dezember waren Sterne. Zur Weihnachtszeit wollten alle Sterne haben - ich habe keine Ahnung, wieso. Ich steche das ganze Jahr durch nicht so viele Sterne wie im Dezember.

Vielleicht liessen die sich von den Weihnachtsdekorationen inspirieren?
Helwig: (lacht) Genau, und in ein paar Jahren wollen sie sich alle um Weihnachten einen Tannenbaum stechen lassen.

Gibt es andere Motive, welche die Leute zurzeit öfter verlangen?
Helwig: Schriftzüge. Die kann man so richtig schön machen oder auch sehr hässlich. Ganz schlimm ist, wenn jemand seinen eigenen Namen will, in Druckbuchstaben.

Was ist mit all diesen Retromotiven und farbigen Matrosensujets?
Richter: Das ist wieder im Trend und das finde ich unheimlich chic. Diese Old-School-Sachen, die kommen wieder.

Und bei den Piercings?
Helwig: Plugs und Tunnel sind beliebt, aber die tragen eher nur Leute, die sich mit der Tattoo- und Piercingszene identifizieren. So ein handelsüblicher Bürger trägt die eher weniger.
Richter: Was sich total am Integrieren ist, sind die Microdermals, die unter der Haut sitzen. Da sieht man dann nur das Steinchen. Die sind recht neu auf dem Markt und haben sich in den letzten zwei Jahren so richtig entwickelt.

Gibt es Tätowierungen oder Piercings, die Sie sich weigern, zu machen?
Helwig: Politische Motive mach ich nicht. Wobei, wenn jemand Che Guevara oder so was tätowiert haben will, ist das kein Problem. Aber nationalsozialistische Motive mache ich definitiv nicht.

Wird das denn verlangt?
Helwig: Ja, natürlich, es gibt immer Gruppierungen, die das wollen. Und es gibt auch immer noch Tätowierer, die es machen. Aber ich gehöre definitiv nicht dazu. Wenn jemand ein Hakenkreuz oder eine Reichskriegsflagge auf dem Körper haben will, dann soll er das woanders machen lassen - nicht bei uns.

Gibt es auch Körperstellen, die Sie nicht tätowieren?
Helwig: Hände und Gesicht tätowiere ich nicht. Schon den Hals mache ich nur ungerne.

Tattoo Miró Richter: «Tattoos gehören seit langer Zeit zur Kultur dazu.»

Tattoo Miró Richter: «Tattoos gehören seit langer Zeit zur Kultur dazu.»

Schweiz am Sonntag

Wieso denn?
Helwig: Weil es einfach das Leben versaut. Wenn jemand reinkommt, der schon voll tätowiert ist, dann mache ich auch einmal den Hals, das ist dann halb so wild. Der hat sich offensichtlich schon damit arrangiert. Aber bei einem 18-jährigen Mädel kann ich das nicht verantworten.

Und das Gleiche gilt für die Hände?
Helwig: Ja, denn auch die Hände sind immer sichtbar. Das macht sich nicht immer gut.

Sie haben selber auch Tätowierungen an den Händen.
Helwig: Ich bin aber auch Tätowierer und mach das schon mein Leben lang. Ich repräsentiere meinen Beruf, mit allen positiven wie auch negativen Seiten.

Bei Tattoos im Gesicht oder an den Händen schätzt ihr also ab, ob eine Person selber die Konsequenzen tragen kann.
Helwig: Die Konsequenzen kann keiner selber tragen. Es sei denn, er hat wirklich schon mit seinem Leben abgeschlossen. Ein 20-Jähriger hat noch gar nicht so einen manifestierten Charakter, dass er eine solche Entscheidung treffen kann. In dem Alter können noch so viele Dinge geschehen. Ich würde zum Beispiel auch niemals einen Piercer einstellen, der vierzig Ringe im Gesicht hat. Das wollen wir unseren Kunden nicht zumuten. Dafür gibt es dann wieder spezielle Studios.
Richter: Wir sind eher ein kommerzielles Studio.

Ihr Studio ist ausgesprochen sauber. Positionieren Sie sich absichtlich so?
Richter: Hygiene ist das Allerwichtigste.

Wer ist denn Ihr Zielpublikum?
Richter: Wir wollen alle ansprechen. Unsere Kundschaft ist sehr gemischt, vom Bankmanager bis zur Sekretärin und zu den Studenten ist da alles dabei.
Helwig: Wir wollen keine bestimmten Gruppierungen ansprechen. Wir wollen nicht, dass hier die Psychos reinkommen.

Wie alt muss jemand sein, damit er sich bei euch piercen oder tätowieren lassen kann?
Richter: Jugendliche zwischen 16 und 18 brauchen eine Erlaubnis der Eltern. Wir entscheiden dann aber immer noch selber, was wir verantworten können. Wenn ein 16-Jähriger reinkommt und einen riesigen Schriftzug um den Hals will, dann sagen wir Nein.

Auch wenn die Eltern ihre Erlaubnis gegeben haben?
Richter: Ja. Wenn eine Mutter sagt, dass ihre 16-jährige Tochter ein Brustpiercing machen lassen kann, sagen wir trotzdem Nein. So was passiert aber eher selten.

Sie tragen eine gewisse Verantwortung.
Richter: Richtig. Und die wollen wir auch wahrnehmen. Aber das wird nicht immer ganz verstanden. Manche kommen hier rein, als würden sie sich ein T-Shirt holen. Wir wollen aber, dass sich die Leute Gedanken über ihre Entscheidung machen. Wenn eine Person so unsicher ist, dass man sie in einer Viertelstunde von einem anderen Motiv überzeugen kann, dann schlagen wir vor, sie soll noch einmal darüber schlafen und später zurückkommen.

Beraten Sie die Kundinnen und Kunden denn auch in Sachen Stil, wenn Sie ein Motiv zum Beispiel nicht passend empfinden?
Richter: Ja, aber das wird schnell als unfreundlich oder aggressiv angesehen. Wenn jemand behauptet, er sei sicher, dass er einen Totenschädel am Hals haben will, und ich das nicht glaube, dann wird das oft nicht verstanden. Dabei geht es nicht darum, dass wir ein bestimmtes Motiv nicht tätowieren wollen oder keinen Bock auf die Person haben.

Sondern?
Richter: Es geht vor allen Dingen darum, dass wir das, was wir machen, mit unserem Gewissen vereinbaren können. Manchmal verzichten wir lieber aufs Geld, wenn wir dafür das Gefühl haben, das stimmt nun für die Person so besser.

Und die Leute akzeptieren das?
Helwig: Das ist unterschiedlich. Wenn wir uns zum Beispiel weigern, ein Tattoo zu machen, weil wir wissen, das sieht in einem Jahr nicht mehr gut aus, dann sind wir die Idioten. Wenn wir es aber machen und es tatsächlich später schlecht aussieht, dann wirft das ein schlechtes Licht auf uns. Das kann schon zum Dilemma werden.

Wie wird man Tätowierer oder Piercer?
Richter: Es gibt zwar Ausbildungen, aber da es kein anerkannter Beruf ist, lernt man am besten in einem Studio. Ein Piercing-Lehrgang von zwei Wochen ist absoluter Blödsinn. Es dauert viel, viel länger, um alles zu lernen. Wenn jemand richtig Talent hat zum Tätowieren, dann braucht er im Minimum zwei Jahre. Ähnlich ist es beim Piercing. Mann muss sicher 500 oder 1000 Piercings gestochen haben, bis man alles perfektioniert hat.

Wie sind Sie denn zum Tätowieren gekommen, Herr Helwig?
Helwig: Mein Vater war Tätowierer. Als 13-Jähriger kam ich eines Tages mit einem ganz schäbigen Tattoo nach Hause. Ein Freund von mir war damals der Meinung, er könne auch tätowieren, so wie mein Vater, und hat mir «AC/DC» auf den Arm gekritzelt. Das war scheusslich. (lacht)

Und was meinte Ihr Vater dazu?
Helwig: Der meinte, das gehe so nicht und dass ich ein richtiges Tattoo kriegen würde. Ein Jahr konnte ich das dann verstecken und mit 14 habe ich ein richtiges Tattoo gekriegt. Von dem Tag an musste ich aber jeden Tag Strafarbeit im Studio machen: zeichnen, putzen, vorbereiten. So begann alles.

Herr Richter, wie hat das Ganze bei Ihnen angefangen?
Richter: Es hat sich einfach ergeben. In der «Sturm-und-Drang-Zeit» stachen wir uns mit selbst gebauten Maschinen die ersten Tattoos. Ich habe mich dann mit dem Besitzer eines Tattoostudios angefreundet und irgendwann fast zum Ladeninventar gehört. Von da hat sich das weiterentwickelt.

Hatten Sie denn auch so genannt normale Berufe?
Helwig: Mein Vater hat immer zu mir gesagt, du kannst Rocker werden, du kannst Verbrecher werden, du kannst machen, was du willst, aber du machst zuerst einen normalen Beruf. Irgendwann hat es sich austätowiert und dann bist du froh, wenn du noch einen anderen Beruf hast. Ich habe als Fliesenleger und Malermeister gearbeitet.
Richter: Ich als Maurer oder Maler. Dann habe ich eine höhere Schule besucht und den Fachingenieur Hochbau gemacht. Irgendwann sagte ich mir, jetzt ist fertig. Ich habe alles in die Waagschale geworfen und gesagt, ja, jetzt riskiere ich das. Und jetzt haben wir das Studio.

Was ist das Schönste am Beruf?
Richter: Ich kann ausschlafen. (lacht)
Helwig: Das Schönste am Beruf sind die Selbstständigkeit und der Freiraum - und dass man etwas Bleibendes hinterlässt.
Richter: Ich will in meinem Job Verantwortung übernehmen. So wie hier musste ich mich zuvor noch nie konzentrieren. Und ich arbeite hier mit Menschen zusammen, mit lebenden Individuen und nicht mit toten Materialien.

Auch wenn die Leute das wünschen - Sie fügen ihnen Schmerzen zu. Leiden Sie mit?
Richter: Am Anfang hat man schon Bedenken. Aber wer ein Piercing oder ein Tattoo haben will, der nimmt auch Schmerz in Kauf. Und das Schmerzempfinden ist sowieso bei jedem anders.

Stimmt es, dass Frauen weniger schmerzempfindlich sind als Männer?
Richter: Definitiv. Und zwar im Verhältnis von eins zu zehn, wenn nicht eins zu zwanzig.
Helwig: Frauen sind der Hammer. Die nehmen alles auf sich, sitzen da und zucken nicht mal mit der Wimper.
Richter: Frauen machen sich vorher bedeutend mehr Gedanken, ertragen den Schmerz aber viel besser.
Helwig: Wenn ein Typ reinkommt und einen auf Superrambo macht und ein riesiges Bild auf der Brust will, dann weiss ich schon genau: Das hält der sowieso nicht durch.

Lange waren Piercings und Tattoos ein Zeichen von Rebellion, heute sind sie gesellschaftlich weitgehend anerkannt. Freut Sie das?
Richter: Das finde ich extrem super. Tattoos, Piercings, Ohrringe und dergleichen gab es schon immer - es gehört seit langer Zeit einfach zur Kultur dazu. Erst mit der Industrialisierung wurden sie als minderwertig betrachtet, als primitiv. Erst jetzt wird es langsam wieder mehr akzeptiert.

So sehr sogar, dass «NZZ»-Stilexperte Jeroen van Rooijen kürzlich sagte: «Ich finde Tattoos bünzlig.»
Richter: Der Typ, der das gesagt hat, hat ein Problem damit, dass er sich kein Tattoo gemacht hat, und jetzt fängt er an, dumm zu reden. Dazu sage ich: Neid ist die höchste Form der Anerkennung.

Vor kurzem wurden vom Bundesamt für Gesundheit 152 Proben von Tätowierungsfarben durchgeführt. Bei 40 Prozent wurde ein Anwendungsverbot ausgesprochen. Wären Sie auf einen entsprechenden Test vorbereitet?
Richter: Natürlich, wir haben nichts zu verbergen. Im Prinzip sind diese Tests auch extrem wichtig. Aber ich habe einfach das Gefühl, jetzt sind wir wieder mal dran. Dabei sind wir als Tattoostudio so was von pingelig sauber, das kann man sich gar nicht vorstellen. Wir haben immer die Handschuhe an und wir haben alles eingepackt. Der Zahnarzt hat zum Beispiel seine Bohrer einfach so in einer Schublade. Wenn der mal ausgepackt ist, ist er nicht mehr steril.
Helwig: Tattoostudios werden gerne angegriffen. Die sollten sich lieber zuerst mal all die ganzen Privattätowierer und die ganzen Rotzstudios vornehmen.
Richter: Es gibt Studios, die sind nicht einmal richtig angemeldet - und die werfen dann ein schlechtes Licht auf uns. Es gibt auch Apotheken, die Piercings mit der Pistole machen, da dreh ich durch.
Helwig: Die Pistole kann man nicht sterilisieren, weil sie aus Plastik ist.
Richter: Alles, was Knorpel ist, darf nicht geschossen werden, und das sollte ein Apotheker eigentlich wissen. Da werde ich richtig sauer.
Helwig: Der ganze Hygienebereich, der dient ja nicht nur dem Kunden, der dient auch mir.
Richter: Für uns ist das Standard, das ist ganz normal. Gewisse Leute würden sich jedoch eher beim Arzt ein Piercing machen lassen, obwohl der in dem Bereich nicht unsere Erfahrung hat. Wenn sie hören, was wir noch alles gelernt haben, dann haben sie keine Schublade, in die sie uns stecken können.
Helwig: Weil sie denken, wir kommen aus dem Gefängnis. Weil wir halt nicht der Norm entsprechend aussehen.
Richter: Es ist schon viel mehr Toleranz da als früher, aber es dauert immer noch. Dabei sind Tattoo und Piercing heute wirklich Kommerz.

Sie bieten ja auch Laserbehandlungen an. Was passiert da genau?
Richter: Wir haben den Laser hauptsächlich als Tattoo-Korrektor. Ich kann aber auch Tattoos komplett entfernen, ohne eine zusätzliche Verletzung zu machen. Wir entfernen auch Besenreiser, Sommersprossen, Altersflecken.

Werden Laserbehandlungen oft verlangt?
Richter: Meistens kommen die Leute zu uns mit einem Schnellschuss und möchten das weg oder etwas anderes darüberhaben. Das ist bei uns möglich. Um mit dem Laser zu arbeiten, braucht man eine Ausbildung in Dermatologie und als Laserschutzbeauftragter. Das ist höchste Gefahrenklasse. Klar, kann das ein Dermatologe machen, aber der verlangt eine horrende Summe und hat nicht das Verständnis dem Tattoo gegenüber, das wir haben. Wir nehmen das wirklich sehr ernst.

Aktuelle Nachrichten