Frau Minne im Zunfthaus entdeckt

Bei Wiederaufbauarbeiten am Zunfthaus zur Zimmerleuten sind Restauratoren auf eine mittelalterliche Malerei gestossen. Es handelt sich um einen bedeutenden Fund. Trotzdem muss er auf Geheiss der Denkmalpflege wieder hinter Täfer verschwinden.

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Limmattaler Zeitung

Alfred Borter

Eine gute und eine schlechte Nachricht hatte Rudolf Bodmer, Zunftmeister zur Zimmerleuten, zu verkünden. Die gute Nachricht: Beim Wiederaufbau des im November 2007 abgebrannten Altstadthauses ist man auf eine mittelalterliche Malerei gestossen. Die schlechte: Wegen der komplizierten Rekonstruktion muss die Einweihung um ein halbes Jahr auf Oktober 2010 verschoben werden.

Als der Restaurator in einer der Stuben des Zunfthauses nach der Entfernung des alten Täfers mehrere Tüncheschichten von der Wand entfernte, blickte ihm, wie Denkmalpfleger Roland Böhmer erklärte, plötzlich ein Auge entgegen. Es gehörte, wie sich nach und nach herausstellte, zu einem Mann, dem die Frau Minne, die Herrin der Liebe, gerade mit einem

Pfeil das Herz durchsticht. Zwei kauernde Männer dienen ihr als Thron, was symbolisch ausdrückt, dass sie Macht hat über das starke Geschlecht. In ihrer linken Hand hält sie das soeben einem andern Mann entnommene Herz. Nur noch zum Teil sichtbar sind zwei Liebespaare sowie Posaunenbläser. Wie Böhmer erwähnte, dürfte das Bild in den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts entstanden sein. «Der Fund ist von herausragender kulturhistorischer Bedeutung», sagte er, die Bedeutung reiche weit über Zürich hinaus.

Die dargestellten Personen tragen Gewänder, die um 1400 herum in Mode waren - allerdings eher am Hof als auf Zürichs Gassen, wie Böhmer meinte, die Sittenmandate hätten solch frivole und mehrfarbige Kleider nicht erlaubt. Als Auftraggeber des Bildes kommen die damaligen Besitzer des Hauses infrage, also der 1410 verstorbene Cuonrad Schitterberg, der gemäss Recherchen in den damaligen Steuerbüchern relativ wohlhabend war, oder die Fischer, die hier bis 1440 eine Trinkstube betrieben haben.

Wie Zunftmeister Bodmer erwähnte, hätte man das schöne Bild gerne dauernd gezeigt, aber die Denkmalpflege setzte sich mit ihrer Meinung durch, und die lautet: Die Malerei ist nicht mit dem Täfer kompatibel, das 1785 eingebaut worden war und beim Brand erhalten geblieben ist. Also muss das Minne-Bild wieder hinter dem Täfer verschwinden; immerhin wird eine Vorrichtung geschaffen, die es erlaubt, das Holz bei gewissen Anlässen zu entfernen.

Wie Architekt Ernst Rüegg, der den Wiederaufbau leitet, zudem erwähnte, sah man sich vor die Schwierigkeit gestellt, dass kein Boden gerade und keine Ecke exakt rechtwinklig war. Die Böden sind nicht nur schief geneigt, sie hängen auch durch, und so müssen in mühseliger Kleinarbeit die Holzstücke für die Decke und die weiteren Teile gefertigt werden, soweit sie dem Brand zum Opfer gefallen sind. Zudem musste eine Sprinkleranlage eingebaut werden, um den neuen Brandschutzbestimmungen Rechnung zu tragen.

Wegen der Verzögerungen wird es nicht möglich sein, das Zunfthaus am Sechseläuten 2010 einzuweihen, das Fest ist nun auf den 2. Oktober angesagt. Und die Kosten von insgesamt 17,5 Millionen Franken sind noch nicht ganz gedeckt. Nach Angabe von Zunftmeister Bodmer fehlen noch etwa 300 000 Franken. Aber er sei guten Mutes, die nötigen Spender noch zu finden, erklärte er.

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