Andrea Weibel

Auf dem Weg zu Frau Holles Haus in Staffeln steht kein riesiger Backofen, dessen Brote darum betteln, herausgezogen zu werden. Auch einen Apfelbaum muss man nicht schütteln, weil seine Äpfel längst reif sind. Ein Tor gibt es allerdings: Das Garagentor, vor dem man sein Auto abstellt, um die paar Schritte zur Eingangstür zu Fuss zu gehen. Doch Gold- oder Pechspuren sucht man daran vergebens.

Was jedoch zum Märchen passt, ist Frau Holle selbst. Wie ihre märchenhafte Namensvetterin ist sie liebenswert, freundlich und hat Sinn für Humor. Kräftige Arme vom häufigen Ausschütteln der Federbetten hat sie jedoch nicht. Doch dafür hat sie eine einleuchtende Erklärung parat.

Frau Holle, diesen Winter hat es sehr häufig geschneit. Da müssen Sie Ihre Federkissen ja zünftig geschüttelt haben?
Frau Holle: Das haben mich die Leute schon öfter gefragt. Aber ich muss auch Ihnen sagen, dafür bin ich nicht mehr zuständig. Denn ich habe jetzt zwei Schwiegertöchter, die den Job übernommen haben.

Ach, dann schütteln Sie Ihre Federbetten gar nicht mehr aus?
Frau Holle:Richtige Federdecken haben wir schon länger keine mehr. Wir haben heute Steppdecken. Aber die schüttle ich schon noch ab und zu draussen aus. Und wenn die Leute das sehen, lachen sie, weil ihnen das Märchen in den Sinn kommt.

Es ist schon etwas Besonderes, Frau Holle in der Nachbarschaft zu haben.
Frau Holle:Manchmal habe ich das Gefühl, jeder weiss, wer ich bin, obwohl ich viele Leute gar nicht kenne. Die meisten freuen sich, wenn ich mich als Frau Holle vorstelle. Statt «Holle» wird aber oft «Koller» verstanden. Darum sagt mein Mann im Büro meistens von Anfang an, er sei der Mann von Frau Holle.

Wie reagieren die Leute darauf?
Frau Holle:Die meisten kennen das Märchen und freuen sich. Sie finden das ganz sympathisch. Aber einmal war ich mitten im Winter einkaufen, als es sehr stark geschneit hat. Ich musste an einer Kasse meinen Namen angeben und sagte, dass ich das bei dem Schnee nicht so gern tue. Als die Verkäuferin hörte, wie ich heisse, meinte sie, dass das nicht so tragisch sei. Denn sie selber hiess Frau Regen.

Mögen Sie selber eigentlich den Schnee?
Frau Holle:Ja, Schnee mag ich sehr gern. Allerdings nur, solange er auf den Feldern und auf den Bäumen liegt. Wenn er die Strassen unpassierbar und gefährlich macht, dann mag ich ihn nicht mehr besonders. Und mehr Schnee heisst ganz einfach mehr schaufeln. Mein Mann sagt manchmal, er wünschte sich, ich würde es nur neben den Strassen schneien lassen. Aber das habe ich bisher leider noch nicht richtig geschafft.

Da Sie jetzt im Ruhestand sind, was tun Sie den ganzen Winter über?
Frau Holle:Früher haben mein Mann und ich viel Wintersport betrieben, zum Beispiel Ski fahren oder Langlauf. Heute gehen wir im Schnee spazieren, sonst sind wir nicht mehr so aktiv. Wenn die Sonne scheint, ist das wunderbar. Darum gehen wir auch gern in die Berge. Aber da oben wohnen, wo der Schnee so lange liegen bleibt und der Winter beinahe endlos ist, das möchte ich nicht.

Dann ist der Winter nicht Ihre liebste Jahreszeit?
Frau Holle:Nein, so kann man das nicht sagen. Es gefällt mir zwar, wenn es drinnen so gemütlich ist, und es ist auch richtig, dass es alle vier Jahreszeiten geben soll. Ich könnte nicht in Afrika wohnen, wo es das ganze Jahr über Sommer ist. Aber mir persönlich gefallen Frühling und Herbst am besten.

Was tut Frau Holle, wenn es nicht gerade Winter ist und sie nicht ständig am Fenster stehen und die Betten ausschütteln muss?
Frau Holle:Ich war Sekretärin und habe die Familie gemanagt, das waren meine Berufe. Jetzt sind unsere vier Enkel unser grösstes Hobby. Ausserdem mache ich Patchwork und gebe Gymnastikunterricht. Hier im Dorf habe ich auch mitgeholfen, die Jugi zu gründen, denn für Kinder gab es damals gar nichts.

Wo sind Sie selber denn aufgewachsen?
Frau Holle: In Bremen, das liegt ganz im Norden Deutschlands. Dort wo die Bremer Stadtmusikanten herkommen.

Sie kommen aus Bremen und heissen Holle, da müssen Sie Märchen eigentlich lieben. Oder nicht?
Frau Holle:Nein, eigentlich mag ich sie nicht besonders. Ich war noch nie eine Märchentante, das hatten wir in unserer Kindheit einfach nicht. Heute finde ich die meisten Märchen sehr brutal. Wenn der Wolf zum Beispiel die Grossmutter auffrisst, bekommen die Kinder Angst. Ich möchte das meinen Enkeln nicht zumuten. Da lese ich ihnen lieber schöne Geschichten wie die vom Esel Benjamin oder der Raupe Nimmersatt vor.

Mögen Sie auch Ihr «eigenes» Märchen, das von Frau Holle, nicht?
Frau Holle: Doch, das mag ich eigentlich schon. Ich habe verschiedene Ausgaben von Büchern davon. Die habe ich geschenkt bekommen. Eines von meinen Geschwistern zur Hochzeit. Aber ich habe nicht so viel damit zu tun wie beispielsweise meine Schwiegereltern.

Wie meinen Sie das?
Frau Holle: Mein Mann ist in der Nähe von Kassel aufgewachsen. Dort haben die Brüder Grimm studiert, und dort sind auch sehr viele ihrer Märchen entstanden. Meinen Schwiegereltern war der Name schon wichtig, und es machte ihnen auch Spass, sich mit dem Märchen in Zusammenhang zu bringen. Einmal zu Weihnachten haben sie uns zum Beispiel eine Karte mit einer grüssenden Frau Holle darauf geschickt. Das fand ich witzig. In der Nähe von Kassel liegt zudem der Frau-Holle-Teich.

Der Frau-Holle-Teich?
Frau Holle: Der Sage nach sei dieser unendlich tief. Er sei der Eingang zu Frau Holles unterirdischem Reich, wo ein silbernes Schloss steht und es einen riesigen Garten gibt. Früher glaubte man, dass die kleinen Kinder aus dem «Hollenteich» kommen und dass die Seelen der Verstorbenen dort hinein zurückkehren. Anscheinend sollen die jungen Frauen auch darin gebadet haben, um fruchtbar zu werden. Das sind alles alte Sagen und Mythen. Von denen gibt es da oben viele.

Wie war das für Sie, als Sie Heiratspläne schmiedeten? Haben Sie sich damals überlegt, wie es sein würde, Frau Holle zu sein?
Frau Holle: Nein, das war mir eigentlich nicht so wichtig. Wir kannten uns schon sehr lange. Ausserdem lebten wir damals in Genf, da kennt sowieso niemand Frau Holle. Nur meine Familie aus Deutschland fand das ganz lustig.

Wie war das bei Ihren Schwiegertöchtern? Haben die sich über den märchenhaften Namen gefreut?
Frau Holle: Doch, die haben sich schon gefreut, glaube ich. Beide hatten vorher ganz traditionelle Schweizer Namen. Sie fanden es schön, sich ein wenig abzuheben, und haben den Namen gerne akzeptiert.

Und wie sieht es mit Ihren Enkeln aus? Wissen sie, dass sie von Frau Holle abstammen?
Frau Holle:Sie sind alle noch ganz klein. Der Älteste ist viereinhalb Jahre alt. Er kennt das Märchen von Frau Holle schon, aber er verbindet das noch nicht mit seinem eigenen Namen. Er weiss zwar, wie er heisst, falls er mal verloren gehen sollte, aber mehr versteht er davon, glaube ich, noch nicht.

Mögen Ihre Enkel den Winter?
Frau Holle: Natürlich, Kinder mögen Winter und Schnee doch immer. Sie schlitteln gerne und haben sehr viel Spass.

Können Sie sich an die Winter aus Ihrer eigenen Kindheit in Norddeutschland erinnern?
Frau Holle: Nicht allzu gut, das ist schon sehr lange her. Ich bin in der Stadt aufgewachsen, da hatten wir keine Möglichkeit zum Schlitteln und dergleichen. Woran ich mich aber gut erinnern kann, ist das Schlittschuhlaufen. Ich weiss nicht, ob das heute noch ähnlich gemacht wird, aber um frühjährlichen Überschwemmungen vorzubeugen, hat man damals bei uns immer vor dem Winter alle Felder überflutet. Die sind dann bald zugefroren. So konnten wir kilometerweit mit unseren «Holländern», wie die Schlittschuhe genannt wurden, laufen. Das war sehr schön. Darum war es für mich grauenvoll, als ich letzthin mit meinen Enkeln hier auf einer winzigen Kunsteisbahn war.