«Lies das!», befahl mein Liebesleben beim Frühstück. Also las ich. Meine erste Reaktion war: «Wäääh, dä grusig Maa!» – «Und schon hast du dich diskreditiert», sagte mein Liebesleben, «denk nochmals darüber nach.» Okay, hab ich gemacht. Aber der Reihe nach.

Anfang Dezember erscheint im Magazin «The New Yorker» eine Kurzgeschichte der 36-jährigen Kristen Roupenian mit dem Titel «Cat Person». Illustriert ist sie mit zwei sich nähernden Mündern im Profil, einem zarten, geschlossenen Frauenmund und einem haarig umrahmten, lüstern geöffneten Männermund. Das Bild macht sofort klar, auf welcher Seite Desire und Dominanz hocken. Der Titel erinnert an den tollen Horrorfilm (und dessen Remake) «Cat People» von Jacques Tourneur, in dem sich eine rätselhafte Frau in einen schwarzen Panther verwandelt und mordet. So weit, so suggestiv. Irgendwas über den Horror mit der Lust wahrscheinlich.

«Cat Person» ist – für alle, denen die halbe Stunde fehlt, um sie ganz zu lesen (das war ein Spoiler Alert!) – die Geschichte von Margot und Robert. Sie ist eine hübsche Studentin, die in einem Arthouse-Kino, wo sicher schon Tourneur gelaufen ist, jobbt. Er ein schwabbeliger, bärtiger und auch sonst haariger Mittdreissiger. Sie ist gerührt, gibt ihm ihre Nummer. Via SMS ist er betörend lustig, nicht zuletzt, wenn er über seine Büsis schreibt. Sie treffen sich wieder, sie ist aktiv, er korrekt und vermeidet zuviel Nähe.

Margot schlägt Sex vor und zwar bei ihm, er küsst katastrophal, sie findet sein Häuschen ganz okay, aber den nackten Robert eigentlich zu ugly – und wo sind eigentlich die Büsis? Sie sagt trotzdem nicht nein, hasst den Sex, lässt Robert fallen. Später sehen sie sich in einer Bar, er simst ihr, sie ghostet ihn, sie begegnen sich zufällig, er flippt via SMS aus und verblasst mit einem letzten Wort: «Whore.» Es triggert viele Aversionen.

Ungefähr am 10. Dezember geht «Cat Person» viral, wird zur meist diskutierten Kurzgeschichte des Magazins, seit dort 1997 ein Auszug aus dem Schwulen-Western «Brokeback Mountain» publiziert wurde. Zwei Tage später erhält sie ihren eigenen Wikipedia-Eintrag, der fortwährend aktualisiert wird. BBC-Mitarbeiter verfassen eine Persiflage auf die Geschichte aus der Sicht von Robert : «Cat Person: What Robert (probably) thought.» 

Auf Twitter bildet sich die besorgte Gruppe «Men React to Cat Person», initiiert übrigens von einer Frau, was aber erst Tage später klar wird, denn natürlich heisst es sofort: Ihr Ärsche, was basht ihr hier einen Text von einer Frau, das ist übergriffig und typisch Mann und war in der Literaturgeschichte noch nie anders!

Unzählige Essays und Kommentare zum Thema «Diese Geschichte beschreibt, wie frustrierend Dating heute wirklich ist» erscheinen. Sie halten Roupenians Story für einen autobiografischen Essay und Beitrag zur #metoo-Debatte. Viele Frauen sagen: Auch ich hab nicht nein gesagt, als ich mal schlechten Sex hatte! Roupenian hat uns endlich eine Stimme gegeben! Tausende von Millenials fühlen sich von der fiktionalen Affäre, die via SMS-Chat zustande gekommen ist, verstanden. Überhaupt! Endlich thematisiert literarische Fiktion den Anteil der Technologie an der zwischenmenschlichen Attraktion, wie geil ist das denn! (Okay, gibt's schon länger, aber egal.)

Andere sagen, was Margot da so über Robert denke, sei schon fast faschistisches Fat-Shaming. Und Ageism! Darf man sowas noch denken? Geschweige denn schreiben? (Hallo, es ist Fiktion! Genau so gut könnte man fragen: Muss denn jede Heldin sympathisch sein?) Und was ist mit den verdammten Büsis???

Die Reaktionen sind heftig, direkt und sehr emotional. Viele sagen sich: «Wäääh, dä gruusig Maa!» Aber wieso? Erstens, weil man sich automatisch mit der Figur, welche die Erzählperspektive vorgibt, also mit Margot, identifiziert. Wenn ihr etwas unangenehm ist, so ist es der Leserin auch unangenehm. Zweitens muss Robert ja schuld sein. Er ist ein Mann. Männer + Sex + irgendwie nicht ganz perfekt = #metoo. So diktiert es das kochend heisse Herz des Diskurses gerade. Feinheiten überliest man da gerne. Robert ist nicht Harvey Weinstein.

Denn die Zeichen, die zeigen, dass es Margot Robert bloss als  Beast für die Reflektion ihrer Beauty benutzt, sind deutlich gesetzt. Statt mit ihm zu reden, baut sie sich ihre Fiktion auf. Die Realität seines Körper kann der nicht standhalten. So, wie reale Frauen selten etwas mit Pornodarstellerinnen gemeinsam haben. Eine ganz normale Geschichte also, die mit zeitgenössischer Kommunikationstechnik zu tun haben kann, aber nicht muss. Madame Bovary war auch schon so. Gelangweilt, aber mit einer enormen Einbildungskraft gesegnet. Vielleicht ist ja der Clou von «Cat Person», dass es Robert am Ende genau so wenig gibt wie seine Katzen?

Wie smart vom «New Yorker» die scheinbar triviale Geschichte gerade jetzt zu bringen. Sie ist kein Beitrag zur #metoo-Debatte, aber durchaus eine Aufforderung, diese ab und zu mal etwas differenzierter von aussen zu betrachten.

P.S. Das Paar auf dem Bild im «New Yorker» ist übrigens ein echtes Paar. Es ist sehr glücklich und hat wahrscheinlich annehmbaren Sex.