Flugzeugunglück

Flug-Experte: «Es ist viel leichter, Trümmer an Land als im Wasser zu finden»

Von Flug MH370 fehlt jede Spur.

Von Flug MH370 fehlt jede Spur.

Von Flug MH370 fehlt nach wie vor jede Spur. «Es sieht so aus, als ob die Behörden in Malaysia überfordert sind oder nicht alles rasch sagen wollten», sagt Aviatikexperte Kurt Hofmann.

Herr Hofmann, wie ist der letzte Stand im Fall der vermissten Boeing-777?

Kurt Hofmann: Die Behörden sprechen jetzt davon, dass das Flugzeug noch stundenlang weiter geflogen ist. Es gibt zwei Korridore, in die das Flugzeug offenbar weiter geflogen ist: Richtung Nordwesten oder Richtung Südwesten. Es sieht so aus, als ob die Behörden in Malaysia überfordert sind oder nicht alles rasch sagen wollten. Man hat bisher beispielsweise nicht über die Sicherheitskontrollen in Kuala Lumpur gesprochen.

Wenn ein so grosses Flugzeug noch stundenlang weiter fliegt, fällt das doch der Flugsicherung auf.

Möglichweise ist das Flugzeug streckenweise sehr niedrig geflogen, dann ist es nicht leicht zu orten. Es gibt in diesen Regionen einige Bereiche, die durch die Radars nicht abgedeckt werden. Fest steht nur, dass irgendwann der Treibstoff ausging und das Flugzeug runter musste.

Wie gross ist die Überlebenswahrscheinlichkeit für die Passagiere?

Das kommt sehr auf die Umstände an. Es gab den Fall einer entführten äthiopischen Boeing 767, die vor einem Strand notwasserte. Die Wasserung war keinesfalls perfekt gemacht worden, aber viele Passagiere überlebten. Es gab den Fall der Wasserung im Hudson-River bei New York, aber die fand unter perfekten Bedingungen statt und es gab keine Toten. Die meisten Notwasserungen gehen aber nicht so glimpflich aus.

Bei einem Aufschlag setzen sich Notsender in Gang.

Es gibt Beispiele, wo dank dieser Sender die Trümmer sehr schnell gefunden werden konnten wie bei einer Boeing-737, die im unwirtlichen Urwald abgestützt war. Aber da wusste man ungefähr, wo man suchen musste und der Absturz erfolgte über Land. Es ist viel leichter, Trümmer an Land zu finden.

Wie ist es, wenn die Maschine auf dem Meer aufschlägt?

Dann kommt es sehr darauf an, wie die Maschine aufschlägt. Das Flugzeug ist sehr gross, es wäre sehr unwahrscheinlich, dass die Maschine auf dem Wasser nieder geht, ohne in einzelne Trümmer zu zerbrechen.

Eine der wenigen feststehenden Indizien ist, dass die Richtung geändert wurde und das nicht ohne aktives Handeln im Cockpit geschehen konnte.

Der junge Copilot ist deswegen schon ins Gerede gekommen. Es gibt gelegentlich die ganz coolen Jungs, die jemanden ins Cockpit mitnehmen. Ansonsten kommt da kein Passagier rein. Die Tür ist kugelsicher. Die Piloten müssen aber auch zwischendurch rasch raus und es wäre denkbar, dass so eine Bedrohungssituation geschaffen wurde, mit der die Piloten gezwungen wurden, den Kurs zu ändern.

Würden die Passagiere eine Auseinandersetzung mitbekommen und sich wehren?

Das kommt auf die Situation an, beispielsweise ob es Waffen an Bord gab und ob diejenigen, welche das Flugzeug unter Kontrolle brachten, Waffen hatten. Vielleicht war auch einer der Piloten beteiligt. Passagiere hatten sich auch schon erfolgreich gegen Entführer gewehrt.

Denkbar wäre ja auch die Variante, dass ein Passagier aus der Kabine mit etwas Simulatorentraining die Kontrolle übernommen hatte.

Das ist tatsächlich eine Möglichkeit. Das Flugzeug soll abrupte Richtungsänderungen gemacht haben, stark gestiegen und dann wieder abgestiegen sein.

Was bedeutet dieser Fall für die Fluggesellschaft?

Je länger die erfolglose Suche dauert, desto grösser ist der Schaden. Man muss sich das mal vorstellen: Ein so grosses Flugzeug ist verschwunden und man findet tagelang nicht die kleinsten Hinweise oder Trümmerteile. Für die Fluggesellschaft bedeutet das sicherlich einen Imageschaden. Ich persönlich würde zwar wieder mit der Fluggesellschaft fliegen, es gäbe aber immer einen schalen Beigeschmack.

Der Fall ist auch ein Fall für die Versicherungen.

Keine Versicherung zahlt, bis man die Trümmer gefunden hat und fest steht, was mit dem Jet passierte. Das gleiche gilt für mögliche Lebensversicherungen der Passagiere. Offen ist die Frage, ob die Versicherung, welche Malaysia Airlines hat, auch die Kosten übernimmt, die durch den Verlust des Flugzeugs entstehen, weil man vielleicht eine Ersatzmaschine mieten muss.

Wenn die Trümmer gefunden werden - wie lange dauert es dann, bis gesicherte Erkenntnisse vorliegen?

Das kann monatelang, ja sogar jahrelang dauern, besonders wenn der Absturz über Wasser erfolgte. Es gab Fälle wie den TWA-Jumbo-Absturz vor New York oder einen SAA-Jumbo-Absturz im indischen Ozean, da musste man jahrelang und wiederholt nach kleinen Teilchen suchen, bis man vollständigen Aufschluss über die Unfallursache hatte. Etwas schneller geht es, wenn der Stimmenrekorder rasch gefunden wird und die Flugunfallermittler wissen, was sich in den letzten Stunden im Cockpit abgespielt hatte.

* Kurt Hofmann ist Aviatik-Experte und Luftfahrt-Berater aus Österreich.

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