Flucht vor dem Millionenlos

Die tägliche Portion Meiereien aus der Aargauer Zeitung.

Jörg Meier

ZURZEIT BETRETE ich Poststellen nur wenn unbedingt nötig. Zwar habe ich mich inzwischen an das Gemischtwarenladen- Ambiente gewöhnt. Auch mit der Startnummernvergabe kann ich recht gut umgehen, bin meistens am richtigen Schalter, bevor die nächste Nummer aufleuchtet. Es ist das Millionenlos, das mich zum Post-Flüchter macht. Mag ja sein, dass ich wie ein Millionenlos-Bedürftiger daherkomme. Tatsache ist: Sobald ich vor dem Schalter stehe, ganz egal in welcher Poststelle, versucht die freundliche Person hinter dem Glas sofort, mir ein Millionenlos zu verkaufen. Sie erklärt mir kompetent, wie das funktioniert mit den Tagesspreisen, dass insgesamt 40 Millionen Franken ausgeschüttet werden, dass meine Gewinnchance exakt bei 50,3 Prozent liegt.

ABER ICH MÖCHTE kein Millionenlos, wirklich nicht. Zumal ich mit Quoten um 50 Prozent keine guten Erfahrungen gemacht habe: Bei den Minaretten war ich auch bei den 49 Prozenten. Ein paar Mal habe ich die Schalter- Konversation mit «Grüezi, ich möchte kein Millionenlos» begonnen, aber das kam auch nicht besonders gut an. Ich will ja niemanden kränken. Die machen auch nur ihren Job und müssen ihre Millionenlos-Tagesziele erreichen, ich weiss.

GUT, ICH KÖNNTE natürlich jedes Mal behaupten, ich hätte schon ein Los gekauft. Aber ich bin ein schlechter Lügner. Die würden das sofort merken. Und dann bin ich auf alle Zeiten abgestempelt als der Millionenlos-Lügner. Nein, es gibt nur eine Lösung: Ich werde alle meine Weihnachtspost persönlich vertragen. Das hat sie nun davon, die Post. Nimmt mich ja wunder, was der neue Chef dazu sagt, wenn er das erfährt.

joerg.meier@azag.ch

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