Wasser
Fliessendes Wasser ist nicht selbstverständlich

Jessica Dubois* lebt in Nicaragua – sie erzählt vom Kleiderwaschen, von Schule, «Frau Lehrerin» und Schülern.

Drucken
Teilen
Hart

Hart

Jessica Dubois*

Während der Hahn kräht, kitzeln mich die ersten Sonnenstrahlen. Ich stehe auf und begebe mich hinter das Haus, wo die Geissen darauf warten, gemolken zu werden. Die Hühner glucken und während ich mir das Gesicht am Waschtrog wasche, streicht mir unser Kätzchen um die Beine. Aufenthalt in den Schweizer Bergen mit Heidi? Nein, ich befinde mich in Nicaragua, anno 2010. Und doch wird bei mir immer wieder der Eindruck erweckt, zu Gotthelfs Zeiten zu leben.

Einige Minuten später stehe ich unter der Dusche. Einen Moment lang bin ich versucht, mir warmes Wasser zu wünschen, doch dieser Gedanke weicht schnell der Dankbarkeit, überhaupt fliessendes Wasser zu haben. Denn dieses ist nicht selbstverständlich. Den grössten Teil des Tages fliesst kein Wasser und wir versorgen uns aus Behältern, in denen wir jeden Morgen Wasser sammeln.

Grund zur Klage ist dies jedoch nicht. Andere Siedlungen trifft es viel härter, da sie nur einmal wöchentlich Wasser führen – oder überhaupt nicht. Diese Bewohner müssen dann meistens einen mühseligen Weg auf sich nehmen, um mit Karren und Kanistern bei der öffentlichen Wasserstelle Wasser zu kaufen.

Die Küche ist draussen

Auch meine Kleider von Hand zu waschen, konnte ich mir anfänglich nicht vorstellen. Doch inzwischen geniesse ich diese Aufgabe an der freien Luft, denn sie bietet eine gute Möglichkeit, den Gedanken nachzuhängen. Wer jedoch zu Hause keinen Waschtrog besitzt, muss mit seiner Wäsche bis zum nächsten Gewässer laufen.

Der Duft kochender Mangos steigt mir in die Nase. Wie bei den meisten Nicas befindet sich auch unsere Küche draussen unter einem Vordach. Nun mache ich mich auf den Weg in die Schule, welche bereits um 7 Uhr beginnt. In der 11. Klasse lesen wir einen Text über die Unterschiede vom Leben von früher zu heute. Es ist eindeutig, dass es sich dabei um ein amerikanisches Englischbuch handelt. «Früher fuhren die Jugendlichen Fahrrad, heute haben viele ihr eigenes Auto.»

Meine Schüler nehmen es mit Humor, denn in Nicaragua ist selbst ein Fahrrad etwas Besonderes. Und Ochsengespanne oder Pferde werden auf den Strassen häufiger angetroffen als Autos. Auch die Stellung des Lehrers erinnert mich an frühere Zeiten. So werde ich auf der Strasse oft mit «Frau Lehrerin» gegrüsst und diesem Beruf wird Respekt gezollt.

Die meisten Eltern meiner Schüler – so sie nicht arbeitslos sind – arbeiten entweder in der Fabrikzone oder als Handwerker. In jeder Strasse sind Schuster, Schreiner oder Schneider bei ihrer Arbeit zu beobachten. Mir gefällt es, wie diese Künste von Generation zu Generation weitergegeben werden und sich auch die Jugendlichen im Kochen, Nähen und Tischlern verstehen. Weitergegeben werden auch die Traditionen und Kulturschätze, wie etwa Volkstänze.

Gotthelfs Zeiten – vorbei

Selbst die Buben, welche die meiste Zeit auf dem Basketballplatz verbringen oder Rock und Hip-Hop hören, sind stolz, die Schritte des Volkstanzes zu beherrschen.

Die Schulglocke – manuell von der Sekretärin betätigt – kündigt das Ende der letzten Schulstunde an. Zu Hause angelangt, werde ich doch noch daran erinnert, dass Gotthelfs Zeiten der Vergangenheit angehören: Der Fernseher ist unüberhörbar in Betrieb.

*Jessica Dubois aus Brugg reiste Ende September 2009 nach Nicaragua, um benachteiligte Kinder in Englisch zu unterrichten und sich in der Jugendarbeit zu engagieren. Monatlich berichtet sie von ihrem ungewöhnlichen Alltag in Mittelamerika.

Aktuelle Nachrichten