Bern

Fleiss zählt mehr als gute Noten

Das passt: Sorgfalt wird von Lehrbetrieben hoch gewichtet – und saubere Fingernägel schaden auch nicht. (Oliver Menge)

Beruf

Das passt: Sorgfalt wird von Lehrbetrieben hoch gewichtet – und saubere Fingernägel schaden auch nicht. (Oliver Menge)

Die Lehrbetriebe sind zufrieden mit der Berufsbildung im Kanton. Das ist eine gute Nachricht für den Kanton – aber es gibt auch eine für die Lernenden.

Johannes Reichen

Anständig und pünktlich müssen sie sein. Und sauber. Dann dürfen die Lernenden auch mal einen Fehler machen, und dann ist es auch nicht so schlimm, wenn sie nicht die klügsten Köpfe sind. So sieht das Ergebnis einer Umfrage unter den Lehrbetrieben im Kanton Bern aus. Gefragt wurde unter anderem, was Lehrbetriebe von den Auszubildenden erwarten (siehe Tabelle).

Die Lehrbetriebe sind zufrieden mit der beruflichen Grundbildung im Kanton, das zeigt die Umfrage vor allem. Mit dieser Erkenntnis ist Theo Ninck, Vorsteher des kantonalen Mittelschul- und Berufsbildungsamts (MBA), wiederum «ausserordentlich zufrieden».

Erstens liegt das an der Anzahl Rückmeldungen. Sämtliche 13 245 Lehrbetriebe im Kanton wurden angeschrieben, mit 6022 Betrieben hat fast die Hälfte geantwortet. Bei der Erhebung vor acht Jahren waren es noch knapp 1600 Betriebe gewesen. «Die hohe Quote zeigt, dass sie die Berufsbildung ernst nehmen», sagt Ninck.

Besonders erfreulich ist für Ninck, dass das Zusammenspiel der in der Ausbildung involvierten Stellen funktioniert. Die Lerninhalte bei Lehrbetrieben, Berufsfachschule und überbetrieblichen Kursen seien gut bis sehr gut aufeinander abgestimmt, antworteten die Betriebe.

Aufsicht wurde zentralisiert

In den letzten Jahren, sagt der MBA-Vorsteher, seien die Anforderungen in der Berufsbildung gestiegen. «Trotz der höheren Komplexität und steigenden Effizienz in den Betrieben sind sie nach wie vor zufrieden.» Das zeigt ihm, dass der Kanton auf dem richtigen Weg ist - auch mit der Reorganisation in der Ausbildungsberatung und Lehraufsicht vor drei Jahren.

Seither gibt es keine regionalen Lehraufsichtskommissionen mehr, sondern eine zentrale und professionelle Ausbildungsberatung in Bern. «Wir sind kleiner, aber auch flexibler geworden», sagt Sibylle Beyeler, Vorsteherin der Abteilung Betriebliche Bildung im MBA. Die einzelnen Berater kümmern sich nicht mehr um Regionen, sondern um Berufe und Branchen. «Jeder Berater ist auch ein Experte», sagt Beyeler. Das komme ihnen zugute, wenn sie bei Problemen in einem Betrieb hinzugezogen werden. Meistens geht es um die Auflösung von Lehrverträgen oder um eine «Umwandlung», also, wenn ein Lernender in eine weniger anspruchsvolle Berufsausbildung wechseln muss.

Die gute Nachricht

In der Regel aber klappt es, und vier von fünf Ausbildenden arbeiten gerne. Das sagen jedenfalls die Berufsbildner (von denen auch 95 Prozent über sich selbst sagen, dass ihnen das Ausbilden Spass bereitet). Und selbst wenn es in der Lehre nicht so gut läuft - durchhalten lohnt sich. Jedenfalls ist ein Drittel der Lehrbetriebe der Ansicht, dass eine abgeschlossene Berufsausbildung zum Einstieg in «irgendeinen Beruf» befähige.

Dafür kann man sich auch mal eine schlechte Note leisten. Für fast die Hälfte sind Noten nicht entscheidend bei der Stellensuche - und wie eingangs erwähnt, wird auch während der Lehre auf anderes Wert gelegt als etwa auf Fachkompetenz oder Intelligenz.

Für Theo Ninck ist das einleuchtend: Wenn einer Tugenden wie Fleiss nicht mitbringe, sei das schwierig wettzumachen, sagt er. «Schwache schulische Leistungen kann man aber mit gutem Einsatz korrigieren.» Das sei ermutigend für alle, die nicht so gut in der Schule seien.

Andere Prioritäten

Wer faul ist, hats da schon schwieriger - zu empfehlen bleibt nur der Umzug. Im französischsprachigen Kantonsteil liegen die Prioritäten ein wenig anders. Für immerhin 7,1 Prozent der Lehrbetriebe spielen dort «Fleiss und Pflichtbewusstsein» keine Rolle.

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