Als Nachbarin der noblen Ile de Ré gilt die Oléron-Insel als die Wilde, die Aktive. Das steht ihr gut. Obwohl Frankreichs zweitlängste, älteste Strassenbrücke vom Festland Aquitaniens hinüberführt, braucht man kein Auto auf der «strahlenden Insel», die auch per Schiff vom historischen La Rochelle aus erreicht werden kann.

Einen passenden Drahtesel findet man mühelos in Hotels und auf Campingplätzen oder bei einem Velovermieter in den acht Städtchen, die auf der ganzen Insel verstreut liegen. Nur acht Kilometer breit und dreissig Kilometer lang, strampelt man sich locker an die langen Sandstrände, durch Salzgärten, Wälder und sattgrüne Felder der 171 Quadratmeter grossen Insel.

Von Boyardville aus – gegenüber dem pittoresken Fort Boyard – entpuppt sich die Waldstrecke als sehr erfrischend. Sie führt in die ehemaligen Salzgärten, eine Landschaft sattgrüner Wiesen, durch die unzählige Kanäle fliessen. Wer Lust auf einen besonderen Triathlon hat, schwingt sich bei der Route de l’Equille vom Sattel, um ein Stand-up-Paddling-Board zu besteigen. Gemächliches Stehpaddeln auf Seen oder ruhigen Meeren ist inzwischen ein populärer Wassersport. Sein Board durch die Salzkanäle zu steuern wie einst die Schiffer, als Frankreich noch eine Salzmacht war, entpuppt sich jedoch als ein waghalsiges Abenteuer.

Bunte Häuser am Strand.

Bunte Häuser am Strand.

Vorbei an Kühen und Kähnen

Einfach ist es nicht. Das Brett stellt sich in den nur zwei Meter breiten Kanälen schnell quer. Hat man einmal das Stechpaddel im Griff, überrascht die Strömung, die der Wind verursacht. Von der Strömung angetrieben, gleitet das Brett plötzlich schnell wie ein Fischotter durch die sich verbreiternden, sich kreuzenden Wasserstrassen. Links und rechts können die Anlegeplätze der ehemaligen Salztransporteure entdeckt werden, sofern man das Board im Griff hat.

Ein leichtes Wanken oder eine Berührung des Ufers leitet unverzüglich den Sturz ins kühle Wasser ein. Nach knapp einer Stunde hat man jedoch auch die Strömung im Griff; jetzt möchte man ewig weiter paddeln durch die unendliche Einsamkeit, vorbei an weidenden Kühen und verrosteten Kähnen.

Zahllose Salzgärten.

Zahllose Salzgärten.

Die kuriose Aquafitness

Entlang der wilden Westküste führt eine lange Waldstrecke zum südöstlichsten Zipfel der Insel. Wer gern nackt badet, biegt rechts durch den Wald ab, um die kilometerlangen Naturistenstrände zu erreichen. Am südöstlich gelegenen Plage de Gatseau hingegen schlüpft man mühsam in einen dicken, am Körper klebenden Neoprenanzug. Nicht um zu tauchen, sondern um sich die Muskeln mit Longe Côte zu trimmen, ein seit wenigen Jahren trendiger Fitnesssport, der sich vom Norden aus der französischen Atlantikküste entlang ausbreitet: Man watet, joggt oder hüpft rund einige Meter vom Strand entfernt gegen die Strömung durch das Meerwasser, das einem bis zur Brust, manchmal bis zum Hals steht. Das vor der Brust gehaltene Paddel verhilft zu Schwung. Die Füsse haften tief im Sand; jeder Schritt ist so schwer, als hätte man Steine an den Knöcheln.

Die Prozedur soll jedoch das Herz und den Kreislauf stärken und regt die Durchblutung des Gehirns an. Während des 45 Minuten dauernden Kampfes durch das Wasser möchte man die Arme ausbreiten und schwimmen. Doch nach der Dusche fühlt man sich ungewohnt angenehm entspannt und wird sich bewusst, dass der Geist unterwegs kräftig abgeschaltet hat.

Longe Côte: 0033 (0)5 46 76 36 87, Hotel Novotel Thalassa île d’Oléron, Dolus d’Oléron, Stand-up-Paddle: www.salicorne-sup.fr