Von Thaïs In Der Smitten

Marco Vescovi, Sie waren 2008 als neuer kantonaler Verbandspräsident vorgesehen, haben einen Rückzieher gemacht. Nun werden Sie doch Präsident?

Marco Vescovi: Ich bin vor drei Jahren Präsident des Fischereivereins Solothurn geworden und hatte dort viel Arbeit. Ich musste alles neu organisieren und den Vorstand erneuern. Ich dachte, ich hätte keine Kapazitäten mehr. Ich habe Familie, arbeite im Aussendienst einer Versicherung und bin in der Bildungskommission in Luterbach tätig. Dieses Jahr hatte ich im Verein aber viel weniger zu tun, weil ich die Aufgaben delegiert habe. Als mich die Geschäftsleitung erneut angefragt hat, habe ich unter der Bedingung zugesagt, dass die alten Hasen für zwei Jahre dabeibleiben, damit ich nicht wie beim Verein für alle Posten neue Leute suchen muss.

Sepp Käser, gab es niemand anderen für den Posten des Präsidenten?

Sepp Käser: Marco Vescovi war mein Favorit, weil er weltoffen ist, seinen Verein gut führt und gute Strukturen schafft.

Marco Vescovi, was sind Ihre Ziele?

Vescovi: Dass die Fischerei attraktiv bleibt, dass wir den Nachwuchs pflegen. Weitere Anliegen sind die Renaturierung und der Schutz der Gewässer, gute Verbindungen zu den Vereinen und eine gute Zusammenarbeit mit dem kantonalen Amt für Wald, Jagd und Fischerei.

Seit Januar untersteht der Verband nach neuem Fischereigesetz dem Amt für Wald, Jagd und Fischerei. Wegen des Wechsels vom Pacht- zum Patentsystem befürchtete man einen Mitgliederschwund bei den Vereinen.

Käser: Ja, wir rechnen mit einem Drittel weniger Mitglieder pro Verein bis Ende Jahr. Beim Pachtsystem galt Vereinszwang. Zudem hatten wir bisher viele Doppelmitgliedschaften: Wollte man in verschiedenen Abschnitten der Aare oder anderen Gewässern, so genannten Enzen, fischen, musste man für jede Enze Mitglied jenes Vereins sein, der diese Enze gepachtet hatte.

Werden gewisse Vereine eingehen?

Käser: Einige Vereine haben Existenzängste. Es könnte Fusionen geben. In der Jungfischerausbildung gibt es bereits Fusionen. Die Gruppen der einzelnen Vereine sind zu klein. Zudem fehlen einzelnen Vereinen die Ausbildner.

Braucht es denn alle elf Vereine?

Käser: Ja, die braucht es, um alle Gewässer zu pflegen. Die Struktur ist ideal.

Ist Fischen günstiger geworden, da man nur noch ein Patent braucht?

Vescovi: Ja, heute kann ich für 140 Franken von Grenchen bis Schönenwerd fischen. Vorher musste man dafür in elf Vereinen Mitglied sein und je 40 bis 150 Franken zahlen.

Käser: Es gibt aber Fischer, die sagen: «Wofür einen Rolls-Royce kaufen,wenn ich mit einem VW fahren kann?» In Solothurn hat fischen vorher nur 70 Franken gekostet. Jetzt ist man gezwungen, den Rolls-Royce zu kaufen. 25 Prozent der Fischer begrüssen das Patentsystem, 75 Prozent ist es egal.

Urs Hinden: Bei uns im Verein Thierstein musste man bisher 150 Franken zahlen, weil wir Bachforellen in Edelfischgewässern haben. Jetzt zahlt man zwar nur 140 Franken, aber man darf in Edelfischgewässern nur drei Tage fischen und nur drei Fische fangen, damit die Bäche nicht überfischt werden und kein Tourismus stattfindet. Da haben manche unserer Mitglieder gesagt: «Unter diesen Bedingungen löse ich kein Patent mehr.»

Was hat sich sonst durch das neue Fischereigesetz geändert?

Vescovi: Neu ist das revidierte Tierschutzgesetz im Fischereigesetz verankert. Nun ist Fischen mit Widerhaken und mit lebendigen Fischen als Köder verboten. Am meisten Anlass zu Diskussionen gibt das «Catch and Release»-Verbot. Man darf Fische nicht mehr fangen, sich daran freuen und sie wieder ins Wasser lassen. Tierschützer in Holland begrüssen «Catch and Release», weil man die Fische leben lässt. Unsere Tierschützer sagen hingegen, man soll keinen Fisch plagen und ihn wieder gehen lassen. Das ist für uns paradox. Zudem ist es ein Gummiparagraf: Wenn ich in der Schonzeit eine Forelle fange, muss ich sie wieder ins Wasser lassen und wenn ich nicht die Sorte Fisch an der Angel habe, auf die ich abziele, darf ich den Fisch auch wieder gehen lassen.

Wieso ist die Fangstatistik rückläufig?

Vescovi: Es hat immer weniger Fische in den Gewässern. Wegen der Uferverbauungen und der Verbauung mit Kraftwerken können die Fische nicht wandern und sich fortpflanzen, der Kreislauf ist unterbrochen. Wir haben kein Geschiebe mehr. Aber viele Fische sind Kieslaicher, denen hat man die Laichgründe weggenommen. Als ich jung war, war die Emme schwarz vor lauter Nasen, wenn sie dort laichten. Im Mittelalter war die Aare voller Lachse. In alten Verträgen von Bediensteten stand, dass die Herrschaften ihnen nicht mehr als einmal pro Woche Lachs vorsetzen dürfen. Der Lachs war das Schwein der Gewässer.

Was kann man da machen?

Vescovi: Es gibt eine Initiative des Schweizerischen Fischereiverbands «Lebendiges Wasser». Die Renaturierungsinitiative kommt im Herbst vors Parlament.

Viele Vereine sind überaltert. Wie werden Junge fürs Fischen begeistert?

Vescovi: Durch die Fischereiausbildung. In Solothurn besuchen 12- bis 14-Jährige den Kurs mit Begeisterung.

Käser: Der Verein Solothurn hat einen Fachmann, der die Fischereiausbildung durchführt, einen angehenden Biologen. Je kompetenter solche Leute an der Spitze sind, desto interessanter wird es.

Was fasziniert die Jungen?

Käser: Sie wollen das Fangergebnis erleben, die Theorie interessiert sie weniger. Von zehn bleiben etwa zwei hängen.

Hinden: Aber die Theorie - Knoten binden, das Anhängen von Ködern, die Rute - das fasziniert sie auch. Man muss sie physisch und psychisch begeistern. Mit Instruktionen sind sie dann erfolgreicher.

Was fasziniert Sie selbst am Fischen?

Vescovi: Fischen kann süchtig machen. Ich könnte jeden Tag am Wasser stehen. Es ist der Jagdtrieb, der ist bei manchen stärker ausgeprägt als bei anderen. Man muss nicht immer still sitzen. Beim Spinfischen bin ich die ganze Zeit unterwegs, von Solothurn nach Luterbach.

Hinden: Man muss gerne allein sein und die Natur lieben.

Käser: Ich fische, um auszuspannen.