Bruno Utz

Nächstes Jahr feiert Pro Infirmis Kanton Bern Geburtstag. Aus ihrer Beratungstätigkeit wissen die Mitarbeitenden der Organisation, wie wichtig es ist, Behinderte dort abzuholen, wo sie gerade stehen. «Deshalb bevorzugen wir zum Jubiläum etwas Nachhaltiges, statt gegenseitiges Schulterklopfen», sagt Pro-Infirmis-Geschäftsleiter Josef Stadelmann.

Weil Pro Infirmis für die Menschen mit einer Behinderung ebenso unverzichtbar sei wie die Kultur für das Wohl der Gesellschaft, habe er das in dieser Grösse einzigartige Kunstprojekt «mehrlebens-wert» lanciert. Stadelmann: «Dabei wollen wir nicht vom Defizit der Behinderten ausgehen, sondern das Vorhandene sichtbar und begreifbar machen.»

Keinen «überschnorren» müssen

Der Kunst-Netzwerker Rolf Walker (Halten) erhielt den Auftrag, 20 Künstlerinnen und Künstler zum Mitmachen zu motivieren (vergleiche Kasten). «Ich fragte zuerst Schang Hutter an, und der sagte sofort zu.» Keinen habe er lange «überschnorren» müssen. Das bestätigte auf Anfrage der Magglinger Kunstmaler Roland Adatte gerne.

«Ich finde das eine sehr gute Sache. Es ist wichtig, dass sich Künstler für so etwas engagieren.» Er habe sich als Partner den Bieler Paraplegiker Marc Suter gewünscht. «Ich bin seit vielen Jahren mit dem alt Nationalrat befreundet und finde, etwas Prominenz tut der Sache gut», so Adatte. Das fand übrigens auch Regierungsrat Philippe Perrenoud (SP). Am 1. Berner Sozialgipfel versprach der Gesundheits- und Fürsorgedirektor spontan, er übernehme das Patronat für dieses Projekt.

Laut Walker stellen alle Künstler der Pro Infirmis zugunsten des Projektes kostenlos ein eigenes Werk zur Verfügung. Ein zweites Kunstobjekt schaffen die Künstler und Künstlerinnen und die behinderte Person gemeinsam. Und ein drittes Werk fertigen die Behinderten unter Anleitung der Kunstschaffenden selber an. «Vorgaben gibt es keine. Ich bin gespannt, was herauskommt», sagte Walker.

Ziel seien nicht «abgehobene Sachen», sondern den Behinderten ein Erlebnis vermitteln.
Laut Pia Banderini, Kommunikationsbeauftragte Pro Infirmis, beginnen Kunstschaffende und Behinderte demnächst mit der Arbeit. An vier Ausstellungen würden sämtliche 60 Werke gezeigt: in Interlaken (31. Januar bis 28. Februar), Lyssach (7. März bis 4. April), Biel (11. April bis 2. Mai) und Bern (9. Mai bis 6. Juni).

Zum Abschluss finde im November im Gertsch-Museum in Burgdorf eine Auktions-Ausstellung statt.Schliesslich sei vorgesehen, das gesamte Projekt in einem Buch zusammenzufassen. «Wir stellen uns quasi ein Rezeptbuch zur Integration von Behinderten vor.» Dessen Zweck würde erfüllt, wenn deswegen beispielsweise ein Männerchor zum Entschluss käme, einen Behinderten zum Mitsingen einzuladen.

Der gesamte Erlös fliesst laut Stadelmann in den «Direkthilfefonds für Menschen mit einer psychischen Behinderung». Mit Geldern aus dem seit 2006 bestehenden Fonds würden hauptsächlich Einzelpersonen unterstützt. Wer als psychisch Behinderter mit einem Budget von 2200 Franken monatlich auskommen müsse, sei froh, wenn ihm beispielsweise die Farben zum Malen bezahlt würden. Stadelmann: «Jedes Gesuch geht über meinen Tisch.

Und gewisse Vorgaben müssen erfüllt sein, dazu gehört auch ein amtlicher Vermögensnachweis.»
Pro Infirmis führt in Bern, Biel, Thun und Burgdorf Beratungsstellen. Laut Tätigkeitsbericht wurden letztes Jahr 2860 Personen betreut. Fast die Hälfte der Leistungen betreffen die Sozialberatung. Finanzielle Unterstützungen wurden für 2,515 Millionen Franken erbracht.

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