Fahrende kommen am liebsten nach Liestal

Standplatz f?r Fahrende. Gr?uberen Liestal. Foto niz

Fahrende kommen am liebsten nach Liestal

Standplatz f?r Fahrende. Gr?uberen Liestal. Foto niz

Ein Dokumentarfilm versucht, mit den unliebsamen Vorurteilen gegenüber den Fahrenden aufzuräumen

Carole Gröflin

Fünf Wohnwagen säumen zurzeit den Durchgangsplatz Gräubern in Liestal. Acht Personen beherbergen die Häuser auf Rädern. Ihre Nummernschilder lassen darauf schliessen, dass es sich um Fahrende handelt. Oder wie sich eine Frau mittleren Alters vorstellt: Zigeuner. Ihren Namen will sie nicht verraten. Nennen wir sie Anna. Seit über einer Woche ist sie in Liestal, ursprünglich stammen sie und ihre Familie aus Bern und Genf. «Wir sind zum ersten Mal hier. Durch Mundpropaganda haben wir von den guten Verhältnissen auf dem Durchfahrtsplatz erfahren», erzählt Anna.

Tatsächlich gilt der Platz an der Waldenburgerstrasse als Lieblingsplatz unter den Fahrenden. Liestal ist gar Schauplatz des Dokumentarfilms «jung und jenisch». Dieser ist eine Produktion des Schweizer Fernsehens, für welche zwei junge jenische Pärchen über ein Jahr begleitet wurden. «Dieser Film sendet eine wichtige Botschaft, bietet Einblicke in das Leben der Fahrenden und in deren Gedankengut», sagt Stadtpräsidentin Regula Gysin. Die Beliebtheit des Liestaler Platzes kann sie nachvollziehen: «Er befindet sich an einem ansprechenden Ort, hat Waldanstoss und ist dennoch nicht zu isoliert.» In letzter Zeit sah sich die Stadt Liestal aber mit ungewöhnlichen Problemen konfrontiert. Wegen der Verordnung von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, wonach Roma ausgeschafft werden sollen, wurde der Durchgangsplatz von etlichen Elsässern gestürmt. Es fand sich jedoch eine befriedigende Lösung.

Keine Pauschalurteile

Obwohl der Platz in den letzten Wochen wegen der Ausschaffungsprobleme in Frankreich überlastet war, freut sich Stadtrat Lukas Ott über die Beliebtheit: «Die Nachfrage zeigt, dass der ‹Gräubern› für Fahrende attraktiv ist.» Er verstehe es als Kompliment, dass sich die Fahrenden der Schweiz im Kantonshauptort sichtlich wohl fühlen. Er sieht es zudem als wichtige Aufgabe für die Behörde, sich um die Fahrenden zu kümmern. Sie gehören mit 2500 Personen zu einer Minderheit in der Schweiz. Auch sei es unerlässlich, «Fahrende» als solche zu bezeichnen. Sesshafte sollten nicht mehr länger den überholten, negativ geprägten Ausdruck «Zigeuner» verwenden. «Fahrende bieten sich wegen ihrer kulturellen Andersartigkeit als Sündenböcke an, jedoch gibt es wie überall auch in der sesshaften Volksgruppe schwarze Schafe», erläutert Ott. Vandalismus und andere Vergehen einseitig den Fahrenden anzulasten, sei nicht angebracht.

Besonders gut gefallen hat Regula Gysin bei der Filmvorführung, wie das Leben beleuchtet wurde. «Sie führen kein ‹Zigeunerleben› mehr, wie es früher der Fall war», sagt sie. Die Rollenverteilung ist klar: Frauen sind für den Haushalt und die Erziehung der Kinder, Männer mit handwerklichen Tätigkeiten für das Geld besorgt. Beeindruckt zeigt sich Gysin vom starken Zusammenhalt der Familie, die im Film über drei Generationen reicht.

Ob der Film Mauern niederzureissen und für mehr Verständnis zu sorgen vermag, wird sich zeigen. Zigeunerin Anna würde sich freuen: «Wir werden oft beschimpft.» Am Sonntag wurden sie und ihre Familie gar von vorbeifahrenden Autos aus als «Zigeuner» betitelt. «Das sind wir ja eigentlich auch», meint Anna, «aber nicht in dem Sinn, wie es sich die Menschen vorstellen.»

Der Dok-Film «jung und jenisch – Ein Jahr mit Schweizer Zigeunern auf Achse» wird am 13. September um 22.55 Uhr auf SF1 ausgestrahlt.

Meistgesehen

Artboard 1