Strafrecht

Fachleute warnen vor härteren Strafen für Jugendliche

Bei Straftaten von Jugendlichen soll inskünftig der Informationsaustausch zwischen den Behörden klar geregelt sein. Gestellte Aufnahme/KEY

Bei Straftaten von Jugendlichen soll inskünftig der Informationsaustausch zwischen den Behörden klar geregelt sein. Gestellte Aufnahme/KEY

Nachdem prügelnde Schweizer Jugendliche mit horrend teuren Sondersettings für Schlagzeilen sorgten, werden Forderungen nach einer härteren Gangart gegenüber Jugendlichen laut. Deutsche Experten loben den Schweiz Umgang mit kriminellen Jugendlichen.

Angeheizt von Schlagzeilen über prügelnde Schweizer Jugendliche im Ausland, Massenbesäufnisse und Kuscheljustiz mit horrend teuren Sondersettings für Straftäter, werden Forderungen nach einer härteren Gangart gegenüber Jugendlichen laut.

Vor diesem Hintergrund fand in der Paulus Akademie Zürich unter dem Titel «Schweizer Jugendstrafrecht – Vorbildlich oder überholt?» vergangene Woche eine hochkarätig besuchte Fachtagung statt.

Jugend verachtet Autorität

«Mit unserer Jugend geht es bergab – und das seit Tausenden von Jahren, will man den diversen Einschätzungen glauben», sagt André Kuhn, Professor für Strafrecht an den Universitäten Lausanne und Neuenburg, einleitend zu seinem Vortrag «Jüngste Entwicklungen in der Jugendkriminalität». Und er ergänzt: «Vergessen wir nicht: Die ‹Alten› von heute waren die ‹schrecklichen Jungen› von gestern.»

Legt man Schweizer Jugendlichen das Sokrates-Zitat «Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität.

Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer» vor, so bekommt man Erstaunliches zu hören: Die meisten schätzen, dass die Aussage bloss wenige Jahre und nicht über 2400 Jahre alt ist. Kein Wunder, steht es doch um den Ruf der jungen Generation auch heutzutage nicht zum Guten.

«Restrisiko wird es immer geben»

Wer den Fachleuten und Praktikerinnen zuhört, erhält ein einheitliches Bild: Keiner fordert eine härtere Gangart, alle tun sich schwer mit den emotionalen Voten des Volkes, die von populistischen Politikern gerne aufgenommen werden und fern von den Tatsachen sind.

«Eine Null-Risiko-Gesellschaft ist auch mit Verwahrungsinitiative und ähnlichen Vorstössen eine Illusion. Ein Restrisiko wird es immer geben», sagt Jugendanwältin Bettina Mez.

Die Juristin sieht den Erziehungsgedanken des Jugendstrafrechts in Gefahr: «Es ist ein Täter- und nicht ein Tatstrafrecht. Wir schauen genau hin, wer die Tat gemacht hat und was dieser Jugendliche braucht, um nicht noch weitere Delikte zu verüben.»

Ähnlich argumentiert ihre juristische Gegenseite: «Es ist eine falsche Vorstellung, dass sich die Gesellschaft – sobald ein Jugendlicher mal inhaftiert ist – nicht mehr mit ihm auseinandersetzen müsse», sagt die Anwältin Caroline Engel. Auch sei er nicht automatisch «geläutert», nur weil er im Gefängnis gesessen habe. Dabei werde auch verdrängt, dass der Strafvollzug keineswegs ein kriminalitätsfreier Raum sei und eine schnelle Resozialisation bei weitem am kostengünstigsten sei für die Gesellschaft.

Im Rahmen solcher Ausführungen interessiert auch der Fall «Carlos»: Dessen Sondersetting mit monatlichen Kosten von 29 000 Franken erboste die Öffentlichkeit und sorgte auch an der Fachtagung für angeregte Diskussionen. Man dürfe nicht vergessen, dass der Strafvollzug eines jugendlichen Täters ohnehin eine kostspielige Sache sei und durchschnittlich mit 12 000 Franken pro Monat zu Buche schlage, so der Tenor.

Zu einer Reduzierung von Ausnahmelösungen à la Carlos würden die Einführung eines Aufnahmezwangs und die Vernetzung unter Institutionen führen, sagt Jugendanwältin Mez: «Sollte ein Jugendlicher beispielsweise wegen eines Übergriffs auf eine Mitarbeiterin die Anstalt verlassen müssen, sollte er an einem anderen Ort aufgenommen werden müssen.» Dieser Umstand sollte ihm von Anbeginn an bekannt sein. So würde sein renitentes Verhalten nicht zum von ihm beabsichtigten Abbruch führen.»

Seit 2010 rückläufig

In Zusammenhang mit schlagzeilenträchtigen Ausnahmen wird in der Schweiz gerne nach Deutschland geschielt. Dort sind längere Strafen für Jugendliche möglich.

Interessanterweise zeigten sich die an der Tagung anwesenden Fachleute aus Deutschland eher angetan vom Schweizer System: «Wir haben ein sehr positives Bild des Schweizer Jugendstrafrechts», sagt Bernd-Rüdeger Sonnen, emeritierter Professor für Strafrecht an der Universität Hamburg.

«Man sollte die Strafen nicht verlängern, sondern jugendliche Täter möglichst schnell wieder integrieren.» Und vor allem eines sollte man nicht vergessen: Seit 2010 sei die Jugendkriminalität in der Schweiz rückläufig. Und die wirklich gute Nachricht sei: Durchschnittlich begehen weniger als drei Prozent der Jugendlichen eine Straftat.

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