Ex-Schweizergardist mit kritischem Blick

1960: Als Schweizergardist begleitete Werner Affentranger (links) Papst Johannes XXIII. Zu diesem Bild sagt der heute 70-Jährige: «All diesen Pomp hier hat die Kirche inzwischen zum Glück verloren.»  (ZVG)

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1960: Als Schweizergardist begleitete Werner Affentranger (links) Papst Johannes XXIII. Zu diesem Bild sagt der heute 70-Jährige: «All diesen Pomp hier hat die Kirche inzwischen zum Glück verloren.» (ZVG)

In den 1960er-Jahren diente Werner Affentranger als Schweizergardist. Heute pflegt der Bottminger einen kritischeren Glauben.

Andreas Maurer

Die Narben auf seinen Händen sind nicht mehr sichtbar, die Erinnerungen aber immer noch lebhaft: Plötzlich stürmt ein Mann durch die Menschenmenge auf den Papst zu. Die Holzbarrikaden hat der Unerschrockene bereits überwunden. Entschlossen stellt sich Werner Affentranger in den Weg, fällt zu Boden. Dabei verheddert er sich mit seiner Hellebarde und schürft sich die Hände auf. Leicht benommen hört er erleichtert, dass der Mann gefasst wurde.

Wäre er für den Papst gestorben? Der ehemalige Schweizergardist antwortet ohne nachzudenken: «Klar.» Affentranger kommt ins Schwärmen, wenn er auf seine zwei Jahre in der Schweizergarde zurückblickt: «Man schliesst einmalige lebenslängliche Kameradschaften. Stärker als im Militär oder vielleicht sogar im Krieg.» Die Italianità habe ihn, den Landjungen aus dem Luzerner Seeland, überwältigt.

Krisen in der Schweizergarde

Im Vatikan erlebte er aber auch Krisen. Die militärische Routine und die vielen Nachtwachen machten ihm zu schaffen. «Es ist kein Ferienjob», betont er. Der Alltag in der Schweizergarde sei streng. Man werde aber nicht schikaniert wie im Militär. Die Schweizergarde verfügt neben Hellebarden auch über 50 Gewehre. «Rambos braucht es in der Schweizergarde aber nicht», unterstreicht Affentranger.

Nach kaufmännischer Lehre und Rekrutenschule wusste er nicht recht, was aus ihm werden sollte. Als «Notlösung» trat Affentranger der Schweizergarde bei. «Durch meine Arbeit in der Jungwacht stand ich der römisch-katholischen Kirche nahe», blickt er zurück.

Small Talk mit dem Papst

Auf seine erste Begegnung mit dem Papst wurde er ausführlich vorbereitet. Er vollzog den damals noch üblichen Kniefall und meisterte den Small Talk mit dem Heiligen Vater trotz Nervosität souverän. Die italienischen Sätze des Papstes habe er aber nicht vollständig verstanden, berichtet er lächelnd.

Hauptsächlich wegen seiner Frau zügelte Affentranger nach zwei Dienstjahren von Rom in die Region Basel, erlangte das Fachlehrerpatent und unterrichtete bis zu seiner Pensionierung. Die Schweizergarde bezeichnet er als seine Lebensschule. Als Redaktor der Zeitschrift «Exgardist» blieb er während 20 Jahren in engem Kontakt mit dem Vatikan.

Kuriositäten im Vatikan

Heute lebt er in Bottmingen und hält oft Vorträge über den Vatikan. Inzwischen nennt er sie «Plauderstunden». Nach einer kurzen Einleitung beantwortet er Fragen. Erfahrungsgemäss werde er damit regelrecht überhäuft. Unangenehm ist ihm, wenn seine Person im Vordergrund steht. Es gehe ihm um die Sache, nämlich um Kuriositäten im Vatikan. «Ich will die Kirche weder angreifen noch verteidigen», kommentiert er.

Zu diesen Kuriositäten zählen die 24 verschiedenen Anreden, die im Vatikan gepflegt werden. «Die römisch-katholische Kirche geht sehr eitel mit Titeln um», stellt der Bottminger fest. Als weitere Besonderheit nennt er die eigenen Autokennzeichen des Vatikans.

Der Vatikankenner räumt mit einer falschen Behauptung auf: Die Schweizergarde sei nicht die kleinste Armee der Welt. Sie ist keine Armee, sondern ein militärisches Korps. Eine Armee verteidige nämlich per Definition ein Land. Auf die Schweizergarde treffe dies nicht zu. Der Vatikan definiere sich im Gegensatz zu den anderen Staaten nicht über sein Territorium, sondern über den Papst.

Kritischer Glaube

Affentrangers Einstellung zur römisch-katholischen Kirche hat sich über die Jahre verändert. Er sei immer noch gläubig, aber kritischer geworden. «Früher hat die Kirche den Gläubigen Komplexe eingejagt», kritisiert er. Der 70-Jährige ist aber aus anderen Gründen nur noch selten zu Gast in Rom: «Es hat zu viele Leute und stinkt.»

Am Seniorentreff Aesch-Pfeffingen hält Affentranger heute ab 14.30 Uhr eine Plauderstunde im Gasthof Mühle, Aesch.

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