Europa als Film einer Laufstrecke

64 Tagesetappen zu Fuss, keine davon kürzer als ein Marathon. Kein einziger Ruhetag. Sechs durchlaufene Länder von Bari in Süditalien bis ans Nordkap. Total 4487,7 Kilometer: Das ist die beeindruckende Leistung von Markus Bernhard am TransEurope-Footrace.

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Solothurner Zeitung

Jürg Rettenmund

Manchmal braucht es einen langen Umweg zu einer simplen Erkenntnis. Für den Thunstetter Markus Bernhard war er genau4487,7 Kilometer lang, von Bari am «Stiefelabsatz» von Italien bis ans Nordkap zuoberst in Skandinavien. «Macht laufen glücklich?» fragte ihn seine Schwester Ella für den 15. Laufbericht, der letzten Sonntag versandt wurde. «Laufen macht sicher glücklich», war die Antwort von Markus, «aber auch hier ist es wie mit allen Dingen: Man sollte alles im vernünftigen Masse tun!»

Doch dieses Jahr ist Markus Bernhard fünfzig geworden, und wie alle fünf Jahre in seinem Leben stand ihm der Sinn nicht nur nach Vernünftigem. Etwas nicht Alltägliches, Verrücktes sollte es wieder sein. Nahe lag da das Laufen. Er sei immer gerne gelaufen, sagt er, allerdings nicht wettkampfmässig, sondern im Alltag, in den letzten Jahren viel mit seinem Freund René Affentranger.

Sieben Paar Schuhe einlaufen

«Mit ihm kann ich im Laufen aktuelle Probleme besprechen. Als wir vor ein paar Jahren unsere Betriebe nebeneinander an der Gaswerkstrasse neu bauten, waren die gemeinsamen Läufe Bausitzungen.» Mit ihm zusammen hat er auch spezielle Läufe, wie die 100 Kilometer von Biel oder den Swiss Alpine Marathon in Davos bestritten. Vor ein paar Jahren liefen sie auch einmal vom Oberaargau bis ans Meer. Das Ziel war Genua.

Im Vergleich zum TransEurope-Footrace war das allerdings ein Pappenstil. Sechs Monate nahm die Vorbereitung in Anspruch, 64 Tage vom 19. April bis 21. Juni, dauerte das Rennen selbst. Ein kleines Detail: Sieben Paar Laufschuhe mussten eingelaufen werden, bevor es an den Start nach Bari ging.

Sein Projekt hat Markus Bernhard in 15 Laufberichten dokumentiert. Liest man diese, hat man das Gefühl, viel über den Läufer und wenig über Europa zu erfahren. Lebendig werden die durchlaufenen Landschaften nur dort, wo ihn Familienmitglieder besuchten und die Berichterstattung übernahmen. «Dieser Eindruck ist richtig», erklärt Bernhard offen. «Die Erinnerungen sind wie ein Film mit engem Blickwinkel entlang der durchlaufenen Strecke. Für mehr war ich schlicht zu müde».

Zur Person

Markus Bernhard (50, im Bild vom Nordkap links, mit Lauffreund Ulli Zach) ist Inhaberund Geschäftsführer der Bernhard Polybau AG in Langenthal. Der gelernte Dachdeckermeister und Spengler aus alteingesessenem Utzenstorfer Dachdeckerhaus übernahm 1986 den vom Vater gekauften Betrieb und verlegte ihn im Jahr 2000 von der Murgenthalstrasse in einen modernen Neubau an die Gaswerkstrasse. Der Zusatz Polybau entspricht der heutigen Bezeichnung für den Dachdecker, der sich mit allen Belangen der Gebäudehülle befasst. Mit rund 60 Mitarbeitenden ist die Firma im Dreieck zwischen Bern, Biel und Zürich tätig. Bernhard wohnt in Thunstetten, ist verheiratet (Frau Marlis führt im Geschäft das Personalwesen) und Vater einer 12-jährigen Tochter. (jr)

Mit den «Legenden» mitgehalten

Regelmässig hat Bernhard in seinen Laufberichten auch die Aufsteller und Ablöscher dokumentiert. Als absoluten Aufsteller bezeichnet er die Tatsache, dass er ab Mitte des Rennens in Skandinavien mit den «Legenden», den Verrücktesten unter den Ultraläufern, absolut mithalten konnte und plötzlich stets unter den zehn Besten mitlief. Absoluter Ablöscher waren dafür die zeitweise prekären sanitären Verhältnisse an den Etappenorten. Das Trans Europe Footrace fand zum zweiten Mal statt. «Die Organisatoren haben aus Erfahrung mit mehr Ausfällen gerechnet», sagt Bernhard. Top war hingegen die medizinische Betreuung. Sogar ein Kernspintomograph wurde dank einem Forschungsprojekt der Universität Ulm auf einem Lastwagen mitgeführt.

«Laufen musste ich zwar allein», sagt Markus Bernhard mit Stolz. Er schränkt aber ein: Möglich war dies nur dank eines Teams. Koordiniert wurde dieses von seiner Frau, involviert waren aber alle Mitarbeiter im Betrieb, die ihm während dieser Zeit den Kopf fürs Laufen frei hielten.

«Auch sie haben profitiert», zieht Bernhard nach einer Woche zurück am Arbeitsplatz Bilanz. Er habe an ihnen bisher unbekannte Seiten entdeckt. «Seiten, die ich vorher vielleicht mit meiner Art unterdrückte.» In zwei Wochen will er mit ihnen zusammensitzen und analysieren, was aus diesen Erfahrungen optimiert werden kann. Das ist dann mehr als eine simple Erkenntnis.

Laufberichte: www.bernhard-group.ch (News)