Carla Taufer

«Es ist in Ordnung, wenn jemand gerne geniesst»

Ernährungsberaterin Carla Taufer: «Ich esse gerne und ich koche gerne, das hilft bei einer gesunden Ernährung

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Ernährungsberaterin Carla Taufer: «Ich esse gerne und ich koche gerne, das hilft bei einer gesunden Ernährung

Nicht wenige versuchen jetzt im Frühling den Winterspeck zum Purzeln zu bringen. Die Leiterin der Ernährungsberatung der Aarauer Hirslandenklinik Carla Taufer (28) sagt, wieso Diäten so beliebt sind und wieso auch die grosse Freude an der kleinen Sünde dazu gehört.

Von Deborah Balmer

Guten Morgen Frau Taufer, was haben Sie heute zum Zmorge gegessen?

Carla Taufer: Bei mir gibts jeden Morgen einen Milchkaffee und das berühmte Butterbrot mit Konfi.

Was sagen Sie jemanden, der gar nicht Frühstückt?

Taufer: Schlimm ist das nicht. Auch ich gehe mit nüchternem Magen aus dem Haus und frühstücke dann hier in der Klinik. Empfehlenswert ist sicher, dass das Zmittag nicht die erste Mahlzeit des Tages ist. Wer nicht frühstückt, der sollte Znüni essen. Sonst schlägt es auf die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden nieder. Oder man isst am Abend zuviel. Denn der Körper holt sich das, was er braucht.

Und manchmal vielleicht noch mehr. Laut Studien sind etwa 37 % der Schweizerinnen und Schweizer übergewichtig - was läuft falsch?

Taufer: (lacht) Das ist eine gute Frage. Unsere Gesellschaft isst oft über den Bedarf hinaus. Einerseits liegt das an einer unausgewogenen Zusammenstellung der Mahlzeiten, was auch oft durch Zeitmangel bedingt ist. Andererseits ernähren sich viele zu Fett- und Kohlenhydratreich. Sie trinken zu viele Süssgetränke und bewegen sich nicht genügend.

Viele machen jetzt eine Frühlingsdiät um den Bauch loszuwerden oder wieder ins Bikini zu passen. Wie nimmt man möglichst schnell ab?

Taufer: Ich empfehle meinen Klienten allerhöchstens vier Kilos in einem Monat abzunehmen. Lieber weniger abnehmen, dafür konstant. Dann halten die neuen Gewohnheiten auch noch im nächsten Winter und länger an. Diäten sind ja so beliebt, weil man das Essverhalten nur kurzfristig ändern muss.

Und wieso ist es denn so schwierig, die Essgewohnheiten umzustellen?

Taufer: Man kann sich das vielleicht so vorstellen wie jemand, der immer um 23 Uhr ins Bett geht. Plötzlich aber soll er bereits um 18 Uhr schlafen gehen. Die Ernährung umstellen heisst für viele, lebenslange Gewohnheiten ändern und dies ist nicht leicht. Wie heisst es so schön? Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.

Viel hat auch mit Wissen zu tun.

Taufer: Das stimmt. Da fällt mir eine Person ein, die täglich bis zu zwei Liter Cola trank. Hier hat sie erfahren, dass dies ungesund ist. Sie ging nach Hause und hat das neue Wissen umgesetzt. Das Gewicht schmolz entsprechend schnell. Es gibt andere, die pro Tag zwei Liter Vollmilch trinken oder Unmengen an Fruchtsaft - und sich nicht bewusst sind, dass dies auch Kalorien sind.

Zum Abnehmen zwingen kann man aber niemanden.

Taufer: Einige sagen mir ganz klar: Ich bin nicht bereit, Gewicht zu verlieren, ich geniesse gerne, mag Wein und bewege mich nur ungern. Auch das ist in Ordnung.

Wie stark hängt denn die Psyche mit dem Essverhalten zusammen?

Taufer: Sehr stark. Das ist auch bei mir in den Beratungen immer wieder ein Thema. Einige Menschen nehmen massiv ab, wenn es ihnen nicht gut geht. Andere hingegen haben Essattacken.

Woher kommt denn der Heisshunger auf Schokolade und Süsses, den viele kennen?

Taufer: Wissenschaftlich ist nichts bewiesen. Meine Erfahrung zeigt, dass es sich dabei um eine unausgewogene Ernährung handeln kann. Heisshunger kann auch auftreten, wenn jemand unregelmässig isst, eben das Zmorge und sogar das Zmittag weglässt und auch wer zuwenig schläft erhöht das Risiko, denn dann will der Körper unbedingt Zucker.

Wer mehr erfahren will, kommt vielleicht zu Ihnen in die Ernährungsberatung. Wen beraten Sie genau?

Taufer: In erster Linie natürlich Übergewichtige. Viele davon haben schon unzählige Hungerkuren hinter sich. Auch Diabetiker, Magendarmerkrankte, Schwangere und Sportler informieren sich bei mir über geeignete Ernährung. Es gibt auch Mütter, die mit ihren normalgewichtigen Kindern zu mir kommen, damit diese etwas über gesundes Essen erfahren. Auch Patienten aus der Hirslanden Klinik berate ich. Sie erfahren beispielsweise, was sie nach einer Operation am besten essen und was nicht.

Wie arbeiten Sie mit den Klienten, die abnehmen wollen genau?

Taufer: Zuerst geht es um die Frage, was jemand von mir erwartet. Was hat er bereits versucht? Das läuft meistens sehr spontan ab. Ernährungsberater arbeiten auch psychologisch. Was kann jemand ändern, dass er keine Frustessen mehr braucht? Wir besprechen auch fettarme Rezepte, Menuideen und Menuzusammenstellung.

Stellen Sie auch konkrete Ernährungspläne auf?

Taufer: Früher hat eine Ernährungsberaterin fixe Ernährungspläne aufgestellt. Das ist heute anders. Ich gebe eher Empfehlungen ab. Das Motto heisst: hilf dir selbst! Das ist vielleicht beim einen mehr Bewegung, beim andern das Weglassen des Süssgetränks, darauf kommen die meisten im Gespräch selber.

Hat jemand mal besonders viel abgespeckt?

Taufer: Wenn jemand einen Magenbypass erhält, geht das natürlich schnell. Eine stark übergewichtiger Mann aus meiner Beratung hat damit innerhalb von drei Monaten 15 Kilos verloren. Da habe ich dann gesagt «nicht so schnell». Ein Mann, der besonders zügig abnahm, hat mir gesagt, dass sich mit dem Schmelzen der Kilos auch sein Körpergefühl verändert und dass er nicht mehr genau weiss, wer er ist.

Dicke Männer, die in den Spiegel sehen, haben immer noch das Gefühl, sie sähen aus wie Brad Pitt. Frauen fühlen sich oft noch zu dick, wenn sie schon spindeldürr sind.

Taufer: Das mag bei vielen Frauen stimmen. Ich berate aber auch viele Männer, die unter ihrem Gewicht leiden. Das sagen sie aber teilweise nicht einmal ihrer Frau. Natürlich ist bei Frauen das Gewicht präsenter, weil sie ja durch Schwangerschaft und Hormone Gewichtsschwankungen stärker unterworfen sind.

Wie sieht es privat aus - sind sie eine Gesundheits-Fanatikerin?

Taufer: Ich ernähre mich tatsächlich sehr ausgewogen. Ich esse gerne und ich koche gerne, das hilft bei einer gesunden Ernährung. Ich esse aber auch mal einen Sack Chips - das ist keine Sünde, alles ist eine Frage des Masses.

Zum Schluss: Ihre Henkersmahlzeit, was stünde auf der Speisekarte?

Taufer: Von allem etwas. Gerne auch etwas Süsses.

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