Lother
«Es herrschte Kriegszustand»

Vor zehn Jahren, am 26. Dezember 1999, überrascht der Sturm Lothar zuerst die Meteorologen. Und schlägt dann mit voller Wucht zu.

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Zündhölzer

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az Langenthaler Tagblatt

Johannes Reichen

Am Morgen des 26. Dezembers 1999 zieht der Sturm «Lothar» über Europa, die Schweiz und damit auch den Kanton Bern. Es war ein Tag der Zerstörung - auch im Einzugsgebiet dieser Zeitung. Eine Übersicht zehn Jahre danach.

Jegenstorf

Um Viertel vor 10 Uhr am Sonntag, dem 26. Dezember 1999, verlässt Elsbeth Kunz ihre Wohnung in Jegenstorf. Sie will einkaufen gehen, es fehlt an Kochbutter im Haus. Der Strom ist ausgefallen, es stürmt; aber nicht derart, dass man nicht mehr nach draussen gehen sollte. So erinnert sich heute Fritz Kunz, der Ehemann. «Welchen Weg sie gegangen ist, weiss ich nicht», sagt er, der heute noch im gleichen Haus lebt wie damals. Seine Frau jedoch kommt an diesem Feiertag nicht wieder zurück.

Jungfraujoch

Der Sturm erreicht um etwa 10 Uhr die Schweiz im Neuenburger Jura, überquert in hohem Tempo das Mittelland, die Zentral- und die Nordostschweiz. «Lothar» ist sein Name, ein Randtief des Sturms Kurt. Mit 249 Stundenkilometern bläst er auf dem Jungfraujoch im Berner Oberland; es ist der höchste Wert, der an diesem Tag im ganzen Land gemessen wird. «Lothar» kommt überraschend. «In Sachen Prognose», sagt Thomas Bucheli von SF Meteo zehn Jahre danach, «war das keine Superleistung.» Was der Sturm alles mitnimmt - das weiss vorerst nur der Wind.

Kandergrund

Natürlich sind am Stephanstag Schulferien, die Klassenzimmer im Schulhaus Mitholz in Kandergrund stehen leer. Aber Heidi Fröhlich, die im Schulhaus wohnt, ist jetzt dennoch im Haus. Sie ist am Kochen, als der «Gehriluft» durchs Tal zieht. Diese Winde, vom Gehrihorn her kommend, hatten schon in frühereren Jahren grosse Schäden angerichtet. Fröhlich und ihre Familie flüchten in den Keller. Dann reisst der Sturm das Dach mit.

Frutigen

Nur der Chauffeur sitzt in dem Bus, den der Wind von der Strasse trägt, keine Passagiere. Tonnenschwer ist das Gefährt des Automobilverkehrs Frutigen-Adelboden. Doch der Bus fliegt mir nichts dir nichts 30 Meter durch die Luft und stürzt eine Wand hinunter. Der Chauffeur überlebt, und er ruft gleich selber den Regierungsstatthalter an: «Es ist nicht gut», sagt er zu Christian Rubin, der heute noch Statthalter im Amt Frutigen ist.

Brienz

Sturm Lothar fegt über die Schweiz und mit 181 Stundenkilometern auch über das Oberländer Dorf am Brienzersee. Und die Meteorologen in Bern und Zürich sind überfordert. «Lothar» habe sich «ausserhalb des Erfahrungsschatzes» bewegt, sagt Thomas Bucheli im Nachhinein. «In allen Modellen regnete es, und Regen wirkt sich stabiliserend aus und sollte eigentlich den Höhenwind senken.» So aber ist es nicht. Die Modellrechnungen widersprechen sich gegenseitig, sind schwer zu interpretieren. Hinzu kommt, dass sie sich bei zu extremen Daten selbst korrigieren, was zu beschönigenden Resultaten führt. Verwirrung herrscht, bis Bucheli damals dann doch die Gewissheit hat: «Hier kommt etwas auf uns zu.»

Kandergrund

Noch vor dem Mittag erhält der Gemeindepräsident von Kandergrund, Peter Rösti, erste Anrufe. Da merkt er, dass Ausserordentliches geschieht. Er will ins Gemeindehaus, doch er bleibt mit einem Kollegen stecken. Bei manchen Strassen gibt es kein Durchkommen mehr, «es herrschte Kriegszustand», erinnert er sich. Die Luft riecht nach Heu und Stroh, zu diesem Zeitpunkt weiss er nicht, ob es Tote gegeben hat, und er selbst ist auch in Todesangst. «Doch ich wusste, Lamentieren hilft jetzt nichts.»

Melchnau

Bei Fritz Käser klingelt das Telefon, die Anrufe kommen von der Feuerwehr. Der Förster ist zuständig für die Wälder in Ochlenberg, Seeberg und Hermiswil sowie den Staatswald bei Busswil. Die Strasse nach Melchnau ist versperrt. Der Busverkehr ist unterbrochen. «Ich habe gesagt, dass wir warten müssen, bis der Wind nachlässt», sagt Käser im Rückblick. «Es wäre zu gefährlich gewesen.» Dazu kommt, dass seine Forstleute nur bedingt einsatzbereit sind. Sie müssen sich zuerst selber «freisägen». Das dauert ein paar Tage.

Bern

In Faulensee hält sich Fritz Weibel am frühen Nachmittag des 26. Dezembers 1999 gerade auf, als auch ihn Anrufe aus der Stadt Bern erreichen. Weibel ist Forstmeister der Burgergemeinde Bern. Bäume liegen am Boden, auch im Bremgartenwald, dem nahen Ausflugs- und Naherholungsziel vieler Stadtbernerinnen und Stadtberner. Sie möchten Bäume weggeräumt haben. Dann erreicht ihn auch noch ein Förster, und da weiss Weibel, dass es richtig schlimm ist. Er könne, sagt der Förster, den Kirchturm von Frauenkappelen sehen.

Wangen an der Aare

Am Abend wird der Volkswirtschaftsdirektorin Elisabeth Zölch klar, was «Lothar» an diesem Tag angerichtet hat. Menschen sind tot. Wie Elsbeth Kunz in Jegenstorf verliert auch in Wangen an der Aare eine Frau ihr Leben. Im Auto wird sie von einem Baum erschlagen. Es werden Häuser zerstört, der Wald liegt flach, Strassen und Bahnstrecken sind unterbrochen, der Strom fällt aus. Die BKW schickt 400 Leute in den Einsatz, um so schnell als möglich Hoch- und Niederspannungsnetze zu flicken. Später ist sie tagelang damit beschäftigt, die Infrastruktur herzurichten. Dasselbe gilt für die Swisscom, die Hunderte Telefonanschlüsse reparieren muss. «Unsere Hauptsorge galt zuallererst der Sicherheit - und letztlich den Menschen», sagt Zölch heute.

Kandergrund

Drei Monate nach Lothar können Fröhlichs wieder in ihr Haus einziehen, das Schulhaus Mitholz. Heidi Fröhlich wird den Sturm nie vergessen. Noch heute, «wenn der Luft geht», sei «die Angst wieder da».