«Es geht nur in kleinen Schritten vorwärts»

«Es geht nur in kleinen Schritten vorwärts»

«Es geht nur in kleinen Schritten vorwärts»

Seit fünfeinhalb Jahren wirkt die frühere Brugger Stadträtin Silvia Haug als Entwicklungshelferin in Kolumbien. Bei einem Besuch in ihrer alten Heimat berichtete sie der AZ über ihre momentanen Aktivitäten zugunsten der unter Armut leidenden Bevölkerung im Gebiet Santander.

Edgar Zimmermann

Die Region Santander, in welcher die Bruggerin tätig ist, ist in etwa so gross wie die Schweiz. Industrie gibt es hier kaum, die Menschen leben vorwiegend von der Landwirtschaft, der Boden ist sehr fruchtbar. Hauptsächlich angebaut werden Zuckerrohr und Tabak, dessen Export wegen der im Ausland verhängten Rauchverbote ins Stocken geraten ist. Die vielen winzigen Parzellen erschweren eine rationelle Bewirtschaftung und einen zufriedenstellenden Gesamtertrag. Viele Jugendliche aus Bauernfamilien wandern mangels beruflicher Zukunftschancen in die Städte ab, wo die Möglichkeiten aber nicht viel besser stehen. Letztes Jahr haben Trockenheit und Hitze zu dramatischen Ernteausfällen geführt, viele Bauern mussten Vieh verkaufen. Die ohnehin grosse Armut der Bevölkerung hat weiter zugenommen.

Kooperative entwickelt sich

Erfreulich entwickelt sich die von Silvia Haug und ihrem Team gegründete und begleitete Kooperative in Charalà. Bäuerinnen bauen biologische Baumwolle an, färben das Garn aus den von Pflanzen gewonnenen Säften und weben sehr schöne Tischtüchter, Bettüberwürfe, Kleider und anderes mehr. Da die Preise wegen der Handarbeit für inländische Verhältnisse recht teuer sind und der Verkauf an hiesigen Messen und andern Veranstaltungen auch wegen der Wirtschaftskrise rückläufig ist, sucht Haug Absatzmärkte im Ausland.

Kein Geld für Behinderte

Besonders engagiert sich die Bruggerin derzeit beim Bau einer Schulanlage für behinderte Kinder in Concebir/Arjona. Das Projekt wird vom Bildungsministerium anerkannt, doch Geld vom Staat gibt es nicht. Die Finanzierung erfolgt ausschliesslich mit Spenden, so seitens angefragter Firmen, Stiftungen und Organisationen. Dass auch Spenden aus der Schweiz sehr willkommen sind, verhehlt Haug nicht. Denn auch die Lehrkräfte müssen mittels Spenden bezahlt werden, wobei die Löhne tief sind; so verdient die Schulleiterin 100 Franken im Monat. Derzeit werden bereits 75 Behinderte in Provisorien unterrichtet – in vorbildlicher Weise. Der Neubau wird 12 Schulzimmer umfassen; die erste Etappe ist im Bau, der Bezug dürfte Mitte Jahr erfolgen. Dank Fronarbeit können die Kosten tiefer gehalten werden.

Auch andere Helfer nehmen sich benachteiligter Kinder an. Die Stiftung «Hogar Pastorin», geleitet von Pater Benjamin, erhielt vom Bürgermeisteramt einen verwahrlosten Bauernhof. Rund 50 Strassenkinder und Waisen konnten inzwischen hier aufgenommen werden, und bereits ist die Selbstversorgung sichergestellt. Haug unterstützt auch diese Institution, unter anderem mit Werkzeugabgaben.

Hotel mit Restaurant eröffnet

Haug kommt ins Schwärmen, wenn sie von den Schönheiten der vielfältigen Landschaft in Santander berichtet, etwa vom Nationalpark Chicamocha. Flora und Fauna sind überaus reichhaltig.

Haug ist mit einem Teilzeitpensum an der Universität Unisangil angestellt, und zwar bei der Fakultät Tourismus und Hotellerie. Haug ist unter anderem für die internationalen Beziehungen zuständig. Der Tourismus, so die Zielsetzung, soll angekurbelt, die Entwicklung nachhaltig gefördert werden. Damit liessen sich auch viele neue Arbeitsplätze schaffen.

Damit es nicht bei Plänen bleibt, haben Haug und drei weitere Uni-Mitarbeiter auf der Basis einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung im vergangenen April ein Hotel mit Restaurant in San Gil eröffnet. Es kann 24 Gäste aufnehmen und beschäftigt 8 Angestellte. Der guten Küche wegen wird es auch von Einheimischen gern aufgesucht. Doch auch Touristen schätzen das neue Angebot, zumal es zu den Dienstleistungen gehört, Touren und andere Aktivitäten zu organisieren.

Santander hat auch kulturell und geschichtlich viel zu bieten, gilt es doch als Wiege der Unabhängigkeit in Lateinamerika. Einheimische nützen ebenfalls Angebote von Haug, etwa einen eintägigen Besuch auf Bauernhöfen oder die Besichtigung von Baumwollwerkstätten; dabei kann der Produkteverkauf forciert werden. Auch Touristen aus ihrer alten Heimat würde Haug mit Freude, Rat und Tat zur Seite stehen, wenn sie sich für Ferien in Santander entschliessen könnten. Der öffentliche Verkehr ist gut ausgebaut.

Besuch aus Baden

Zu Besuch weilte letztes Jahr unter anderem die Badener Stadträtin Daniela Oehrli. Die Stadt Baden unterstützt das Wirken von Silvia Haug, welche vormals als Leiterin des Stadtbüros Baden tätig war, mit einem jährlichen Beitrag. Oehrli konnte sich bei ihrem Besuch davon überzeugen, dass das Geld sehr zweckdienlich zugunsten der Bevölkerung investiert wird.

Haug wird auch in den kommenden Jahren in Kolumbien bleiben, wie sie der AZ versicherte. «In San Gil gehöre ich bereits zum Ortsbild», schmunzelt sie. Ihr Einsatz wird allgemein geschätzt, und sie freut sich über erzielte Forschritte und Früchte. «Es geht nur in kleinen Schritten vorwärts, aber man kann etwas bewegen, wenn man hartnäckig am Ball bleibt.»

Kontaktadresse: silviahaug@yahoo.de. Spendenkonto: Aarg. Kantonalbank, 5001 Aarau (PC 50-6-9), zugunsten von AKB Brugg, Konto: CH34 0076 1016 1073 5567 1, Haug Silvia Barbara, Brugg, Vermerk «Kolumbien».

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