«Es geht nicht um die goldene Krone»

Zeichen setzen: Willy und Rosmarie Hess stecken zum vierten Mal den Parcours ab. jpw

Pferd

Zeichen setzen: Willy und Rosmarie Hess stecken zum vierten Mal den Parcours ab. jpw

Ende August steht in Schalunen bei Willy und Rosmarie Hess ein Hindernisfahren an. Eine Herausforderung für Mensch wie Pferd.

Julian Perrenoud

Und los gehts: dem saftigen Grün entlang, über ein Holzbrücklein, vorbei am Waldrand, dort wo der Fuchsbau liegt, und durch ein Wasserbecken. Zwei Minuten dauert die Fahrt auf dem Pferdewagen bis alle 20 Posten passiert sind. So einfach wie es klingt, ist das Hindernisfahren auf dem Birkenhof in Schalunen aber nicht: Nur gerade 1,55 Meter misst der Abstand zwischen den zwei orangen Signalkegeln - zumindest für Marathonwägeli. Je grösser das Gefährt, desto breiter ist der Abstand der Hindernisse.


Ein Tennisball liegt während des Rennens auf den Kegeln. Sobald ein Wagen den Kegel touchiert und der Ball herunterfällt, gibts drei Sekunden Zeitbusse. Lässt der Wagen ein Hindernis aus, wird er disqualifiziert. Willy Hess legt prüfend seinen Massstab auf das Gras und hebt beim Posten 14 einen umgefallenen Kegel auf. «Der Abstand muss immer konstant sein, wir richten uns schliesslich nach den offiziellen Regeln.» Willy Hess und seine Frau Rosmarie organisieren das vierte Hindernisfahren auf der Wiese hinter ihrem Hof. Bisher haben sich 16 Personen aus der ganzen Schweiz für den Sonntag, 23. August, angemeldet. 2008 waren es mehr. Der jüngste Teilnehmer ist erst 16 und startet mit einem ebenso unerfahrenen Pferd. Klischees der nobleren Springreiter sind hier unangebracht.

Für Junge wird es zu teuer

Mit einer Wagenrundfahrt vor fünf Jahren läuteten Hesses die Wettkämpfe ein, bei denen es ihnen nicht ums Geld geht. Wie auch? Mit einem Randsport wie dem Hindernisfahren lässt sich nicht viel Kapital schlagen, geschweige denn verdienen. Willy Hess stapft zurück zum Hof. Das Reiten, sagt er, sei einfacher. «Wir müssen immer unser Wägeli mitnehmen.» Auch deshalb gibt es in der Region kaum noch Hindernisfahrten. Willy und Rosmarie Hess sind mit ihren zwei Pferden schon nach Deutschland an ein Rennen gereist. Gerade für Junge und Einsteiger werde dies auf Dauer zu teuer.

So plante das Rentnerpaar selber ein Hindernisfahren. Die Teilnahme ist kostenlos, über Sponsoren organisieren sie für jeden einen Preis. Heuer sei es wegen der Rezession extrem schwierig, Sponsoren zu finden, sagt Rosmarie Hess. «Diese unterstützen nur noch grosse Turniere.» Haben sie für das Schaluner Rennen zu wenig Preise, fertigt Willy Hess etwa Uhren aus Birkenholz an. Stolz zeigt er ein Exemplar auf dem Gartentisch. «Brüggliturnier», steht zierlich eingebrannt. Seine Frau kümmert sich um die Siegerschlaufen. Kontakte, die sie mit dem jährlichen Wettkampftag aufrechterhalten, sind dafür Lohn genug.

«Das Pferd ist ein Fluchttier»

Blick in den Stall: Savane und Diane schnauben. Ist es heiss, wagen sie sich kaum nach draussen. Die Pferdebremsen würden sich wie Blutegel im Wasser an ihre Haut saugen. Savane ist zwölf und eine Freibergerin. Diana, 17, eine sensible Halbblüterin. Willy und Rosmarie Hess sind früher selber ausgeritten. Altershalber und wegen Willys Herz stiegen sie aufs Wägeli um. Ihr bisher schwierigstes Pferd hiess Allegro. Der Haflinger war unberechenbar. Einmal schreckte er im Wald auf, warf den Wagen mitsamt dem Ehepaar um und galoppierte davon.

Mittlerweile lebt er im Rheinland. Willy Hess muss grinsen, wenn er an dieses Erlebnis denkt. «Wir waren voller Dreck - als wir heimkamen haben uns alle ausgelacht.» Für ihn ist klar: Das Pferd trägt nie die Schuld. Es sieht, riecht und hört Dinge, die der Mensch nie bemerkt. Deshalb, findet der frühere Schreiner und Zimmermann, sollten gerade Junge nie alleine ausreiten, so wie er es öfters sieht. «Das Pferd ist ein Fluchttier. Wer seine Kraft unterschätzt, riskiert viel.»

Bei der Haselstaude hinter der Pergola liegt der Rennstart. Die Wettkämpfer müssen mit ihrem Wagen den holprigen Parcours zweimal durchfahren. Die Zeiten werden automatisch gemessen. Dies dank Willy Hess's Sohn, der bei der Elektronik mithalf. Auch seine Tochter, die im ersten Stock des Bauernhauses lebt, hilft beim Hindernisfahren. Willy Hess selber fährt jeweils ausser Konkurrenz. Seinen Wagen bietet er später Teilnehmenden an, die kein Gefährt besitzen. Manchmal erschienen sie hier sogar ohne Geschirr, sagt er.

Traben statt galoppieren

Die zweite Hindernisrunde muss laut Reglement schneller sein als die erste. Eigentlich sollten die Pferde auch galoppieren, doch dagegen stellen sie sich auf dem Birkenhof. «Sie sollen nur traben, sonst ist es zu gefährlich», sagt Rosmarie Hess. Und ihr Mann fügt an: «Hier geht es schliesslich nicht um die goldene Krone.»

Neben dem Wettkampf veranstalten die zwei Rentner einen Chlausehöck. Ausser dieses Jahr. Der Chlaus, sagt Willy Hess, brauche eine Pause. Dafür plant er am 31. Oktober eine Wagenrundfahrt. Bis dahin werden sich Savane und Diana wieder von selbst aus dem Stall wagen.

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