Sonderpädagogik

«Es braucht Mut, neue Wege zu gehen»

Teamteaching: Lehrer Hanspeter Amstein und Heilpädagogin Heidi Zemp unterrichten die Schüler in Leistungsgruppen. zim

Teamteaching

Teamteaching: Lehrer Hanspeter Amstein und Heilpädagogin Heidi Zemp unterrichten die Schüler in Leistungsgruppen. zim

Als eine der ersten Schulen im Bezirk hat die Primarschule Oetwil-Geroldswil ein neues System für den sonderpädagogischen Unterricht eingeführt. Eine Untersuchung zeigt, dass der organisatorische Ablauf noch optimiert werden muss.

Sandro Zimmerli

«Das neue Konzept wurde bei uns durchaus kritisch angenommen. Das alte System funktionierte gut», sagt Hanspeter Amstein, Schulleiter Sonderpädagogik der Primarschule Oetwil-Geroldswil. Vor einem Jahr hat man dort als einer der ersten Schulen im Bezirk im Rahmen des neuen Volksschulgesetzes ein neues Konzept für den sonderpädagogischen Unterricht eingeführt.

Amstein selber war als Leiter einer Koordinationsgruppe massgeblich an dessen Erarbeitung und Umsetzung beteiligt. Seit kurzem liegt nun eine erste Untersuchung zum neuen System vor. Mittels Umfrage unter den Lehrern wurden Stärken und Schwächen des Konzepts erhoben.

Mehr Integration ist das Ziel

«Der Grundgedanke des Systems, die Integration, ist unbestritten», sagt Amstein. Kernstück des Konzeptes seien die beiden Angebote «Integrative Förderung» und der «Deutsch als Zweitsprache»-Unterricht. Ziel sei es, Schüler mit Lernschwierigkeiten und fremdsprachige Kinder so weit als möglich innerhalb der Regelklasse zu fördern. Neu würde die integrative Förderung zudem schon im Kindergarten angeboten, der «Deutsch als Zweitsprache»-Unterricht auf dieser Stufe wurde breit ausgebaut.

Damit die Integration wie gewünscht funktioniert, werden die beiden Angebote neu zu gewissen Teilen im so genannten Teamteaching erteilt. Dies bedeutet, dass der Klassenlehrer gleichzeitig mit der Förderlehrperson unterrichtet. «Im Gegensatz zu früher geht die Heilpädagogin damit mehr in die Klassen hinein», erklärt Amstein.

Dieses Teamteaching ist dann auch eines der grossen Themen der Untersuchung. «Im Kindergarten ist die neue Unterrichtsform gut angekommen. Die Lehrer begrüssen es, dass dem Deutschunterricht mehr Gewicht gegeben wird, auch können Kinder mit besonderen pädagogischen Bedürfnissen frühzeitig gefördert werden», so Amstein. Weniger einschneidend sind die Änderungen für die Mittelstufe. Weil der Deutschunterricht für fremdsprachige Kinder vor allem im Kindergarten und in der Unterstufe erfolge und in der Mittelstufe bereits Erfolge zeige, sei man dort nicht sehr stark vom neuen System betroffen.

Anders sei die Gemütslage in der Unterstufe. «Für die Klassenlehrer bedeuten die vielen Teamteachinglektionen einen beträchtlichen Mehraufwand. Insbesondere die Absprache zwischen dem Lehrer und der Heilpädagogin ist eine grosse Herausforderung», erklärt Amstein. Die Lehrer müssten ihren Unterricht anpassen. Der Lehrer, der vor der Klasse stehe und Unterricht erteile, müsse in diesem System neue Unterrichtsformen finden. Durch das Teamteaching werde viel mehr in Leistungsgruppen gearbeitet.

Systemwechsel schafft Chancen

«Aber auch für die Heilpädagogen und die Deutschlehrerin bedeutet das neue Konzept eine einschneidende Umstellung», so Amstein. Sie hätten nun für das einzelne Kind nicht mehr so viel Zeit und müssten daher flexibel mit der Situation umgehen. Doch gerade dies schaffe auch Chancen. «Der Heilpädagoge ist direkt dabei und kann ein Kind im Unterricht beobachten.

Das bringt ihm neue Einblicke», sagt Amstein. Die Kinder selber wüssten die Gelegenheit zu nutzten. «Es gibt auch Kinder, die die Heilpädagogin um Rat fragen, obschon für jene keine sonderpädagogische Massnahme vorgesehen ist», hält er fest.

Allerdings, so Amstein, gäbe es auch Kinder, die mit der Situation überfordert seien. «Es kann in gewissen Stunden vorkommen, dass neben dem Klassenlehrer und der Heilpädagogin auch die Deutschlehrerin anwesenden ist», sagt Amstein. Für einige Kinder seien das zu viele Bezugspersonen auf einmal.

Abhilfe schaffen will man diesem Problem, in dem man die Synergien noch besser nutzen will und die Stundenpläne noch stärker aufeinander abstimme. «Es wäre wünschenswert, wenn die Heilpädagogin in gewissen Lektionen auch die Funktion der Deutschlehrerin übernehmen könnte und umgekehrt», so Amstein.

Wenig Heilpädagogen auf dem Markt

Allerdings dürfte dies vorderhand nicht immer sehr einfach werden, wie Amstein zu verstehen gibt. «Durch die Ausweitung des sonderpädagogischen Angebotes auf den Kindergarten mussten wir den Stellenplan erhöhen. Das Problem ist aber, dass der Markt für Heilpädagogen praktisch ausgetrocknet ist.» Man habe deshalb motivierte Lehrer gesucht, die sich bereit erklären, berufsbegleitend eine heilpädagogische Ausbildung zu absolvieren.

Trotz diesen Schwierigkeiten ist Amstein überzeugt, das dass neue Konzept auf gutem Weg ist. «Die Ansätze sind vorhanden. Was es noch braucht ist eine Optimierung der organisatorischen Abläufe, gute Weiterbildungen für alle Beteiligten und den Mut, neue Wege zu gehen. Das wird noch eine Weile dauern.» Und noch etwas ist dem Schulleiter wichtig: «Die Schüler die heilpädagogische Unterstützung brauchen, sind durch die Integration in die Regelklasse das Etikett des Sonderschülers losgeworden.»

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