Erste Hilfe bei Schreibschwäche

Erste Hilfe bei Schreibschwäche

Ein Dokument korrekt auszufüllen oder einen Brief fehlerfrei zu schreiben – dazu sieht sich so mancher Zeitgenosse ausserstande. Demnächst bietet ein Schreibdienst Soforthilfe an.

Elisabeth Seifert

André Reithebuch, amtierender Mister Schweiz, ist betroffen von einer Schreibschwäche. Der 22-jährige Zimmermann mit abgeschlossener Berufslehre ist dabei längst nicht der einzige, aber derzeit sicher der prominenteste Zeitgenosse hierzulande, dem es alles andere als leicht fällt, fehlerfrei zu schreiben.

Wie Statistiken zeigen, gehört er zu den rund 800 000 Personen in der Schweiz, die vom so genannten Illetrismus betroffen sind. Trotz einem Schweizer Schulabschluss haben sie ihre liebe Müh und Not mit Lesen, Schreiben und Rechnen. Nur allzu schnell treibt es ihnen Schweissperlen auf die Stirn, wenn sie einen Brief schreiben oder ein kompliziertes Formular verstehen und ausfüllen sollten.

Im Kanton Solothurn steht ab 23. November Betroffenen, aber auch Migrantinnen und Migranten ein Schreibdienst zur Verfügung. Organisiert wird dieser von Benevol Kanton Solothurn, der Vermittlungs- und Beratungsstelle für Freiwillige. Einmal wöchentlich, jeweils am Montagnachmittag, werden freiwillige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gleichsam Erste (Schreib-)Hilfe leisten.

Freiwillige sind keine Juristen

«Benevol Kanton Solothurn kann dabei auf bereits bestehende Konzepte zurückgreifen», erläutert Geschäftsstellenleiterin Rosmarie Wyss. Solche Schreibdienste gibts bereits in mehreren Städten und Regionen, in Biel und Bern, aber auch in Winterthur, Bülach und Uster. Überall wird das Angebot von Freiwilligen durchgeführt und kann gratis in Anspruch genommen werden.

Vor einem Jahr bereits hat Rosmarie Wyss erste Vorbereitungen für die Einrichtung eines Schreibdienstes in die Wege geleitet und über eine Umfrage bei Institutionen, die mit möglichen Zielgruppen in Kontakt stehen, den Bedarf abgeklärt. Als Nächstes machte sich die Benevol-Geschäftsführerin dran, einen Raum zu suchen, in dem die freiwilligen schreibgewandten Helferinnen und Helfer ihre Dienste anbieten können. Fündig geworden ist Wyss beim Oberamt Solothurn, an der Rötistrasse 4.

Während zweieinhalb Stunden pro Woche unterstützen jeweils zwei Freiwillige ihre «Kunden» beim Verstehen schwieriger Dokumente und helfen bei einfacher Korrespondenz in deutscher Sprache. Wyss: «Die Briefe können privater Natur sein, aber unter anderem auch die Arbeits- und Wohnungssuche betreffen.»

Ausgeschlossen sei indes jegliche Korrespondenz, die in irgendeiner Weise spezialisiertes Wissen erfordert, etwa dasjenige eines Sozialarbeiters oder eines Juristen. «Freiwillige leisten nicht die Arbeit von Fachleuten», unterstreicht Wyss. «Solche Aufträge weisen wir an die entsprechenden Fachstellen weiter.» Nicht zum Aufgabenbereich der Freiwilligen gehört es weiter, eigentliche Beratungen durchzuführen.

«Der Schreibdienst will Soforthilfe und vor allem auch Hilfe zur Selbsthilfe leisten», betont die Fachfrau für Freiwilligenarbeit. Es mache deshalb wenig Sinn, wenn der Schreibdienst über lange Zeit die gleiche Kundschaft betreut, seien das Migranten oder deutschsprachige Männer und Frauen mit einer Schreibschwäche. «Wir werden die Betroffenen dazu ermuntern, einen Deutschkurs zu belegen.»

Freude an der Begegnung

«Um den Schreibdienst einmal pro Woche während zweieinhalb Stunden anbieten zu können, brauchen wir acht Freiwillige», hält Wyss fest. Dadurch ist jeder bzw. jede zwei- bis dreimal im Monat dran. Bis jetzt haben sich fünf gemeldet.

Weitere Interessentinnen und Interessenten sollten nebst guten sprachlichen Ausdrucksfähigkeiten auch über PC-Anwenderkenntnisse verfügen. Gefragt sei zudem, so Wyss, «eine hohe Sozialkompetenz und die Freude an der Begegnung mit unterschiedlichen Menschen».

Nach einem Jahr will Benevol Kanton Solothurn die Erfahrungen mit dem Schreibdienst auswerten - und diesen wenn möglich einer geeigneten Institution übergeben.

Weitere Informationen bei der Geschäftsstelle von Benevol Kanton Solothurn, Ringstrasse 17 in Olten. Telefon: 062 212 26 45. E-Mail: info@benevol-so.ch. Website: www.benevol-so.ch

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