Er wollte nur einmal Ferrari fahren

Der Angeklagte F. «bediente» sich auf Baustellen seines früheren Arbeitgebers, fälschte Arbeitsrapporte und brachte einen gemieteten, 270000 Franken teuren Ferrari ins Ausland. Das Bezirksgericht Lenzburg verurteilte ihn zu zwei Jahren und acht Monaten.

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Er wollte nur einmal Ferrari fahren

Er wollte nur einmal Ferrari fahren

Irena Jurinak

Lächelnd sass der von einem Polizisten bewachte Angeklagte F. in Handschellen im Vorzimmer des Bezirksgerichts Lenzburg und wartete auf seine Verhandlung. Drei Jahre Gefängnis forderte der Staatsanwalt, 15 Monate die Verteidigerin. Nach Abzug von 14 Monaten Untersuchungshaft wäre der Angeklagte dann in einem Monat auf freiem Fuss gewesen.

Doch das Gericht entschied anders und verurteilte F. wegen mehrfachen Diebstahls, gewerbsmässigen Betrugs, mehrfacher Veruntreuung, mehrfacher Urkundenfälschung, mehrfacher falscher Anschuldigung und Drohung zu zwei Jahren und acht Monaten Gefängnis unbedingt.

«Ich schäme mich»

Im Gerichtssaal versicherte F. dem Gerichtspräsidenten, dass er zutiefst bereue, was geschehen sei, und er auf einen fairen Prozess hoffe. «Ich schäme mich», sagte der Vater zweier Söhne und zuckte entschuldigend mit den Schultern.

Sein einziger Wunsch sei, mit seiner zweiten Ehefrau und seinem zweiten Sohn ein friedliches Leben zu führen. «Ich habe meinen Sohn seit 14 Monaten nicht mehr gesehen.» Er habe
eine Stelle als Schlosser in Aussicht, und sein Vater habe versprochen, ihm zu helfen. «Ich nehme mir meinen Vater zum Vorbild.» Auf Anraten seiner Anwältin machte F. an der Verhandlung keine Aussagen zu den Anklagepunkten mehr. Die Hände wie zum Gebet gefaltet, die Augen verzweifelt aufgerissen, sass F. auf seinem Stuhl und hörte das Plädoyer des Staatsanwaltes Daniel von Däniken.

Betrüger mit Raffinesse

Dreist und unverfroren, ja sogar mit einer gewissen Raffinesse hatte der heute 32-jährige Heizungsmonteur F. während eineinhalb Jahren diverse Diebstähle begangen und dabei auch Urkunden gefälscht. Die meisten Taten hatte er gestanden.

Dass er jedoch einen Ferrari F430 Spider gemietet habe, um diesen zu verkaufen und sich zu bereichern, stritt der Angeklagte weiterhin ab. Seine Verteidigerin führte aus, er sei täglich an der Sportwagenvermietung vorbeigefahren und habe davon geträumt, einmal einen Ferrari zu fahren. Er habe nie im Sinn gehabt, den gemieteten Ferrari zu verkaufen, er sei von der Mafia gezwungen worden, den Wagen ausser Landes zu bringen. Man habe gedroht, seiner in Bosnien lebenden zweiten Frau und seinem kleinen Sohn etwas anzutun.

Staatsanwalt Daniel von Däniken und das Bezirksgericht unter dem Vorsitz von Daniel Aeschbach gingen hingegen davon aus, dass F. den Geschäftsführer der Sportwagenvermietung arglistig getäuscht und gar nie vorhatte, den 270000 Franken teuren Wagen zurückzubringen.

Die Mafia-Geschichte hörte sich für von Däniken abenteuerlich und lebensfremd an. Wäre F. tatsächlich von der Mafia bedroht worden, hätte er die Polizei einschalten müssen.

Der Angeklagte habe in kurzer Zeit unzählige Delikte begangen und das Vertrauen mehre-rer Menschen schamlos missbraucht. Er habe in allen Fällen falsche Namen angegeben und fiktive Unterschriften geleistet.

Lohn für nie geleistete Arbeit

Auf Baustellen seines früheren Arbeitgebers liess der Angeklagte diverse Maschinen mitgehen. Dabei gab er sich jeweils unter einem falschen Namen als Angestellter der besagten Firma aus und trug sogar ein Firmen-T-Shirt, um den Eindruck zu bekräftigen.

So lieh er sich unter anderem eine Schlagbohrmaschine aus, die er nicht zurückbrachte, oder «kaufte» im Namen seines ehemaligen Arbeitgebers Werkzeuge und Gerätschaften ein. Die Rechnung liess er an den
Arbeitgeber schicken, die Ware verkaufte er selber weiter.

Bei einem Stellenvermittlungsbüro reichte er gefälschte Arbeitsrapporte ein, in welche er Arbeitsstunden eingetragen hatte, die er nie geleistet hatte. Dabei begab er sich zu Zweigstellen der Arbeitsvermittlung, in denen man ihn nicht kannte, und liess sich Checks ausstellen. Insgesamt erschwindelte F. sich rund 20000 Franken. Er habe das alles nur aus Wut auf die Ungerechtigkeiten seiner früheren Chefs getan, sagte die Verteidigerin. Das Gericht ging jedoch von gewerbsmässigem Betrug aus.

Der besagte Ferrari ist übrigens mit 99 Prozent Wahrscheinlichkeit wieder aufgetaucht, teilte Staatsanwalt von Däniken noch mit. Wie und wo war leider nicht in Erfahrung zu bringen.