Nicole Emmenegger

Die Pinselstriche auf der Leinwand bündeln sich zu Ästen, zu Baumstämmen und ergeben einen herbstlichen Wald. Die Signatur auf diesem Bild, das an der Wohnzimmerwand hängt, verrät: Wir befinden uns im Haus eines Künstlers, der mit feinen Farbnuancen lebendige Bilder schafft. Grob wirken hingegen einige der Fasnachtsplaketten, die auf dem Holztisch im Wohnzimmer liegen, obwohl der gleiche Künstler an ihrer Herstellung beteiligt war: Der Maler und pensionierte EDV-Operator Kurt Böni (72) hat einige dieser traditionellen Abzeichen vor über 40 Jahren mit Kollegen der Fasnachtsgesellschaft Meler Galgevögel geschaffen. Ihre Werkstätte befand sich unter anderem in der Küche seines Hauses in Möhlin.

Gips flog durch die Luft

Einen «grausamen Dreck» habe das anno 1966 in der Küche gegeben, sagt seine Frau Marlies, während Kurt Böni den Plakettenhaufen auf dem Wohnzimmertisch nach den ältesten Exemplaren durchsucht. Der Grafiker Bruno Kym habe das Motiv am Küchentisch entworfen und es anschliessend aus einer Gipsplatte herausgeschabt, sodass die Gipsspäne nur so durch die Luft gespritzt seien, erzählt Kurt Böni und schmunzelt in seinen gepflegten Bart hinein.

Von diesem Plakettenmodell aus Gips stellten die Fasnächtler in Handarbeit einen Silikonabzug her, und die so entstandene Negativform wurde schliesslich im Fasnachtskeller der Galgevögel mit Kunststoff ausgegossen. «50 Kunststoffplaketten schafften wir pro Abend, aber wir brauchten insgesamt rund 1000 Plaketten für die Fasnacht», sagt Kurt Böni. Zu dritt oder zu viert hätten sie manche Winterabende mit Giessen und Bemalen verbracht «Nach dieser Arbeit traf man sich noch im Restaurant Adler auf einen Umtrunk. Die Nächte wurden lang, und am Morgen ging ich stets müde arbeiten. Aber es war eine schöne Zeit», erzählt Kurt Böni. «Die Vorfreude auf die Fasnacht wuchs von Tag zu Tag», pflichtet ihm Ehefrau Marlies bei. Auch sie ist begeisterte Fasnächtl rin und hat 1978 die bekannte «Märtwyber»-Umzugsgruppe gegründet. Eine neckische violette Strähne in ihrem Haar zeugt derzeit von ihrem Fasnachtsfieber.

Die 1. Plakette: Ein Galgenstrick

Inzwischen hat Kurt Böni die allererste Plakette der Meler Galgevögel aus dem Haufen gezogen, die zugleich die Ungewöhnlichste ist: ein Stück Galgenstrick aus dem Jahr 1964, dem Geburtsjahr der Fasnachtsgesellschaft. Ein paar Möhliner Fasnächtler hatten nach einem Streit die schon länger bestehende Ryburger Fasnachtszunft verlassen und beschlossen, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Am Fasnachtssonntag 1964 schlugen sie zu und fuhren mit einem revolutionären Piratenschiff mit Galgen und Guggern vor. «Die Zeit für eine aufwändigere Fasnachtsplakette hatte allerdings gefehlt, und so kam der Galgenstrick zum Einsatz», sagt Böni, der im Mai 1964 bei der ersten offiziellen Versammlung der Meler Galgevögel dabei war. Der Strick wurde zum Preis von 1 Franken verkauft. Mit den Einnahmen finanzierte man unter anderem das Material für die nächste Fasnacht.

Ab 1965 hatte der Galgenvogel, das Symbol der Möhliner Fasnachtsrevolution, jedes Jahr einen Stammplatz auf der Plakette – zuerst als Aasfresser auf einer groben Gipsplakette, dann als Hahn oder als kleiner Piepmatz, versteckt zwischen anderen Motiven. Diese Plakettenmotive sind für Kurt Böni wie ein kleines Geschichtsbuch; die dargestellten Szenen erinnern ihn an witzige oder ärgerliche Ereignisse, die früher die Gemeinde Möhlin bewegten: «Hier, auf der Plakette aus dem Jahr 1969, sehen wir den damaligen Gemeindeammann, der auf der Jagd aus Versehen sein eigenes Auto beschossen hat. Und hier, im Jahr 1975, hat jemand die Fahrverbots-
tafeln im Wald abgesägt.»

Wechsel zum Larvenbau

Ab den frühen 70er-Jahren wurden die Plaketten nicht nur in Gold und in Silber verkauft, sondern auch in Bunt. Die weiblichen Galgevögel bemalten die begehrten Sammlerstücke in aufwändiger Handarbeit. Kurt Böni war zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr für die Plakettengruppe tätig, er war zum Larvenbauer geworden. In der Werkstatt formte und dekorierte er die Masken für die Tambouren und für die Gugger. «Das sagte mir mehr zu. Ich hatte grössere kreative Spielräume als bei den Plaketten», sagt der Künstler. Angetrieben durch die fasnächtliche Vorfreude, durchstreifte er nun in den Mittagspausen die Warenhäuser an seinem Arbeitsort Basel und kaufte massenhaft pinkfarbene Perücken oder gelbe Strohhüte ein. Das frühere Interesse an den Plaketten verblasste hingegen. Das Stofftuch im Haus von Kurt Böni, an dem die gesammelten Galgevögel-Plaketten befestigt waren, wurde abgehängt. «Aber wegwerfen hätten wir die Plaketten nicht können; insbesondere meine Ehefrau war dagegen», sagt Böni. Und so rufen die Plaketten heute noch lebendige Bilder von vergangenen Ereignissen hervor, wenn sie aus der Kiste ausgepackt werden, in der sie sonst schlummern.