Corinne Rufli

Mein Bein ist ganz blau und aufgeschürft, mein ganzer Körper tut weh», sagt Sandra Müller. Die 25-Jährige hatte am vergangenen Mittwoch einen grossen Schutzengel. «Ich wollte an die frische Luft und fuhr mit dem Elektrorollstuhl an die Limmat», erzählt Sandra Müller. Die junge Frau sitzt auf dem Sitzplatz bei ihrer Mutter in Spreitenbach. Sie sieht geschwächt aus und spricht langsam. «Ich nahm zum ersten Mal den Limmatuferweg in die andere Richtung.» Zu Beginn sei der Weg noch breit genug gewesen, dann wurde er immer enger. Plötzlich drehte das Rad durch und der Rollstuhl stürzte mit der Fahrerin direkt in die Limmat.

Doch Sandra Müller hatte grosses Glück: An dieser Stelle ist das Wasser nicht so tief und es hat keine Strömung. «Ich kniete im 17Grad kalten Wasser und dachte: Mist, mein Natel ist kaputt, kein Mensch läuft hier vorbei, was mach ich jetzt bloss? Ich glaubte, ich müsse ewig hier warten.» Sandra Müller hat die Kraft nicht, sich selber ans Ufer zu bringen. Sie leidet an einer schweren Stoffwechselkrankheit: zystische Fibrose. Bei jeglicher Anstrengung bekommt sie Atemnot.

Der Schutzengel war am Mittwoch aber auf Sandra Müllers Seite. Denn kurz nach dem Sturz kam ein Mann vorbei. «Er holte mich aus dem Wasser, konnte mich aber nicht bis zum Weg hinaufbringen, da es dort sehr steil ist.» Durch die Hilfe zweier weiterer Passanten konnte die junge Frau gerettet werden. «Ich bekam sogar trockene Kleider von den beiden», sagt Müller. Sie ist den Helfern sehr dankbar.

Die benachrichtigten Patrouillen der Regionalpolizei Spreitenbach und der Polizei Wettingen kamen zum Unfallort. Da der Limmatuferweg für Fahrzeuge nicht zugänglich ist, musste Müller von den Polizisten im kaputten Elektrorollstuhl gestossen werden. In Neuenhof wartete die Ambulanz und brachte die Spreitenbacherin für weitere Abklärungen ins Spital. «Ich war leicht unterkühlt und habe Schrammen am Bein», sagt Müller. Sie war froh, konnte sie gleichentags noch nach Hause. Denn sie war gerade für zehn Wochen im Spital und erst seit einer Woche wieder daheim. Sandra Müller hatte Nierenversagen, aufgrund der vielen Medikamente, die sie wegen ihrer Krankheit einnimmt. Sie muss nun drei Mal wöchentlich zur Dialyse. Gesundheitlich geht es ihr nicht gut. «Ich bekomme bei alltäglichen Verrichtungen Atemnot», sagt Müller betrübt. «Ich kann weder putzen noch kochen noch selber duschen.» Sie könne sich zu Fuss nur langsam in der Wohnung bewegen und sei absolut auf andere angewiesen. Sie sei immer müde und schlafe viel. «Wegen dieses Unfalls habe ich jetzt aber keine Angst, weiterhin allein unterwegs zu sein. Ich werde aber dort nie mehr durchfahren.»

Sandra Müller hatte mit 18Jahren ein Multiorganversagen, hat bereits zwei Lungentransplantationen hinter sich. Und jetzt ist es auch ihre Niere, die nicht mehr funktioniert. Wie kann man in dieser Situation noch Mut schöpfen? «Ich sehe immer das Positive in allem», sagt Sandra Müller. «Ich konnte mich immer durchsetzen, irgendwie.»