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Er hatte einen grossen Laden zu führen

Je länger François Scheidegger das Amt des Stadtschreibers ausfüllte, desto leiser wurde er. Nicht, weil er wegen irgendwas resignierte. Er findet, dass Argumente nicht mit der Lautstärke gewinnen. Mit einer leisen, aber bestimmten Art verschaffte er sich jederzeit Gehör.

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Egger

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Solothurner Zeitung

Urs Byland

Wer in diesen Tagen François Scheidegger erreichen will, trifft ihn in seinem Büro in seinem Heim an. Hier ordnet er, was in den letzten Wochen liegen geblieben ist. Es gehört nun mal zu seinem Wesen, die Dinge penibel genau zu beenden. «Manche Leute sagen, ich sei ein Tüpflischisser - ja, das bin ich, das musste ich in dieser Arbeit sein.»

So ist der ehemalige Stadtschreiber. Es stört ihn nicht, dass er mit einer negativ behafteten Eigenschaft in Verbindung gebracht wird. Er vermag die Eigenschaft ins Positive zu kehren. «Die Genauigkeit gehörte zu meiner Arbeit.» Gepaart mit der Genauigkeit ist sein Gedächtnis. Im Gespräch kann er minutenlang abschweifen und berichten, aber am Ende sagt er, warum er diesen Umweg gemacht hat und kommt wieder zum Ausgangspunkt zurück.

Diener für andere

Der Start in Grenchen 2002 war nicht einfach. «Ich kannte kaum jemanden, und die Arbeit war so ziemlich anders, als was ich bisher als Anwalt gemacht hatte. Obwohl ich aus meiner langjährigen Tätigkeit als Gemeinderat Bellach wusste, was mich ungefähr erwartete.»

Aber er wollte einfach noch einmal etwas Neues anpacken. Der Gedanke, sich beruflich zu verändern, habe ihn irgendwann nicht mehr losgelassen. «Dabei begann meine Anwaltskanzlei gerade so richtig gut zu laufen.»

Als Stadtschreiber verstand er sich als Diener des Volkes, der Verwaltung und des Gemeinderates. Sein Aufgabenspektrum war weitaus grösser, als mancher sich vorstellen kann. Beispielsweise der Gemeinderat: François Scheidegger diente in erster Linie dem Gemeinderat, als Mittler zwischen Verwaltung und Politiker in vorbereitender, vollziehender und beratender Funktion. Zudem führte er nebst der Stadtkanzlei die Einwohnerkontrolle, das Stadtarchiv, die inneren Dienste und bis Ende 2008 das Amt für Kultur. Nicht zu vergessen die verschiedenen Sekretariate wie Wirtschaftsförderung oder Integrationskommission und diverse Projekte.

Der Hüter der Sprache

Besondere Sorgfalt legte François Scheidegger auf die sprachliche Klarheit im Schriftverkehr. «Was von der Stadt kommt, muss eine Vorbildfunktion haben», ist er überzeugt. Er kann dabei auf sein früher geschliffenes Werkzeug zurückgreifen und geht in sein Büro, kramt alte Zeitungsseiten hervor, Immobilienseiten mit Beratungsberichten, verfasst von ihm. «Hier beispielsweise: Tod eines Mieters», und wieder muss er schmunzeln über etwas, was er früher gemacht hat. Man könnte das Schmunzeln beinahe als «heimlifeiss» bezeichnen, als ein lautes Lachen über die eigenen Kapriolen, die er anstellte, und gleichzeitig als stolzes Lachen: Ja, das habe ich gemacht, auch wenn man es mir vielleicht nicht zutraut. Inzwischen traut man dem zum Amtsgerichtspräsidenten gewählten François Scheidegger viel zu.

Obwohl er aus einem eher einsamen Job gekommen sei, habe er mit der Personalführung keine Probleme. «Ich führte Menschen in Vereinen, Verbänden oder im Militär. Man muss eine klare Linie haben und ein Vorbild sein», erklärt er. Persönliche, fachliche, aber auch eine natürliche Autorität seien von Vorteil. «Man muss ehrlich sein und für seine Unterstellten sorgen.» Er besuchte später auch einen Nachdiplomkurs an der Fachhochschule in Personalmanagement. Die Arbeit, die er im Kurs schrieb, wurde, wen wundert dies, als Beispiel für die Theorie der Personalführung gelobt.

An der langen Leine geführt

Sein Verhältnis zum Stadtpräsidenten bezeichnet er als sehr gut. «Wir hatten nie ein Problem miteinander, und es gab nur selten Momente, in denen wir laut zueinander wurden. Aber dann war das erledigt.» Er sei an der langen Leine geführt worden, konnte die Arbeit in seinem Sinne gestalten. Hauptsache war, sein Bereich funktionierte.

Politisch erlebte er im Laufe der Jahre eine Veränderung in der Wahrnehmung der Parteien. «Banga und Müller sind als politische Antagonisten natürlich ein Traumpaar.» Während die CVP und seine FdP dadurch leider eher weniger wahrgenommen würden. Grundsätzlich würden die Geschäfte politischer behandelt, als etwa auf dem Dorfe, wo Sachpolitik vorherrsche.

Eine neue Arbeit ruft

Ab Januar wird er keine Zeit mehr für diese Dinge haben. Dann beginnt François Scheidegger sein neues Amt als Amtsgerichtspräsident von Solothurn-Lebern. In letzter Zeit waren die vielen Termine am Abend belastend. Er wäre manchmal lieber zu Hause, bei seinen beiden Kindern und seiner Veronika gewesen. Diese öffentlichen Auftritte gehörten aber eben zum Job. Hier schmunzelt François Scheidegger nicht, hier ist ihm nur ernst.