Nazi

Ennet des Rheins tobt ein Krieg

Südbadische Linksautonome und Neonazis liefern sich eine erbarmungslose Auseinandersetzung «Antifa» nennen sich die einen, «Nationaldemokraten» und «Kameradschaften» die anderen. Gegenseitig spionieren sie sich im Internet aus - und die Polizei reibt sich dabei die Hände.

Von Bojan Stula

Am 26. August 2009 schlug die Lörracher Polizei zu. Nach einer Hausdurchsuchung nahm sie in Weil am Rhein den 22-jährigen Rechtsradikalen Thomas B.* fest und machte dabei einen unerhörten Fund: automatische Waffen und Chemikalien wie Salpeter, die laut Aussage des zuständigen Oberstaatsanwaltes genügt hätten, eine Fünf-Kilo-Bombe herzustellen. Nach der flugs einberufenen Pressekonferenz jubelten Medien in ganz Deutschland, durch den Fahndungserfolg sei möglicherweise ein Bombenattentat verhindert worden, das jenes am Münchner Oktoberfest von 1980 mit 13 Toten an Ausmass übertroffen hätte.
Was die Lörracher Polizei bloss am Rande erwähnte: Auf den «Bombennazi» («Süddeutsche Zeitung») war sie nur gestossen, weil bereits Wochen zuvor im Internet detaillierte Information über Thomas B. und weitere Mitglieder seiner Kameradschaft «Junge Nationaldemokraten Lörrach» aufgetaucht waren.

Ins Netz gestellt wurden die Angaben von der anonymen linksautonomen «Antifa»-Bewegung, deren Szenentreff in Freiburg im Breisgau offenbar im Zentrum von Thomas B.s Attentatsplänen stand. Während sich der Sprecher der Lörracher Polizei durch fehlende Detailkenntnis «lächerlich machte» (so ein Zeitungsbericht), schob die «Antifa» auf ihrer Homepage immer neue Details zum Fall nach - bis schliesslich allen klar wurde, wem dieser «Fahndungserfolg» wirklich zu verdanken war. «Manchmal fragt man sich schon, wie die Verfassungsschützer sich die Zeit vertreiben», höhnte vor Wochenfrist ein vermummter «Antifa»-Sprecher an einer Podiumsveranstaltung in Freiburg im Breisgau. «Wir hatten bereits 2007 Hinweise auf die Absichten des Bombenbauers.» Derweil versuchte die blamierte Polizei, die Internetseite der Linksautonomen zu sperren; laut «Antifa» eine klare Retourkutsche für die Blossstellung der Ordnungshüter im Fall des Weiler «Bombennazis» Thomas B.

Das Anprangern und Blossstellen von Neonazis im Internet hat für die badischen Linksautonomen Methode. Gerade erst in der vergangenen Woche wurde das Profil eines 18-Jährigen* veröffentlicht, der in der Roche eine Ausbildung macht und die Allgemeine Gewerbeschule Basel besucht (siehe Box unten). Das nennt die «Antifa» dann «Social Engineering» und betreibt es jenseits aller Bedenken wegen Verletzung von Persönlichkeitsrechten und Datenschutz. Im Kampf gegen rechts sei schliesslich jedes Mittel recht. Wer ins Fadenkreuz der «Antifa» gerät, findet sich in einem umfangreichen elektronischen Steckbrief wieder, der im Internet jedermann offen zugänglich ist.
Das Ausmass der preisgegebenen Details ist erstaunlich: von der genauen Adresse und Telefonnummer über das Nummernschild am Auto bis hin zum Namen der Freundin, des Arbeitgebers und aller Kontakte in der rechtsextremen Szene. Darüber hinaus - und das ist das wirklich Verblüffende - fehlt in keinem Steckbrief eine komplette Auflistung sämtlicher Internetpasswörter des Betroffenen, seiner Decknamen in rechten Internetforen, ja selbst Angaben zum Kaufverhalten in Internetversandhäusern oder Zitate aus privaten E-Mails. Im Fall des 18-jährigen Roche-Lehrlings vervollständigen Bilder aus dem privaten Facebook-Bereich und die Abbildung seines PC-Bildschirmhintergrunds mit Nazisymbolen den Steckbrief. «Auch wenn die Nazis schwer zu erkennen sind: Wir kriegen sie alle», drohen die Linksradikalen auf der gleichen Seite.

Logisch, dass die «Antifa» nur mit illegalen Hackermethoden an solch detaillierte Angaben herankommen kann. Dabei profitiert sie vom Umstand, dass die Neonazis im Umgang mit dem Computer offensichtlich weniger geschickt und schlechter vernetzt sind als die Linksautonomen. So sind die Erfolge der «Antifa» beachtlich. Thomas B., seit Oktober 2009 wieder auf freiem Fuss und in Erwartung der Anklageerhebung, hat seine Kameradschaft inzwischen aufgelöst. Mehrere südbadische Neonazis wurden durch ihre Enttarnung derart eingeschüchtert, dass sie von der Bühne abtraten. Wobei es nicht an Gegenversuchen der Neonazis fehlt, linksautonome Gruppierungen auszuspionieren und zu enttarnen; meist verbunden mit der Aufforderung, dem Feind «einen kleinen Besuch abzustatten». Folgerichtig stehen am Ende des «Cyberkriegs» immer wieder handgreifliche Übergriffe, Schlägereien und Brandanschläge.

Beide Seiten pflegen Kontakte zur Nordwestschweiz. Für die Anti-WEF-Demo in Basel machte die «Antifa» aktiv Werbung. Laut FC-Basel-Sicherheitschef Gerold Dünki gehören dieselben Mitglieder des «Schwarzen Blocks» zur Muttenzerkurve, die auch an der Anti-WEF-Demonstration Sachschäden anrichteten. Gleichzeitig werden den Rechtsextremen Verbindungen zur Basler Hooligan-Szene nachgesagt, worauf das Hissen der «Reichskriegsflagge» während eines FCB-Spiels im Frühling 2007 hindeutet. Zwar beteuern die «Antifa»-Aktivisten, dass sie Neonazis nur aufgrund absolut stichhaltiger Beweise blossstellen, doch sehen sie sich dabei keineswegs als Handlanger der Polizei. «In der Regel nehmen wir uns solcher Sachen selber an», sagt einer der Vermummten am Infoabend der «Antifa» in Freiburg.

*Alle Namen sind der Sonntag bz bekannt.

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