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Engel, der ohne Flügel auskommt

Essen wie bei Grossmuttern: Dorli Riglings bietet an ihrem Mittagstisch Hausmannskost und das auch für Kunden, die nicht mehr mobil sind. Diese erhalten ihr Essen ins Haus geliefert. (Bild: Oliver Menge)

Engel

Essen wie bei Grossmuttern: Dorli Riglings bietet an ihrem Mittagstisch Hausmannskost und das auch für Kunden, die nicht mehr mobil sind. Diese erhalten ihr Essen ins Haus geliefert. (Bild: Oliver Menge)

An 365 Tagen im Jahr kocht Dorli Rigling für Betagte. Doch nicht nur für sie. An Riglings Mittagstisch sind auch Berufs-tätige und Schüler willkommen. Ferien sind für die Hobbyköchin ein Fremdwort – und der letzte Arztbesuch liegt Jahre zurück.

Katharina Arni-Howald

«Dorlis Mittagstisch» steht auf einem Schild beim Hauseingang der Werkhofstrasse 21. Dorli Rigling öffnet die Tür und lächelt freundlich - so wie sie es immer tut, wenn Gäste kommen. «Sie ist ein Engel, man sieht nur die Flügel nicht», sagt ein Geschäftsmann, der einmal pro Woche bei ihr isst. Es ist Mittagszeit, und die Köchin verschwindet gleich wieder in der Küche, die nicht grösser ist als eine Kochnische in einer Einzimmer-Wohnung. Der Essraum ist hell und strahlt Geborgenheit aus. Auf den weissen Tischen stehen Kerzen, an den Wänden hängen Bilder mit Blumenmotiven und vor den Fenstern blühen noch immer Geranien. «Gelb und Weiss, das sind meine Lieblingsfarben», sagt Dorli Rigling mit einem Blick in den Raum und macht drei grosse Wärmetaschen bereit.

Während die Gäste die Hafersuppe löffeln, füllt sie eine der Taschen und verlässt den Raum. «Für einige meiner Kunden ist es zu beschwerlich hierher zu kommen, deshalb bringe ich ihnen zwischen zwei Gängen das Essen nach Hause.» Jetzt versteht man, weshalb Dorli Rigling unsichtbare Flügel hat, und die Tischrunde zerstreut alle Zweifel: «Keine Panik, sie wird pünktlich zurück sein, um den nächsten Gang zu schöpfen.» Auch Wöchnerinnen, denen es kurzfristig Mühe macht, selber zu kochen, können auf Dorli Rigling zählen, und man glaubt ihr aufs Wort, wenn sie sagt: «In meinem Leben gibt es nichts Wichtigeres als der Mensch, und wenn ich etwas für andere tun kann ist dies meine Art zufrieden zu sein.»

Schwierige Standortsuche

Während 12 Jahren hat die Hobby-Köchin für die Klosterfrauen im Josefskloster gekocht. «Das war eine aufreibende, aber gute Zeit.» 2002 gründete Dorli Rigling im Schützenmattquartier in einem zugemieteten Bungalow ihren ersten Mittagstisch, «weil es etliche ältere Menschen gab, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr selber kochen konnten oder wollten.» Dann kam es dort zu einem Besitzerwechsel, und sie musste eine neue Unterkunft suchen. Das war alles andere als einfach, denn viele Vermieter schreckten vor den Küchengerüchen zurück. 2004 fand sie dann endlich einen Hausbesitzer, der sich hinter ihre Idee stellte. Doch der Neubeginn hatte seine Tücken. «Ich musste alles neu einrichten, und für die meisten meiner bisherigen Kunden war der Weg von der Schützenmatt an die Werkhofstrasse einfach zu weit. Immerhin entschieden sich vier davon, den Mahlzeitendienst in Anspruch zu nehmen.

Einen Menuplan gibt es nicht

Zudem war sich Dorli Rigling bewusst, dass sie in Stadtnähe mit Konkurrenz rechnen musste. «In der Stadt können Berufstätige zwischen verschiedenen Restaurants und Menus wählen.» Trumpfen kann sie deshalb nur mit Qualität und Frischprodukten. Meist entscheidet sie erst am Morgen, was am Mittag auf dem Tisch steht. Einen Menuplan gibt es nicht, und auch vorkochen ist nicht ihr Ding. «Ich hole das Fleisch bei einem Metzger, der mir gute Ware garantiert und kaufe danach das Gemüse ein.» Vor allem für ältere Menschen sei eine gesunde und ausgewogene Ernährung wichtig. Und damit diese genug trinken, steht immer auch eine Flasche Mineralwasser mit auf dem Tisch - gratis notabene.

Für Freunde der Hausmannskost

Wer es exotisch liebt, ist bei der 62-Jährigen allerdings fehl am Platz. Ihre Hausmannskost ist auf Menschen ausgerichtet, denen exotische Gemüse und Früchte fremd sind. Auch der Ausdruck «Al dente» ist für viele ein Fremdwort. Sind allerdings Jüngere am Tisch, ist Dorli Rigling durchaus bereit, einen Teil der Teigwaren etwas früher aus der Pfanne zu nehmen. Manchmal kommen diese Jungen jedoch auch ins Schwärmen: «So hat meine Grossmutter gekocht» oder «Das gehörte früher zu meinen Lieblingsspeisen.» Grossmutter lässt auch am Freitag grüssen, denn an diesem Tag gibt es regelmässig Fisch oder Käse- und Früchtekuchen. Auch für Vegetarier ist gesorgt: «Ich koche täglich drei Gemüsesorten, damit kann man das Fleisch gut ersetzen.»

365 Tage im Jahr ist Dorli Riglings Mittagstisch geöffnet - auch an Weihnachten und auch am Sylvester. Denkt diese quirlige Frau denn nie an eine Auszeit? «Nein», sagt sie ohne nur eine Sekunde nachzudenken. «Ich kann doch meine Gäste nicht im Stich lassen.» Und wenn eine Grippe oder eine Erkältung im Anzug ist? «Dann ziehe ich einen Mundschutz an und desinfiziere alles gut.» Während man nach dieser Aussage tief Atem holt und nicht so richtig weiss, ob man diese Frau als ein bisschen «verrückt» einstufen soll, zitiert sie eine alte Volksweisheit: «Nur die Umstände machen krank, nicht die Arbeit.» Dass das stimme könne sie belegen: «Ich war noch in meinem ganzen Leben noch nie so gut ‹zwäg› wie jetzt.»

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