Demenzkranke

Emotionen bauen Brücken

Selbst im schweren Stadium der Krankheit zeigen sich noch fünf Emotionen im Gesicht des Patienten (Archiv)

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Selbst im schweren Stadium der Krankheit zeigen sich noch fünf Emotionen im Gesicht des Patienten (Archiv)

Vielen Demenzkranken fällt das Sprechen schwer. Ein neuer Film lehrt Pflegende, auf die Gesichtsausdrücke ihrer Patienten zu reagieren.

Evelyne Baumberger

Anfang Jahr stand das Zürcher Pflegezentrum Entlisberg im Mittelpunkt eines Skandals: Pflegerinnen hatten demente Betagte gedemütigt und gefilmt. Von Überforderung der Angestellten, aber auch von Aggressivität Demenzkranker war in der Folge die Rede. Ein Projekt, das kürzlich just im betroffenen Pflegezentrum vorgestellt wurde, allerdings schon vor den schockierenden Vorfällen zustande kam, kann dazu beitragen, dass im Pflegealltag weniger Missverständnisse zwischen Patienten, Pflegenden und Angehörigen entstehen. Der Film «Zeichensprachen» zeigt mit der Interpretation von Gesichtsausdrücken eine einfache Möglichkeit zur Kommunikation auf, die sowohl Patienten wie Pflegenden zugute kommt. Denn: «Langzeitpflege ist dann attraktiv, wenn Beziehung möglich ist», wie Michael Schmieder, Leiter des Krankenheims Sonnweid, an der Medienkonferenz sagte.

Im Verlauf einer Demenzerkrankung wird es - vor allem durch den Verlust der Sprache - immer schwieriger, mit dem Patienten zu kommunizieren und herauszufinden, wie es ihm geht. Um seine Würde zu erhalten und ihm zu der grösstmöglichen Lebensqualität zu verhelfen, ist die Beurteilung des Wohlbefindens jedoch von grösster Wichtigkeit. Bisher geschah dies über die Befragung der Pflegenden und Angehörigen. «Diese Informationen sind jedoch nicht immer aussagekräftig», sagt Sandra Oppikofer vom Zentrum für Gerontologie an der Universität Zürich.

Oppikofer ist Leiterin des Projekts, das nach Alternativen zur Messung des Wohlbefindens von Demenzkranken gesucht hat und in dessen Rahmen nun der zwanzigminütige Film entstanden ist. «Die Lösung des Kommunikationsproblems ist der emotionale Ausdruck», sagt Oppikofer. Freude, Angst, Traurigkeit, Ärger und Aufmerksamkeit sind fünf Emotionen, die sich im Gesicht des Patienten zeigen - «selbst in einem schweren Stadium der Erkrankung», wie Oppikofer erklärt. Wenn die Pflegenden, sei es das Personal in einem Heim oder die Angehörigen zu Hause, dahingehend geschult werden, die affektiven Ausdrücke wahrzunehmen und darauf zu reagieren, kann die Lebensqualität der Patienten gesteigert werden.

Ein Beispiel aus dem Film: Der alte Mann blickt selbstvergessen ins Leere, eine Pflegerin holt ihn mit einem freundlichen, direkt an ihn gerichteten Wort aus seiner Versenkung. Der Blick wird schlagartig wacher, die Gesichtsmuskulatur gefasst. «Die Stimulation des Gehirns wirkt sich positiv auf das Wohlbefinden aus», erklärt die Stimme aus dem Off. Durch einfache Reaktionen auf den Gesichtsausdruck können die Pflegenden den Patienten Freude bereiten, sie aus ihrer Traurigkeit holen oder ihren Ärger beruhigen. Der Demenzkranke fühlt sich verstanden und wahrgenommen, Emotionen stauen sich nicht an und Aggressionen können bis zu einem gewissen Grad vermieden werden.

Film Zeichensprachen: Erhältlich beim Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich: sekretariat@zfg.uzh.ch. Die DVD kostet für Privatpersonen Fr. 39.-, für Institutionen und Organisationen Fr. 98.-. Parallel zum Film wurde auch ein Schulungsmodul entwickelt, das ab September angeboten wird. (Infos: www.zfg.uzh.ch)

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