Elena möchte einen Ofen

Holzofen

Holzofen

Die tägliche Portione Meiereien aus der Aargauer Zeitung.

Jörg Meier

ELENA HAT mir geschrieben. Ein wunderschönes Mail. Sie wünscht mir frohe Weihnachten, dass ich glücklich werden möge und alle meine Träume in Erfüllung gehen. Nur: Wer ist Elena? Sie wohne in Russland, schreibt sie, in einer kleinen Stadt und arbeite da in der Bibliothek. Ich kann mich noch immer nicht an eine Elena erinnern. Ich war zwar kürzlich in Russland, mit der Transsibirischen, aber auch da ist mir, soviel ich weiss, keine Elena begegnet.

ABER ES GEHT JA auch nicht um mich. Es geht um Elena. Es ist kalt in Russland und es wird täglich kälter. Elena wohnt mit ihrer achtjährigen Tochter und ihrer Mutter in einer winzigen, ungeheizten Wohnung. Die drei frieren. Und der Kindsvater ist abgehauen.

DA KANN ICH Elenas scheue Anfrage gut verstehen. Sie fragt mich, ob ich nicht irgendwo einen alten Holzofen habe, der noch funktioniere, den aber niemand mehr brauche. Und ob ich ihr diesen Ofen nicht nach Russland schicken könne; Holz habe es genug in den umliegenden Wäldern. Das gefällt mir: Elena bettelt nicht einfach um Geld, nein, sie möchte nur einen alten Ofen. Das Brennholz will sie selber sammeln. Ganz klar: Ich werde ihr helfen.

LEIDER HABE ICH zurzeit keinen alten Ofen greifbar. Hätte ich einen, ich würde ihn sofort nach Russland zu Elena schicken. Auch in meiner nächsten Umgebung habe ich gefragt; doch auch hier: nirgends ein alter Holzofen. Weil ich aber Elena, die mir doch so nett geschrieben hat, keinesfalls im Stich lassen will, schicke ich ihr jetzt meinen alten Raclette-Ofen. Erstens ist das besser als gar nichts und zweitens steht der bei mir ohnehin nur herum. Ich hoffe, Elena wird nicht allzu enttäuscht sein von mir.


joerg.meier@azag.ch

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