Barcelona, 23. 12. 2017

Liebe Schwester, hab lieben Dank für die Einladung, niemand wird behaupten wollen, du hättest mich zum Besuch deiner Weihnachtsfeier überreden müssen. Als mich deine Karte erreichte, hatte ich bereits darüber nachgedacht, zum ersten Mal seit vielen Jahren über Weihnachten in die alte Heimat zu fahren. Deine Einladung, Heiligabend mit euch in der Schweiz zu verbringen, freut mich. Gerade in diesen Tagen, in denen es hier in Barcelona derart drunter und drüber geht, bin ich besonders froh um etwas Ruhe.

Ausserdem feiern ja die Menschen hier eher den Dreikönigstag als grosses Familienfest, an dem sich alle beschenken, was angesichts der grosszügigen Könige aus dem Morgenland durchaus Sinn macht. Bestimmt erinnerst du dich daran, wie wir uns schon in früher Kindheit gefragt haben, warum ausgerechnet ein Säugling in der Lage sein soll, die ganze Bevölkerung mit Geschenken zu versorgen.

Bestimmt fällt es den Kindern in Barcelona einfacher, die Geschichte von den Drei Königen zu glauben, als uns seinerzeit die Sache mit dem Christkind. Trotzdem ist es gut, dass wir uns vom Christkind und nicht von den Königen aus dem Morgenland beschenken lassen. Gemäss einer breit angelegten Umfrage schätzen die Schweizer den Anteil an Muslimen fast vier Mal so hoch ein, wie er in Wirklichkeit ist. Erhielten da die Weisen aus dem Morgenland noch eine Hauptrolle, stiege der gefühlte Muslimenanteil noch weiter an.

Wie auch immer, mein eigener Glaube ist trotz der Geschichte vom Geschenke bringenden Christkind und trotz vielen weiteren Ungereimtheiten immer noch ungebrochen, liebe Schwester. Ihr müsst mich also weder überreden noch bekehren, ich werde erscheinen. Was ich freilich nicht möchte und nicht brauchen kann, ist Mitleid. Linas Krankheit und ihr Tod liegen nun fast ein Jahr zurück. Wir haben uns über alles, was damit zusammenhängt, ausführlich ausgetauscht.

Mehrmals habe ich dir gesagt und geschrieben, dass ich als Witwer gut zurechtkomme und dass ich mit meinen sechzig Jahren kein Greis bin, der versorgt werden muss. Mein Kollegium an der Schweizerschule unterstützt mich noch immer, und auch darüber hinaus fehlt es mir an nichts. Selbstverständlich ist Weihnachten ein Fest, das sich besser in Gemeinschaft als allein feiern lässt, aber diese Weisheit ist banal, und sie gilt für jedes andere Fest auch. Wie schon gesagt: Ich komme gern zu euch, ich freue mich auf euch alle und auf deine selbst gemachten Weihnachtsguetsli. Aber ich komme nicht, weil ich mich einsam gefühlt hätte, sondern weil ich euch vermisse und eure Gastfreundschaft schätze.

Es gibt ausserdem noch einen ganz anderen Grund, weshalb ich in diesem Jahr besonders gern für ein paar Tage in die Schweiz fahre. In den bald dreissig Jahren, in denen ich nun schon an der Schweizerschule in Barcelona unterrichte, habe ich in der Stadt keine vergleichbare Hysterie erlebt wie in den letzten Wochen und Monaten. Um dir aufzuzeigen, wie eigenartig diese ganze Autonomie-Bewegung bei den Katalanen ist, schlage ich dir eine geistige Übung vor.

Stell dir vor, ungefähr die Hälfte deiner Nachbarn, deiner Arbeitskollegen, deiner Freunde und Bekannten trügen plötzlich am Revers, am Autorückspiegel, auf Aufklebern, am Rucksack oder auf T-Shirts ständig ein oder mehrere Kantonswappen zur Schau. An jedem zweiten Balkon hinge die Kantonsfahne, und wer keinenBalkon hätte, würde sie ans Fenster hängen.

An den regelmässig stattfindenden Pro-Kantons-Demos würden sich die Menschen das Kantonswappen ins Gesicht malen, und Tausende von Kantonswappen würden geschwenkt. Stell dir vor, aufgeklärte und gebildete Menschen würden sich von der Kantonsfahne ständig irgendetwas erhoffen, von dem sie nicht sagen könnten, was es ist, von dem sie aber sicher wüssten, dass es sie zu glücklicheren Menschen machen muss.

Erst wenn du versuchst, dir diese Fahnensache vorzustellen, merkst du, wie absurd diese Vorstellung ist. Aber hier in Barcelona läuft es ganz genau wie beschrieben. Die katalanische Fahne ist das neue Heilszeichen, auch wenn kein Mensch weiss wofür. Der Kult um die Fahne ersetzt jeden Gedanken daran, wer man ist und was man will. Der einzige Gedanke, den die Nationalisten hier und alle andern Nationalisten auf der Welt im Kopf behalten können, ist der Gedanke an das eigene Bessersein. Aber wenn alle besser sein wollen als alle andern, weiss man am Ende ja doch nicht, wer nun besser als wer ist.

Genug, ich will dich nicht länger mit hiesiger Regionalpolitik langweilen. Heute Nachmittag nehme ich den Zug über Montpellier, Lyon und Genf, sodass ich am Abend schon bei euch bin. Den Nachtzug gibt es ja nicht mehr, so wie es überhaupt viele nützliche Dinge nicht mehr gibt, weil sie offenbar nicht rentieren. Fliegen ist billiger als Bahnfahren, und der Klimawandel sei eine Erfindung der Medien, sagen manche, während sie sich darüber wundern, weshalb die Gletscher schmelzen und die Berge rutschen.

Und wenn wir es schon von den Medien haben: Euer Sohn Hugo erzählte mir bei seinem letzten Besuch von der Idee, eine Initiative zur Abschaffung der Radio- und Fernsehgebühren einzureichen. «Stell dir vor, Onkel Klaus, da könnte jeder Haushalt über 400 Franken im Jahr einsparen!», schwärmte er, während er mit seinen teuren Markenschuhen mein Sofa verdreckte. Wie ich höre, ist die Initiative tatsächlich zustande gekommen, und sie soll, wie ich unlängst auf Swissinfo gelesen habe, allerbeste Chancen haben, durchzukommen.

Das ist noch einmal so eine Idee wie beim Nationalismus: Wenn ich besser bin als alle andern, weiss ich auch, dass alle andern schlechter sind als ich, also ist es das Einfachste, alles, was nicht genau so ist, wie ich es mir vorstelle, einfach mal abzuschaffen. Ihr habt die Minarette abgeschafft, aber die Angst vor den Muslimen ist gewachsen. Jetzt schafft ihr die öffentliche Unterstützung der Rundfunkmedien ab, aber die Angst vor allem, was nicht privat ist, wird weiterwachsen.

Was werden die Menschen in der Schweiz noch zu reden haben, wenn sie nicht übers Fernsehen lästern können? Und was wird die Schweiz noch zusammenhalten, wenn nur noch aus dem Ausland gesendet wird? Ein bisschen wird ja dann vielleicht schon noch vom Inland gesendet, aber nur, wenn es rentiert. Entschuldige, jetzt wäre ich trotz allen anderslautenden Beteuerungen beinahe wieder politisch geworden. Dabei feiern wir bald Weihnachten, wo es ja, abgesehen vom Flüchtlingsthema und abgesehen vom Thema der Wohnungsnot und abgesehen vom Thema der unverhofften Schwangerschaft überhaupt nicht um Politik geht.

In deinem letzten Mail hast du mich gefragt, ob es mir etwas ausmache, an Weihnachten die Weihnachtsgeschichte vorzulesen. Viviane, Hugos Freundin, feiere erstmals mit euch, und sie komme aus einem religiösen Elternhaus. Da schien es euch angebracht, etwas aus der Bibel vorzulesen, und wenn man schon einen Bruder habe, der Lehrer sei und gut vorlesen könne, fändet ihr es sinnvoll, wenn ich diesen Part übernehmen könnte. Es scheint euch ziemlich peinlich zu sein, ein religiöses Fest mit jemandem «aus einem religiösen Elternhaus» feiern zu müssen.

Mir ist das nicht peinlich, ich kann gern etwas vorlesen. Wenn ihr wollt, kann ich auch ein improvisiertes Tischgebet sprechen: «Lieber Gott, lass uns auch in diesem Jahr das Weihnachtsessen gut verdauen. Wir loben deine Güte und die Discountpreise der Billiganbieter. Danke Gott, dass wir den Bauern für die Milch so wenig zahlen müssen, und danke Gott, dass wir dank Billigimporten so günstig ans Fleisch kommen. Die 400 Franken, die wir bald bei der Radio- und TV-Gebühr einsparen, werden wir folgsam in Konsumgüter investieren, auf dass alles im Flow bleibt, Amen.»

Entschuldige liebe Schwester, zuweilen geht das Temperament ein bisschen durch mit mir. Aber fürchte dich nicht (wie die Engel in der Weihnachtgeschichte zu sagen pflegen). Du musst keinen Eklat von meiner Seite befürchten. Gern verspreche ich dir, dass ich an Heiligabend auf derartige Sprüche verzichten werde. Einmal im Jahr kann man sich zusammennehmen, wie unser Bruder Georges immer zu sagen pflegte, bevor er jeweils ins Lallen geriet und vor lauter Selbstgebranntem nur noch in Zungen redete.

Falls ich eine Bitteäussern darf, was die Geschenke angeht: Du hast mir ja geschrieben, ihr hättet vor Jahren abgemacht, einander nichts mehr zu schenken. Selbstverständlich respektiere ich alles, was ihr gegenseitig vereinbart habt. Da ich aber nicht Teil dieser Abmachung war, will ich mir erlauben, trotzdem alle zu beschenken.

Meinem lieben Schwager Oskar will ich Raucherwaren mitbringen. Er ist der Letzte in der Familie, der die wunderbare Kulturtätigkeit des Tabakrauchens noch pflegt. Ich wäre enttäuscht, wenn er seine Zigarillos durch diese neuartigen Rauchapparate mit elektrisch aufladbarer Heizvorrichtung ersetzen würde.

Für dich, liebe Schwester, habe ich trockenen, feinen, katalanischen Schaumwein mitgebracht, das einzige Regionalprodukt Kataloniens, das zu exportieren sich wirklich lohnt. Für Hugo bringe ich Spielfilme auf DVD mit, immer hoffend, dass er noch ein Gerät besitzt, mit dem er sie abspielen kann. So hat er beim Fernsehen jederzeit die Garantie, kein öffentliches Programm sehen zu müssen, sondern vollkommen exklusiv seine ganz privaten, immer gehaltvollen Filme schauen zu können.

Seiner, wie ihr nasenrümpfend erklärt habt, «einem religiösen Elternhaus entstammenden» Freundin Viviane bringe ich ein paar Romane des in Barcelona geborenen Schriftstellers Juan Marsé mit. Marsé ist Experte für die feinen Differenzen unter möglichen Herkunftsfamilien. Wie ihr unterscheidet er zwischen sozialen, nationalen und religiösen Prägungen. Falls Viviane kein Spanisch versteht, besorge ich ihr gern deutsche Übersetzungen.

Für meine liebe Nichte Birgit habe ich ein FC-Barcelona-Trikot mit der Rückennummer von Ivan Rakitic mitgebracht. Ich weiss, dass sie Rakitic gut leiden mag, weil er aus Möhlin im Fricktal stammt, wie ihr Ex-Freund, der Versicherungsvertreter, dessen Name mir längst entfallen ist, der mir aber bei unseren wenigen Treffen immer recht sympathisch begegnet ist. Jedenfalls sympathischer als ihr heutiger Ehemann Louis, der jeweils glaubt, alles besser wissen zu müssen, und sogar an Weihnachten «einen dringenden Anruf aus dem Büro» erwartet. Ihm schenke ich ein buntes Einstecktuch, das bestimmt zu irgendeinem seiner bunten Vestons passt.

Meinem kleinen Grossneffen mit dem zeitgemäss effizienten Dreibuchstabennamen Noe habe ich das Laser-Schwert gekauft, das ihm seine Eltern aus pazifistischen Gründen vorenthalten. Dabei ist es doch vernünftiger, der Bub lebe seine infantile Freude an Waffen jetzt aus. Dann hat er es bis zur Rekrutenschule schon hinter sich. Und falls er auch dieses Jahr wieder fragen sollte, ob der Weihnachtsmann ein Onkel des Jesuskinds sei, werde ich ihn theologisch auf Kurs bringen.

«Aber Klaus, wir hatten doch abgemacht, dass wir uns nichts schenken!», höre ich euch schon tadeln, als sei Schenken ohne vorherige Abmachung immer auch eine Form von Grenzüberschreitung. Mir ist das vollkommen egal. Ihr beschenkt mich mit eurer Einladung, mit dem Menu, von dem ich jetzt schon weiss, dass es alles übertrifft, was ich mir kulinarisch vorstellen kann, und mit all den vielen Geschichten, die ich euch jeweils entlocken muss, weil ihr noch immer eine Familie von Wenigerzählern seid.

Dass das Weihnachtsmenu bei euch, wie bei fast allen Familien, die ich kenne, überragend sein wird, ist schön und lobenswert. Dass es trotz guter Vorbereitung und perfekter Küche am Heiligen Abend in manchen Familien dennoch zu Tränen, Trotz und Terror kommt, hat eine andere Ursache. Familienstreit und Frustration ist meiner Ansicht nach in aller Regel eine Folge der viel zu hohen Erwartungen. Bei Familien, die sich während des ganzen Jahres immer wieder treffen, ist die Erwartungshaltung an Weihnachten weniger hoch, sie nehmen ihr Zusammensein lockerer, was automatisch weniger Streit generiert.

Wie bin ich nur draufgekommen? Ich muss an deinen Mann, meinen Schwager Oskar gedacht haben und an euren Schwiegersohn mit den extravaganten Anzügen und den extravaganten Ansichten. Bestimmt will ich nicht der sein, der die Spannung zur Entladung bringt und den Streit befeuert. Aber friedenstiftend einzugreifen, ist nicht meine Stärke. Es wäre also gut, wenn du bei der Tischordnung morgen Abend darauf achtest, dass zwischen Oskar und Louis genügend Sicherheitsabstand gewährleistet ist.

So, liebe Helga, jetzt muss ich mich auf den Weg zum Bahnhof machen. Schaue ich aus dem Fenster, werde ich den Eindruck nicht los, die ganze Stadt stehe wieder unter Flaggenzwang. Hoffentlich hält mich keine dieser nationalspanischen oder nationalkatalanischen Kundgebungen auf, denn um 13 Uhr 20 fährt der TGV ab Barcelona Sants. Grüss alle lieb von mir, wir sehen uns morgen Abend, ich freue mich, dein Bruder Klaus.