Eine wahre Mundartpracht

Wenn in der Kulturfabrik Macht- und Gutmenschen in breitem Berndeutsch filetiert werden, wenn Alltagsmechanismen karikiert oder einfach nur Schräges zum Besten gegeben wird, dann nennt sich das «gägäWärt». Zehn Mundart-Künstler präsentierten am Freitagabend ihr Können.

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Solothurner Zeitung

Samuel Misteli

Am Anfang stand auf der Bühne ein Deutscher. Ausgerechnet. An der Mundartnacht, dem mittlerweile zur Tradition gewordenen Schaulaufen des Schweizerdeutschen, dem Defilée der Deutschschweizer Dialekte. «gägäWärt - DIE Mundartnacht», siebte Ausgabe. Ausgerechnet ein Deutscher stand da also am Anfang auf der Bühne der vollbesetzten Kulturfabrik Kofmehl. Fing ja gut an. Das Publikum indes hiess den Gast aus dem nordrheinischen Kanton samt seinem hochdeutschen Idiom willkommen. Wieso auch nicht: Radioredaktor Alexander Götz war nicht gekommen, sich über die kurligen Ausdrucksformen im kleinen Nachbarland zu mokieren, sondern, die Zuhörer darauf hinzuweisen, dass der Abend für Radio DRS aufgezeichnet würde - auch ein Beleg dafür, dass die Mundartnacht mittlerweile einen festen Platz in der Kulturlandschaft hat.

Götz nutzte die Bühne gleich noch dazu, dem Schweizerdeutschen seine Reverenz zu erweisen: Eine solche Vielfalt an Dialekten wie in der Schweiz, sagte er, gebe es im grossen Deutschland nicht. Man durfte sich also schon gebauchpinselt fühlen, bevor auch nur einer der zehn angekündigten Mundartkünstler demonstriert hatte, was diese vielfältigen Dialekte alles so an Sprachakrobatik befördern.

Den Hochseilakt gemeistert

Dann setzte er allerdings ein, der Reigen der Poetry-Slammer, Kabarettisten und Komödianten. Die Grenzen zwischen den Genres sind fliessend, die acht Männer und zwei Frauen sind vor allem eines: Sprachartisten. Artisten, die bei ihren rund fünfminütigen Darbietungen nicht mehr als ein Mikrofon und eine leere Bühne zur Verfügung haben, um dem Publikum zu geben, wonach es verlangt. Das kann einem Hochseilakt gleichkommen. Dieser wurde von den Künstlern freilich in aller Regel souverän gemeistert. Was sich zeigte: Nicht der Dialekt allein ist das Kapital der Mundartisten, vielmehr die Fähigkeit, ihn kreativ zu gebrauchen - der Dialekt ist mithin nicht mehr als ein Werkzeug.

Kunst und Krise als Motto

Das Unterfangen, sich einzig mit dem Dialekt abheben zu wollen, wäre ohnehin zum Scheitern verurteilt gewesen: Bei fünf Bernern und zwei Solothurnern die auftraten, war die zuvor gepriesene Vielfalt nicht wirklich repräsentiert.Dass die Hälfte der Performer Berndeutsch sprach, war der Unterhaltung indes nicht abträglich - eben weil Berner wie Nichtberner bewiesen, dass nicht der Dialekt ihr eigentliches Kapital ist. A propos Kapital: Kunst und Krise lautete das Motto. Nicht übermässig originell, mochte man meinen. Wenn dann aber der Gürbetaler Viktor Vögeli gegen «Wirtschuftskapitäne» wetterte, die nicht weitsichtig, dafür wettsüchtig seien, wenn er den Zeigefinger gegen die «Lügislative» schwang, dann konnte man durchaus zur Erkenntnis gelangen, dass auch zum ewig gleichen Thema noch Originelles gesagt werden kann.

Zur Kasse gebeten wurden nicht nur die Mächtigen: Renata Burckhardt etwa filetierte genüsslich den Gutmenschen, der in den Ferien unter der Dusche steht, aus der kein Wasser mehr kommt, und das nichts als gerecht findet - schliesslich mangelt es in Afrika auch überall an Wasser.

«Imperium an Bildmetaphern»

Wenig war heilig und kein Motiv zu abwegig, um zu Mundartlyrik verarbeitet zu werden. Zu hören waren Interna aus dem «Club der offiziellen Legastheniker» von Nicole Kaiser, die Beweisführung des Trimbachers Kilian Ziegler, wieso die eigene Mutter eine Terroristin ist (sie produziert «Massenvernichtungswaffeln»), oder Remo Rickenbachers Ich-Erzählung einer verschmähten Bio-Banane, die ihr Ablaufdatum unaufhaltsam nahen sieht.

Ähnlich schräg die Schilderungen des jungen Bielers Patrick Savolainen von der nur halbwegs platonischen Liebe eines der Langzeitarbeitslosigkeit Entronnenen zu einem Fluss. Die Erzählung war nicht nur schräg, sie war auch überaus poetisch. «Ein Imperium an Bildmetaphern», fand der Moderator Elwood Loud, habe der Literaturstudent soeben errichtet. Wo bei Savolainen die Metaphern so gleichmässig flossen wie das gepriesene Gewässer, liess Richi Küttel die Wörter tanzen: Wortsalven in Rheintaler Dialekt feuerte der St. Galler ins Publikum. So vielfältig die verarbeiteten Motive, so vielfältig auch die Vortragsformen. Es war tatsächlich Mund-art, gesprochene Kunst, die da am Freitagabend präsentiert wurde. Und dabei ein Zeugnis dafür, wie überaus lebendig der Dialekt ist.