kerz

Eine viel geliebte Vorweihnachtstradition

Geduld bringt Kerzen: Lange darf ein Docht nicht ins heisse Nass getaucht sein, dazwischen muss er immer wieder abkühlen. (Bild: Walter Schwager)

Kerz

Geduld bringt Kerzen: Lange darf ein Docht nicht ins heisse Nass getaucht sein, dazwischen muss er immer wieder abkühlen. (Bild: Walter Schwager)

Ein Binggis tuts mit zappeliger Ungeduld, ein Twen mit staunender Konzentration, eine ältere Dame mit professionellem Geschick.

Rosmarie Mehlin

Novemberwind bläst über den Badener Bahnhofplatz. Durch das nasse Grau hastende Passanten halten unverhofft inne: Das Holzhaus, das seit ein paar Tagen da steht, übt eine magische Anziehungskraft aus. Kinder, an deren kleinen Händen lange, dünne, gelbbraunen Gebilde baumeln, hüpfen heraus und stürmen wieder hinein. Drinnen stehen drei grosse runde Töpfe, aus denen es wohlig-warm duftet. «Kerzenziehen hat etwas Meditatives an sich, es riecht fein, und während man den Docht ins Wachs hält, zwischendurch immer wieder herumgeht, entstehen in einem drin viele schöne Bilder», schwärmt Simona Brizzi aus Ennetbaden. Als Kind sei sie leidenschaftliche Kerzenzieherin gewesen. Jetzt sind ihre drei Töchter an der Reihe: Sorgfältig achtet sie darauf, dass die dreieinhalbjährigen Zwillinge Elena und Giulia die Dochte nicht zu lange in den heissen Wachs halten. Nach jedem «Tauchgang» müssen die beiden mit der langsam wachsenden Kerze nach draussen gehen und dreimal um den dicken Baum marschieren. Nur wenn das Wachs zwischendurch abgekühlt wird, kann das Ziel erreicht werden.

Glühwein und Spaghettata

Die 20-jährige Sirma aus Regensdorf ist mit ihrem Bruder Kemal und dessen beiden Kindern auf Verwandtenbesuch: «Das letzte Mal war ich vor zehn Jahren bei einem Kerzenziehen. Es beruhigt, entspannt, gefällt mir mega gut. Schade ist bloss, dass es nur eine Farbe Wachs gibt.» Rentnerin Judith Zehnder aus Wettingen arbeitet wie ein Profi. Um 10 Uhr morgens hat sie angefangen, bis 16 Uhr zieht sie durch. Ihre Kerzen sind, eine wie die andere, ebenmässig schön: «Seit zehn Jahren komme ich regelmässig hierher, stelle jedes Mal

für 300 bis 500 Franken Kerzen her.» Die Kerzen verwendet Judith Zehnder in selbst gemachten Trockengestecken, mit denen sie Freunde und Bekannte beschenkt.

In das Parfum von heissem Wachs mischt sich der Duft von Kaffee. Selbst gebackene Cakes und Kuchen wecken süsse Gelüste. Tja, auch entspannende, meditative Tätigkeit macht Hunger und Durst, die unter anderem mit Glüh- und anderem Wein, mit Suppe, oder Hot Dog gestillt werden können sowie heute und am nächsten Mittwoch von 17 bis 21 Uhr mit der bereits auch schon traditionellen Spaghettata.

Für Menschen mit einer Behinderung

Schon seit 34 Jahren bringt das Kerzenziehen heimelige Adventsstimmung auf den Badener Bahnhofplatz, lässt die Augen kleiner Menschen leuchten und grosse Menschen besinnlich durchatmen.

Und wenn Elena und Giulia ihre «Dochtwürmli» geduldig immer und immer wieder in das heisse Gemisch aus 60 Prozent Bienenwachs und 40 Prozent Parafin tauchen, dazwischen dreimal den alten Baum vor der Tür umrunden, dann ist das nicht nur aufregend und freut sich wohl Oma Pia am Schluss nicht nur über das selbst gebastelte Geschenk - auch vielen Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, wird mit jeder gezogenen Kerze ein Lichtlein vermittelt.

Denn hinter dem Kerzenziehen steht ein Verein mit dem Ziel, den Reinerlös Menschen mit einer Behinderung zugute kommen zu lassen. «Vor einem Jahr zum Beispiel konnten wir 250 000 Franken an die Zentren Körperbehinderte Aargau, zeka, für den Bau des Wohnhauses in Dättwil, das 2010 bezugsbereit sein wird, überreichen», hält Vereinsmitglied Daniela Vögele fest.

Meistgesehen

Artboard 1