Lehrerin
Eine Sekundarlehrerin macht ihrem Ärger Luft

Margrit Matyscak, Lehrerin am Standort Lengnau der Kreisschule Surbtal, ist der Kragen geplatzt. In einem Brief an die AZ spricht die 63-jährige Pädagogin von Respektlosigkeit und Mobbing. Sie muss sich Sätze wie «Schreiben Sie den Scheisstext selbst» von ihren Schülern anhören.

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Mir reichts

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Angelo Zambelli

«Wie viel Ungezogenheit muss sich eine Lehrperson gefallen lassen?», fragt Margrit Matyscak in ihrem Schreiben, das dem Hilfeschrei einer Burnout-gefährdeten Lehrerin gleichkommt. Die Oberstufenlehrerin ist sich bewusst, dass Pubertierende grundsätzlich alles infrage stellen: Aber: «Muss das nach jeder Vorstellung einer Aufgabe ausarten in: Was soll der Scheiss? Teenager waren schon immer respektlos. Aber: Muss das münden in die Frage: Warum sind Sie Lehrerin geworden? Können Sie nichts anderes?»

Dies sind nicht die einzigen Anwürfe, die sich die Pädagogin im Laufe des letzten halben Jahres gefallen lassen musste. Sie fragt: «Müssen Hefte und Stühle fliegen, wenn die Lehrerin Vorschläge macht, wie ein Satz durch Umstellen der Worte spannend gemacht werden kann? Wird eine Schülerin von der Lehrerin tatsächlich angegriffen, wenn ihr erklärt wird, wie der Vorspann ihrer Reportage spannender sein könnte, und die Lehrerin die Antwort erhält: Dann schreiben Sie den Scheisstext doch selbst, wenn er Ihnen nicht gut genug ist!»

Kollektives Grinsen

Margrit Matyscak räumt ein, dass es jeweils nur zwei oder drei einer Klasse sind, die Respekt fordern und selbst niemandem Respekt entgegen- bringen. Sie stösst sich auch daran, dass der Rest der Klasse bei Vorfällen wie dem eben geschilderten grinst, verlegen wegschaut und bis zum Ende der Argumentation durch Ignorieren abschaltet, bis sich die Situation geklärt hat.

Die Oberstufenlehrerin nimmt aber auch die Eltern der Störenfriede in die Pflicht: «Viele denken: Ich war auch einmal so ähnlich, und schauen weg. Wenn dann Gespräche in der Schule erbeten werden, erwacht der Verteidigungsdrang nach dem Motto ‹Mein Kind tut das nicht, wenn es richtig behandelt wird›.»
Margrit Matyscak fühlt sich unwürdig behandelt und fragt sich immer wieder: «Muss ich mir das antun?» Dennoch sieht sie einen Hoffnungsschimmer: «Zusammenarbeit könnte helfen, aus einem renitenten, schulmüden Teen einen inte-ressierten künftigen Stift zu machen. Methoden gibt es genug. Aber da stehen häufig die Eltern im Weg.»

«Schwimmen gegen den Trend»

Margrit Matyscak wünscht sich, dass Lehrerinnen und Lehrer und die Eltern am selben Strick ziehen: «Miteinander reden, Gedanken austauschen, sich gegenseitig die Sichtweisen erklären, sich gegenseitig unterstützen im Schwimmen gegen den Trend der Brutalität und des Mobbings. Es gäbe mehr Lehrerinnen und Lehrer und weniger Burnouts. Mehr Lust als Frust auf allen Seiten. Packen wir es an oder lassen wir es treiben?» Margrit Matyscak betont, dass sie in ihrem Frust nicht allein dasteht. Andere Lehrerinnen und Lehrer haben in den letzten Jahren die gleichen Erfahrungen gemacht wie sie. Den Schritt an die Öffentlichkeit macht sie entgegen dem Rat der Schulleitung. Die Sekundarlehrerin ist sich bewusst, dass ihre Aktion Folgen haben könnte.

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