Regina Wecker
Eine Frau mit klaren Perspektiven

Sie wollte den Dingen immer auf den Grund gehen, sie verstehen. Deshalb hat sich die Professorin Regina Wecker mit Geschichte, Schweizer Geschichte, Frauen- und Geschlechtergeschichte befasst. Und darum ist sie auch in die Politik gegangen.

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Regina Wecker

Regina Wecker

bz Basellandschaftliche Zeitung

Andrea Mašek

Der Hörsaal ist gerammelt voll. Studierende, Doktorierende, Kollegen, Politikerinnen - alle sind sie zur letzten Vorlesung von Regina Wecker gekommen. «Sie ist toll», bescheinigen ihr die Studentinnen, «sie vermittelt den Stoff so anschaulich.» Mit viel Witz und vielen Fragen verabschiedet sich die Historikerin - und der letzte Dank gilt ihrem Mann, ohne den sie dies alles nicht geschafft hätte.

«Er übernahm die Hälfte der Familienarbeit und über längere Strecken grösstenteils die Finanzierung der Familie», erklärt Wecker später unter vier Augen. Ein ganzer Rollentausch kam aber für die Professorin, die mit Frauengeschichte und Geschlechtergeschichte Geschichte geschrieben hat, nicht in Frage.

Auch wenn beide Partner dadurch oft zu kurz kamen, wie sie erzählt. Dies dürfte sich nun ändern, sie hofft auch auf mehr Zeit für den Garten und andere Lektüre als nur Fachliteratur.

Immer an Forschung interessiert

Regina Wecker wird ihre Arbeit vermissen, die Planungsarbeit fürs Seminar und die Lehrtätigkeit. Forschen wird sie aber weiterhin und darauf freut sie sich. Forschungsprojekte waren für sie denn auch sehr prägend in all den Jahren an der Universität Basel.

Zur Person

Regina Wecker wurde 1944 in Berlin geboren. Sie studierte in Berlin, Aberdeen und Basel Geschichte, Anglistik, Judaistik, Publizistik, Philosophie und Pädagogik. Sie promovierte 1975. 1980 wurde sie Lektorin für Frauengeschichte an der Uni Basel. Wecker habilitierte 1992 in Neuerer Allgemeiner und Schweizer Geschichte. Seit 1997 ist sie ausserordentliche Professorin für Frauen- und Geschlechtergeschichte. Wecker lebt in Reinach, ist mit Peter Mötteli verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. (ajm)

Sie nennt etwa das Eugenik-Projekt des Schweizerischen Nationalfonds. Auf das Thema ist sie eher zufällig bei Recherchen im Staatsarchiv gestossen. Es berührte sie und sie wollte mehr darüber wissen. Es habe jedoch viel Beharrlichkeit gebraucht, um das Projekt realisieren zu können, erklärt sie.

Durchgesetzt hat sie sich auch in vielen anderen Dingen: Sie hat die Frauen- und Geschlechterforschung als einen inter- und transdisziplinären Schwerpunkt aufgebaut, der von Basel aus die Einrichtung von Genderstudies gesamtschweizerisch beschleunigt hat. Es erstaunt nicht, dass sie die Einführung des Graduiertenprogrammes «Genderstudies» wie auch den Aufbau des Nationalen Netzwerks «Gender» als weitere prägende Punkte ihrer Tätigkeit bezeichnet.

Bezeichnend für sie ist, dass sie die Konsolidierung der Geschlechtergeschichte in der Geschichtswissenschaft nicht alleine für sich in Anspruch nimmt: Sie verweist auf ihre Kolleginnen, Doktorierende und Studierende, die viel dazu beigetragen hätten, viele Lizentiatsarbeiten etwa seien Meilensteine der Forschung geworden. Doch es war Wecker, die sich für Diskussionen immer Zeit genommen hat.

«Wissen, wie die Schweiz tickt»

In ihrer Bilanz rühmt Wecker deshalb auch das Arbeitsklima. Unzufrieden äussert sie sich dagegen über das nach wie vor existierende Raum-problem des Seminars und skeptisch blickt sie auf die Einführung des Bachelor-/Mastersystems. Der Verwaltungsaufwand dafür sei sehr gross, die Gefahr der Uniformierung deshalb latent.

Sie selber liess sich nicht in ein Schema pressen. Obwohl man ihr von der Schweizer Geschichte abriet mit der Begründung, sie sei langweilig, machte sie sie zu ihrem Schwerpunkt. «Ich wollte wissen, wie die Schweiz tickt.» So habe sie sich Orientierungswissen erworben, sagt sie.

«Das ist für den Integrationsprozess wichtig, im allgemeinen wie auch im wissenschaftlichen Feld.» Weil sie die Vergangenheit verstehen wollte, von der ihr ihre Mutter viel erzählte und die sie als Kind «unheimlich spannend, wenn auch erschreckend» fand, begann die Berlinerin überhaupt mit dem Geschichtsstudium.

Ihrem Professor, Hans Rudolf Guggisberg, folgte Wecker 1969 nach Basel, um bei ihm ihre Dissertation zu schreiben. Und weil sie dachte, sie käme so zum Skifahren. Sie kam dazu, anfänglich und später mit ihrem Mann und den beiden Kindern. Aufgeben aber musste sie Badminton, dafür geht sie regelmässig joggen.

In Basel blieb sie, weil «ich hier eine Perspektive hatte». Die sie sich aber auch erkämpfen musste. So konzentrierte sie sich nicht wie empfohlen auf die US-Frauengeschichte, sondern auf die Schweizer Frauengeschichte.

Geholfen hat dabei auch ironischerweise das Buch «The Feminist» von Richard J. Evans: Da sei in jedem Exemplar der Universitätsbibliothek der Satz «Die Schweizer Frauenbewegung ist uninteressant» angestrichen gewesen. «Das weckte den Widerspruchsgeist - auch in der Chefetage.»

Für ihre Lehrtätigkeit war dies aber eine grosse Herausforderung, denn sie konnte sich nicht auf Literatur stützen. Doch sie stiess auf Interesse, bei Frauen und einigen Männern. Wecker erzählt, wie sie diese Anfangszeit genossen hat, wo sie viele Impulse bekam und daraus Erkenntnisse ziehen konnte. «Ich hatte die Chance wahrgenommen, etwas zu tun, was ich noch nie getan hatte.»

Mit Wissenschaftspreis geehrt

Ihre Verdienste auf diesem Gebiet wurden 1998 mit dem Wissenschaftspreis der Stadt Basel gewürdigt. «Der Preis war gerade richtig gekommen», sagt sie. Ihre Stelle wurde in eine permanente umgewandelt, die Geschlechtergeschichte verankert und endlich auch von der Uni finanziert.

Ihr Geschichtswissen und ihre Hartnäckigkeit kamen aber nicht nur der Hochschule zugute, sondern sie setzte sie auch politisch ein: Regina Wecker war Verfassungsrätin und 17 Jahre lang Einwohnerrätin in Reinach. «Die Politik gab mir die Möglichkeit, Kenntnisse zu erwerben über den Kanton, aber auch die Möglichkeit, mitzugestalten.»

Ihr künftiges Leben wird sie unter anderem mit Tango gestalten. Ihr Mann brachte sie darauf, obwohl sie diesen Tanz als machohaft empfunden hatte. Doch die Filme ihres Mannes über den Tango eröffneten ihr neue Perspektiven. Und für die Zukunft hat sie (nicht nur deshalb) ein gutes Gefühl.

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