Ein Zylinderknacker schlug 118-mal zu

Ein paar Monate lang war er bei einem erfahrenen Einbrecher in die Lehre gegangen. Dann machte er sich selbstständig – und Beute in Höhe von über 600 000 Franken.

Rosmarie Mehlin

Nachdem Ilie (Name geändert) im Oktober 2007 in Biberstein dank einem aufmerksamen Geschädigten verhaftet worden war, hatte der Rumäne schon bald reinen Tisch gemacht. Nicht nur gab er unumwunden zu, was ihm durch Spurensicherung nachgewiesen war, nein, er gestand auch Brüche ein, die ihm nicht hätten nachgewiesen werden können.

Der heute 35-jährige Rumäne hatte im Westaargau, vorwiegend in Buchs, Suhr, Gränichen, Rupperswil, aber auch im Baselbiet in vier Serien - Herbst 2000, Sommer 2002, Herbst 2002 und Herbst 2007 - reihenweise Einfamilienhäuser heimgesucht. Zumeist war er via Keller- oder Terrassentüre eingestiegen, indem er den Schlosszylinder abwürgte. Einmal war er gar so dreist, sich mit Hilfe eines Landhockeyschlägers via eine Katzentüre Zutritt zu verschaffen.

In Paris wartete der Hehler

War er hungrig, verpflegte er sich in den Objekten oder nahm Essbares und Getränke mit, vor allem aber klaute er Schmuck, Elektronik, Bargeld, Kameras, nahm bisweilen ganze Safes mit, die er dann draussen irgendwo in Ruhe öffnete und ausräumte. Dabei waren ihm auch Pistolen in die Hände gefallen, die er jeweils im nächsten Gewässer entsorgte. Das Geld behielt er, die übrige Beute brachte er nach Paris zu seinem Hehler.

Dass der ihm nur einen Bruchteil des effektiven Wertes der Ware bezahlte, versteht sich von selbst. Entsprechend erstaunt zeigte sich Ilie vor Gericht darüber, dass er laut Anklage bei insgesamt 118 Einbruchdiebstählen Beute im Gesamtbetrag von 606 000 Franken gemacht habe.

Eine Lehre als Einbrecher

Die Staatsanwältin bezeichnete Ilie als «klassischen Kriminaltouristen, der unser Land als Selbstbedienungsladen betrachtet.» Tatsächlich hatte Ilie, eigenen Angaben zufolge, diesen Job regelrecht erlernt. Mit 20 Jahren hatte er, mit der Absicht in die Fremdenlegion einzutreten, seine Heimat in Richtung Paris verlassen, dort einen Landsmann kennen gelernt, der ihn mit in die Schweiz nahm und ihm hier das Einbrechen beibrachte. Diese Lehre, so Ilie vor Gericht, habe «ein paar Monate» gedauert.

1995 war Ilie in Neuenburg verhaftet und zu 20 Monaten unbedingt verurteilt worden. Wieder draussen, war er, mit Diebesgut aus der Schweiz im Gepäck, in Deutschland festgenommen worden und hatte weitere 14 Monate kassiert.

Über die grüne Grenze

Im Jahre 2000 wohnte er in Paris, hielt zwei Freundinnen aus, spielte Karten, hing in Bars herum und finanzierte den ganzen Aufwand mit illegalen Kurztrips in die Schweiz via grüne Grenze. Im Oktober/November 2000 machte er im Aargau bei 44 Einbrüchen Beute im Wert von 276 000 Franken. Im Juli/August 2002 schlug Ilie hier erneut 20-mal zu, im Oktober/November im Aargau und Baselbiet weitere 40-mal.

Danach fuhr er zurück in seine Heimat, heiratete eine Rumänin, verdiente sein Geld mit redlicher Arbeit. Warum er denn im Oktober 2007 wieder in die Schweiz gekommen sei, um hier erneut zu delinquieren, wollte Gerichtspräsident Daniel Aeschbach wissen. Wegen Schulden, erklärte Ilie. Er habe auf Kredit eine Waschmaschine und einen Kochherd gekauft und für seine Frau, die krank sei und ein Kind verloren habe, Arztrechnungen bezahlen müssen.

Fünf Jahre Freiheitsstrafe

Die Staatsanwältin forderte eine Freiheitsstrafe von 51/2 Jahren. Sie bezeichnete Ilies Vorgehen als «überaus dreist, organisiert und gezielt», auch sei er einschlägig vorbestraft. Die Verteidigerin erachtete, angesichts von Ilies Geständnisfreudigkeit, eine Strafe von drei Jahren als angemessen. Sie wies zudem darauf hin, dass ihr Mandant aus der Beute höchstens einen Erlös von 20 000 Euro gemacht habe. Das Gericht gewichtete die Geständnisfreudigkeit von Ilie gegenüber der Anklägerin tatsächlich etwas stärker strafmindernd und reduzierte die Strafe entsprechend um sechs Monate auf 5 Jahre.

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