Grippingen

Ein weltmeisterlicher Dorfklub

Der Velo-Club Gippingen wird am Sonntag 90 Jahre alt.

Velo Grippingen

Der Velo-Club Gippingen wird am Sonntag 90 Jahre alt.

Innovative Ideen mit konsequenter Umsetzung sowie herausragende sportliche Erfolge charakterisieren den Velo-Club Gippingen, der morgen Sonntag 90 Jahre alt wird. Heute sind die Radsporttage und der Stauseelauf zwei Sportveranstaltungen mit grosser Ausstrahlung.

Leo Erne

Innovative Ideen mit konsequenter Umsetzung sowie herausragende sportliche Erfolge charakterisieren den Velo-Club Gippingen, der morgen Sonntag 90 Jahre alt wird. Heute sind die Radsporttage und der Stauseelauf zwei Sportveranstaltungen mit grosser Ausstrahlung.

Wie ein roter Faden ziehen sich wesentliche Eigenschaften des VCG durch die 90-jährige Vereinsgeschichte: die Tat- und Entschlusskraft, das Durchhaltevermögen, die Offenheit für Neues, der vernünftige Umgang mit den vorhandenen Mitteln und - nomen est omen - die Begeisterung für den Radsport. Wie Dokumente belegen, hat der Verein durchaus auch wechselvolle Zeiten hinter sich. Da wurden Protokolle zurückgewiesen, Präsidenten abgewählt oder der Rennchef mit Vorwürfen eingedeckt. Aktuell verursachen der Rückgang der rennsportlichen Aktivitäten oder die Vakanz im Vereinspräsidium Sorgenfalten.

Schnell auf vollen Touren

Nachzulesen im Protokoll, datierend vom 26. April 1919: «Es wurde hier von einigen Radfahrern eine Versammlung veranstaltet behufs Gründung eines Velo-Clubs. Es fanden sich 14 Radfahrer ein, welche sich zu einem solchen vereinigten.» Die ehrfürchtigen Mannen («Mit Gott» steht über der Gründungsakte) wählten Ernst Rennhard, den späteren Ehrenpräsidenten und Urvater treuer Radsport-Nachfolgerinnen und -Nachfolger, zum Vorsitzenden, der bis 1941 die Verantwortung trug. Noch im gleichen Jahr wurde auf Sonntag, 6. Juli, eine Ausfahrt angesetzt: «Sammlung beim Clublokal Restaurant Kreuz um 5 Uhr morgens.» Ziel war die offene Rennbahn in Oerlikon. Am 28. August wurde einstimmig beschlossen, «auf der Gippinger Chilbi ein Wett- und Preisfahren, verbunden mit Kilometer-Match, Langsam- und Hindernisfahren, Lustspiel-Aufführung und Tombola-Verlosung abzuhalten».

Impulse für das Dorfleben

Gippingen, ein Dorf der Gemeinde Leuggern, hat stets ein eigenständiges Leben geführt. Schützengesellschaft und Velo-Club haben während Jahrzehnten eine gemeinschaftsfördernde Stellung eingenommen.
Niemand konnte bei der Vereinsgründung ahnen, zu welcher Erfolgsgeschichte die Vereinsgründung in der Nachkriegszeit führen sollte. Über die Radsportwelt hinaus ist Gippingen zu einem Begriff geworden. Das Dorf lässt sich heute bequem mittels GPS anpeilen. Weltstars wie Jacques Anquetil brauchten ehedem nachts gleich mehrere Stunden, um von Basel ans Reiseziel «Gipänschee» zu gelangen. Gippingen als späteres Radsport-Mekka war damals noch auf keiner Strassenkarte vermerkt.

In allen Phasen fand der Sport seinen Platz. Anfänglich führten Home-Trainer-Rennen, Blumenkorsos, Geschicklichkeits-, Zuverlässigkeits- und Orientierungsfahren, Ausflüge, Klubrennen oder Endfahren die Mitglieder zusammen. Ab den Sechzigerjahren dominierte der Radrennsport mit manchmal bis zu 40 Aktiven. Xaver Kurmann (Bahn-Verfolgung als Amateur), Gilbert Glaus (Strasse als Amateur) und Max Hürzeler (Bahn-Steher als Profi) eroberten als Weltmeister gar das begehrte Regenbogen-Trikot. Die Infrastruktur und das Umfeld wurden angepasst mit der Gründung einer Supporter-Vereinigung und einer Radsportschule. Grossgeschrieben wurde der Teamgedanke mit dem Ziel des Medaillen- respektive Titelgewinns im Mannschaftsfahren (was 1974 auch erstmals gelang) und der Führung eines eigenen Rennteams. Tempi passati: Die belebenden und letztlich fördernden Duelle mit Brugg, Leibstadt oder Wohlen sind vorbei. Der Strassen-Rennsport darbt.

Der Mann im Hintergrund

Der Begriff VCG personifiziert sich in Robert Erne, im Oberdorf aufgewachsen und heute noch dort lebend. «s Gottliebe-Röbi» trat mit 16 Jahren 1953 dem Velo-Club bei, diente schon bald im Vorstand, 6 Jahre als Kassier und 25 Jahre als Präsident. Er wurde 1986 zum Ehrenpräsidenten ernannt. Auch im OK der Radsporttage stellte er 30 Jahre seinen Mann. Die Mitgliedschaft im Gemeinderat Leuggern von 1977 bis 1989 unterstreicht Ernes Einsatzbereitschaft für die Öffentlichkeit. Über Jahrzehnte hinweg hielt er still und bescheiden die Fäden im Hintergrund zusammen, wirkte schlichtend und motivierend, mahnend und anspornend, helfend und fördernd. Seinen insgesamt flotten Lebenslauf hat der Verein Robert Erne im starken Mass zu verdanken. Auch heute noch ist
er stets bei Arbeitseinsätzen anzutreffen.

Der «Gippinger Geist»

Wer nicht auf beiden Augen blind ist, erkennt die Turbulenzen im Radsport. Die Wirren im internationalen Bereich rütteln auch am Stellenwert des einzigen noch verbliebenen internationalen Eintagesrennen der Deutschschweiz. Zudem mindert die Wirtschaftslage die Beteiligung von unentbehrlichen Sponsoren. «Jetzt erst recht» lautet die Durchhalteparole. Der «Gippinger Geist», ein viel beschworenes Markenzeichen über 90 Jahre hinweg, nährt die Zuversicht, dass der VCG auch die aktuellen Klippen zu überspringen vermag.

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