Von Sidonia Küpfer

Aus der Küche kommen spanische Worte, gemischt mit ein paar Brocken Deutsch, Gelächter. Im Spielzimmer hüpfen zwei Mädchen auf einer Matratze. Ein Teenager behält ein Kleinkind im Auge, das mit wackligen Schritten den Aufenthaltsraum erkundet. Es ist kurz vor Mittag in der Familienherberge an der Rieterstrasse 7 in Zürich. Hier finden wohnungslose Familien aus der Stadt Zürich für eine begrenzte Dauer eine Notunterkunft. Die Familien bekommen ein Zimmer, das mit einem Schrank, Stockbetten, einem kleinen Tisch und einem Kühlschrank einfach eingerichtet ist. Küche, Dusche und WC teilen sie mit den anderen.

18 Erwachsene und 17 Kinder leben aktuell in 13 Zimmern. Am Montag zieht eine weitere Mutter mit ihrem Kind ein - dann sind an diesem Standort alle 14 Zimmer belegt. Die Stadt betreibt zwei weitere Herbergen: eine an der Meinrad-Lienert-Strasse und eine an der Birmensdorferstrasse.

«Unser Angebot richtet sich an mittellose Familien», sagt Marcel Zwingli, Assistent der Bereichsleitung Wohnen und Obdach der Stadt Zürich. Die Hintergründe der Menschen, die in einer Familienherberge wohnen seien sehr komplex. Viele gehörten zu den so genannten Working Poor, also dem Teil der Bevölkerung, der trotz Arbeit von Armut betroffen ist. Viele seien schlecht ausgebildet und wiesen einen Migrationshintergrund auf, erklärt Zwingli. In der Regel seien die Bewohner der Familienherbergen arbeitslos und lebten von Sozialhilfe. Wer in dieser Situation seine Wohnung verliere, habe kaum eine Chance, eine neue zu finden. Die Familien würden wohnungslos oder gar obdachlos.

Eine junge Frau bereitet in der Küche das Mittagessen für ihre Familie vor. Sie kam im Februar in die Schweiz. Ihr Deutsch reicht bereits, um ein wenig Auskunft zu geben: Die 19-Jährige wuchs in Argentinien auf, hat aber einen Schweizer Pass, denn ihr Vater sei Schweizer. Hierher kam sie, um Arbeit zu finden. «Es ist manchmal schon schwierig, weil es so eng ist. Heute ist es ruhig, aber an manchen Tagen muss man die Küche mit vielen anderen teilen», sagt sie zur Situation in der Familienherberge. «Ich hoffe, dass wir bald eine eigene Wohnung finden.»

Die junge Frau steht für eine weitere Gruppe, auf die man in den Herbergen trifft: die Rückwanderer. Vor geraumer Zeit wanderten die Verwandten der heutigen Rückwanderer aus, um in fernen Ländern - oft in Südamerika - ihr Glück zu finden. Ihre Kinder oder Enkelkinder besitzen entweder einen Schweizer Pass oder können ihn leicht beantragen und wollen zurückkehren. In der Schweiz hoffen sie bessere Lebensbedingungen und Arbeit zu finden. Die ersten Wochen verbringen sie oft in Pensionen und hoffen darauf, rasch eine Anstellung zu finden, wie Zwingli erklärt. Wenn dies nicht klappe, meldeten sie sich bei einem Sozialzentrum. Von dort würden sie an die zentrale Abklärungs- und Vermittlungsstelle verwiesen und nach Abklärungen bei der Herberge angemeldet.

Früher hätten Rückwanderer relativ leicht eine Wohnung gefunden, ergänzt Mirjam Pfister. Die diplomierte Sozialarbeiterin ist eine der Betreuerinnen an der Rieterstrasse 7: «Als Schweizerinnen und Schweizer fanden einige von ihnen Arbeit in der Raumpflege oder auf dem Bau. Zudem hatten sie keine Einträge im Betreibungsregisterauszug», blickt sie zurück. Seit vergangenem Sommer hätten auch Rückwanderer deutlich mehr Mühe, eine Wohnung zu finden.

Zürich ist für Wohnungssuchende ein hartes Pflaster. Im Juni 2008 wies Zürich eine Leerwohnungsziffer von 0,03 Prozent aus. «Stellen Sie sich vor, Sie können bei der Wohnungsbewerbung keine Anstellung vorweisen. Und dann kommt noch ein Eintrag im Betreibungsregisterauszug dazu. Dann wird es schon äusserst schwierig, in Zürich eine neue Wohnung zu finden», sagt Zwingli.

Als Notlösung angelegt, komme es mittlerweile vor, dass Familien sechs Monate und länger an der Rieterstrasse blieben. Auf die Strasse stellt man niemanden. Doch wenn sich der Aufenthalt in die Länge ziehe, werde es für die betroffenen Familien zunehmend schwierig: Die beengte Situation und die Misserfolge bei der Wohnungssuche seien belastend. «Wir hören oft: ‹Die armen Kinder.› Aber für sie ist es meist am einfachsten, sie haben hier immer jemanden zum Spielen. Es sind eher die Eltern, denen die Lage zu schaffen macht», hält Mirjam Pfister fest.

Die Hilfe bei der Wohnungssuche ist eine der Aufgaben der Betreuenden der Familienherbergen. Sie kümmern sich um die Anliegen der Familien, helfen bei sprachlichen Problemen und vernetzen sie mit den zuständigen Amtsstellen. «Vielfach leisten wir auch einfach Integrationsarbeit», erklärt Pfis-ter. Jeden Abend um 20 Uhr machen Mirjam Pfister und ihr Team einen Kontrollrundgang. Dabei gewinnen sie einen Eindruck über die psychische Verfassung der Familie, aber auch über ihre Wohnfähigkeiten - vor allem, ob sie in der Lage sind, Ordnung zu halten.

Anschlusslösungen für die Familien bieten einerseits die Notwohnungen, aber auch die Stiftung Domicil, die günstigen Wohnraum für sozial Benachteiligte sucht. Manchmal ergeben sich auch Wohnlösungen mit einer Baugenossenschaft. Die Verwaltungen will der Geschäftsbereich Wohnen und Obdach stärker für die Schwierigkeiten sensibilisieren: Mit Besichtigungen vor Ort soll den Vermietern gezeigt werden, wie beengt die Familien in diesen Zimmern wohnen und dass manche von ihnen durchaus gute Mieter sein könnten.