Ein Tier untergräbt Pläne der Menschen

Schon geraume Zeit erregt der Biber in Wolfwil und Fulenbach die Gemüter – sowohl aus Freude als auch aus Groll. Zur Beruhigung der Situation wurde die Umsiedlung des Bibers ins Auge gefasst. Doch es kam ganz anders als geplant.

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Solothurner Zeitung

Mark Struch*

Nachdem zum ersten Mal am 26. Juni 2008 der Wildhüter Bruno Fürst, Gunzgen, die Anwesenheit eines Bibers am Wolfwiler Schweissackerkanal aufgrund eindeutiger Spuren nachgewiesen hatte, wurden auch Spuren am Unterlauf des Gewässers innerhalb der Gemeinde Fulenbach ausgemacht. In der Folge wurden das ausgewachsene Tier und seine Bauten im Bereich zwischen dem Kapuzinersteg in Wolfwil und dem Bad Fulenbach beobachtet. Am Ende der letztjährigen Vegetationsperiode fällte er Bäume - Biber ernähren sich im Winter hauptsächlich von Baumrinden und Knospen. Am Bachufer wurden der Bau und dessen Eingänge gut versteckt unter dem Wasserspiegel vermutet. Der beginnende Bau von Dammanlagen führte immer wieder zu rechtsufrigen Überschwemmungen.

«Lernen, mit dem Biber umzugehen»

Die letzten einheimischen Biberbestände der Schweiz sind zu Beginn des 19. Jahrhunderts erloschen. Der Biber wurde zwischen 1957 und 1977 in verschiedenen Gebieten wieder angesiedelt und steht seit 1962 unter Schutz. Im Winter 2007/08 ergab die dritte nationale Bestandserhebung, dass sich in den Schweizer Gewässern rund 1600 Biber tummeln, davon 93 Tiere im Kanton Solothurn, verteilt auf 15 Familienreviere und 12 Einzelreviere. Sie besiedeln vorwiegend die Aare und die Emme, wandern aber zunehmend auch in die Seitenarme ein. Die Kantone sind verpflichtet, für ausreichenden Schutz der wild lebenden Säugetiere und Vögel vor Störung zu sorgen. Der Biber ist sowohl kantonal wie auch national eine geschützte Tierart und deshalb vor vermeidbaren Störungen, vor Verletzung oder vor Tötung zu bewahren. Die aktuelle Besiedlungsaktivität des Bibers fordert betroffene Kreise auf, sich Gedanken zum Umgang mit der geschützten Tierart zu machen. Der Kanton Solothurn will den Umgang mit Bibern regeln, basierend auf dem «Konzept Biber Schweiz» bzw. auf den «Grundlagen für den koordinierten Biberschutz» (Bafu 2001). «In den meisten Fällen handelt es sich um volkswirtschaftlich unbedeutende Bagatellschäden, selten kann es aber auch zu grösseren Schäden kommen. Ein Management, das auch das Vorgehen im Schadens- oder Konfliktfall und den Umgang mit Schäden regelt, ist wichtig», sagt Wildbiologe Mark Struch. Trotz Präventionsmassnahmen werde es nicht möglich sein, Biberschäden vollständig zu verhindern. «Eine gewisse Toleranz muss erwartet werden. Wir müssen wieder lernen, mit dem Biber umzugehen.» Massnahmen sind: Bauzonen und Wege nicht zu dicht an Gewässern anlegen oder etwa Obstbäume mit Gitternetzen schützen. Das Amt für Wald, Jagd und Fischerei ist für den Biberschutz federführend. Bisher sind im Kanton noch sehr wenige Konflikte aufgetreten, Biberschäden halten sich in Grenzen. (MGT)

Der Mistkran war dem Biber egal

Einige der direkt betroffenen Landwirte beschwerten sich deswegen. Den Verantwortlichen des Fischereivereins Fulenbach gefielen die Tätigkeiten des Nagers ebenso wenig, führten doch die Wasserableitungen ins offene Feld dazu, dass jeweils im Forellenaufzuchtgewässer das benötigte Wasser fehlte. Im Auftrag der beiden Gemeinden entfernte ein Unternehmen aus Fulenbach die Dammanlagen mit einem Mistkran. Der Biber aber liess sich davon nicht beeindrucken. Er erwies sich als hartnäckig und äusserst fleissig.

Der Schweissackerkanal hat aufgrund der flachen Topografie ein sehr niedriges Freibord. Durch den Dammbau wurde das angrenzende Kulturland mehrmals grossflächig (3 bis 5 Hektaren) unter Wasser gesetzt. Grössere Schäden konnten durch das Entfernen der Dämme verhindert werden.

Ansonsten beschränkte sich der Einfluss des Bibers auf das Fressen einiger Maisstängel. Trotzdem ist seitens der Bauern ein gewisser Unmut vorhanden. Der Biberdamm hatte auch zur Folge, dass nur noch sehr wenig Restwasser floss und das Bachbett streckenweise austrocknete. Dies wiederum hatte Auswirkungen auf den Schweissackerkanal als Fischaufzuchtgewässer.

Gesuch um «Entnahme des Bibers»

Die Bachverantwortlichen der Gemeinde Fulenbach sehen in der Stauung des Gewässers durch den Biberdamm eine «unerwünschte Begünstigung der Schlammbildung». Der Bach sei aufgrund des geringen Gefälles und des hohen Eintrags von Schwebestoffen ohnehin schon relativ schlammig. Schliesslich bemühte man sich um eine Bewilligung zur «Entnahme des Bibers» im Schweissackerkanal, die auf Gesuch des Kantons Solothurn vom Bundesamt für Umwelt erteilt wurde. Die Bewilligung war jedoch an die Bedingung geknüpft, dass es sich beim Biber um ein Einzeltier handelt. Der Fang erfolgte in der Nacht vom 14. auf den 15. Oktober. Allerdings handelte es sich beim gefangenen Tier um einen diesjährigen Jungbiber, womit eine Umsiedlung hinfällig wurde. Der Jungbiber wurde in einer Abfangkiste zum nächsten Amtstierarzt gebracht, mit einem Mikrochip versehen und anschliessend am Fangort wieder in die Freiheit entlassen. Im Schweissackerkanal lebt also nun eine Biberfamilie.

Mehr oder weniger Gelassenheit

Während die direkt betroffenen Landwirte und die Fulenbacher Fischer dringend konkrete Lösungen erwarten, nimmt es die Bevölkerung aus Wolfwil eher gelassen. Zwei Delegationen, bestehend aus den Gemeindepräsidenten und den Ressortverantwortlichen, einigten sich nach einem Augenschein darauf, zusammen mit der kantonalen Jagd- und Fischereiverwaltung «gangbare Wege zu suchen, die gesetzeskonforme neue Lösungen für alle Betroffenen ermöglichen». Wobei es auch darum geht, das vorhandene Konfliktpotenzial im Zaum zu halten.

Mark Struch ist Wildbiologe bei der Jagd- und Fischereiverwaltung des Kantons Solothurn.