Argentinien
Ein Stück Schweiz in Argentinien: Sie feiern noch immer den 1. August

Spurensuche: In «I bi meh aus eine» erzählt der Mundart-Schriftsteller Pedro Lenz die Gründung einer Kolonie in Argentinien durch Emmentaler Siedler. Ein Besuch in Romang.

Konrad Stähelin, Romang
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Gründerhaus: Die «Casa del Fundador» war seinerzeit das einzige Steinhaus in Romang.
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Zu gross, um noch als Miniatur durchzugehen: Chalet an der Wand der Mehrzweckhalle.
Ein Stück Schweiz in Argentinien
In der Mitte das Schweizer Kreuz: Herkunftsländer der heutigen Einwohner Romangs.

Gründerhaus: Die «Casa del Fundador» war seinerzeit das einzige Steinhaus in Romang.

Konrad Staehelin

Calle Pastor Heidel, Calle Gaspar Stirnemann, Calle Emilio Frick. Carmen Ramseyer fährt im Auto durch die nach Schweizern benannten Strassen, am Innenspiegel baumelt ein Plüsch-Bernhardiner.

Alle paar Meter stoppt die 68-Jährige und erklärt auf Spanisch, denn Deutsch spricht sie bloss holprig: «Hier hat mein Grossvater das Kino gegründet. Und hier den Hafen. Und hier Telefon und Strom im Ort installiert. Er trieb hier den Fortschritt voran.»

La Comunidad de Romang, 750 Kilometer nördlich von Buenos Aires, Provincia de Santa Fe, mitten im Nirgendwo. Ein Städtchen mit knapp 10 000 Einwohnern zwar, aber mit dem Charakter eines Landnests.

Im Bühnenprogramm «I bi meh aus eine», in dem er mit dem Pianisten Patrik Neuhaus als Duo «Hohe Stirnen» auftritt, erzählt der Oltner Schriftsteller Pedro Lenz die Gründungsgeschichte Romangs: Peter Wingeyer plündert Mitte des 18. Jahrhunderts in Trubschachen im Emmental die Mündelkasse und flüchtet, lässt Frau und Kinder zurück. Auf dem Auswandererschiff nach Südamerika stirbt Landsmann Theophil Romang, Mediziner.

Dank dessen Dokumenten geht Wingeyer in Argentinien als Señor Teófilo Romang von Bord, schwingt sich als falscher Arzt zum Leitwolf unter den Siedlern auf und baut ab 1873 eine eigene, blühende Kolonie: das heutige Romang – der Name ehrt den Gründer.

Zwei Kolonien, zwei Geschichten, eine Wahrheit

Die von Romang gegründeten Orte sind sich über dessen Vorgeschichte uneinig. Und: Pedro Lenz übersieht die Fakten zugunsten der Story.

Der Mediziner Theophil Romang stirbt auf dem Schiff von Antwerpen nach Buenos Aires, Peter Wingeyer kauft seine Papiere und heisst nun Romang, gründet in Argentinien 1865 die Kolonie Helvecia und acht Jahre später Romang, 190 Kilometer weiter nördlich. So weit die bekannte Version, wie sie Pedro Lenz in «I bi meh aus eine» erzählt. Ihm war sie vor zwei Jahren in Romang so vermittelt worden.

Nun aber droht Ungemach, eine argentinische Provinzposse: Die Geschichte, wie Wingeyer zu Romang wurde, erzählen sich Helvecias Einwohner anders: Wingeyer sei in Trubschachen wegen seiner Geldprobleme ein Prozess ins Haus gestanden, als mit Theophil Romang der Bruder des Klägeranwalts starb. Anstatt eine Gefängnisstrafe in Kauf zu nehmen, floh Wingeyer mit den Papieren des Toten.

«Nicht auszudenken, würde Helvecia an seiner 150-Jahr-Feier im nächsten Januar eine falsche Version kolportieren. Schliesslich erhält diese dann weitum Beachtung», sagt Romangs Fremdenführerin Carmen Ramseyer. Sie will sich deswegen jetzt in Trubschachens Archiven auf die Suche nach der Wahrheit machen: Sollte dort der Tod von Teophil Romang vermerkt sein, wäre dies eine Bestätigung für die Version aus Helvecia.

Der Story zuliebe vereinfacht

Mit der Wahrheit nicht so genau genommen hat es dagegen Pedro Lenz. In seiner Version der Geschichte ist es Romangs Intimus Kaspar Sager, der von Indianern gekidnappt wird, auf dem Rückweg in die Zivilisation an einem fruchtbaren Stück Land vorbeikommt und dies Romang erzählt. Der gründet dort seine zweite Kolonie.

Doch wurde in Realität nicht Sager entführt, sondern ein anderer Kaspar, Kaufmann mit Nachnamen. «Ich habe keine wissenschaftliche Arbeit geschrieben, sondern Literatur», sagt Lenz dazu. «Ich habe bewusst vereinfacht, die Geschichte wäre sonst zu kompliziert geworden.» Angesichts des famosen Resultats mag man Lenz den Tolggen im Reinheft nachsehen - oder ihn künstlerische Freiheit nennen.

Carmen Ramseyers Urgrossvater erreichte die Kolonie kurz nach deren Gründung, schuftete hart, seine Nachfahren sind heute die grösste und wichtigste Familie im Ort.

Sie arbeitete bei der Telekom, heute ist sie pensioniert, gibt aber manchmal die Fremdenführerin. «Wenn Schweizer kommen, führe ich sie herum. So habe ich etwas zu tun.»

Seit Lenz sein Werk publiziert hat, steht für Ramseyer Arbeit an. In den letzten fünf Monaten waren schon fünf Schweizer da, so viele kommen sonst in einem Jahr.

Ramseyer zeigt den Besuchern dann jeweils die «Casa del Fundador», das Gründerhaus in der Ortsmitte. Ein Prunkbau für damalige Verhältnisse, zweistöckig, aus Stein. Griffen die Indianer an, bissen sie sich an Teófilo Romangs Wohnhaus die Zähne aus. Heute sind dort ein Gründermuseum und die Landwirtschaftskooperative untergebracht.

Angrenzend liegt der Park: in seiner Mitte die Büste des Verehrten, palmengesäumt. Relikte aus einer Zeit, in der die Identifikation mit dem Heimatland noch unermesslich war. Genau wie das Chalet, das als Dekoration an der Wand der Mehrzweckhalle klebt, zu gross, um noch eine Miniatur zu sein.

Es sind die Perlen eines Städtchens, dass ansonsten so aussieht wie viele andere in Argentiniens Norden: weder arm noch reich, viel Landwirtschaft, ein wenig Industrie. Ausserdem zwei Fussballklubs, Amateure mit ausgeprägter Rivalität. Staubige Strassen, angeordnet im für die Neue Welt typischen Schachbrettmuster. Rundherum: Weite, Felder, bis zum Horizont.

«Die junge Generation identifiziert sich nicht mehr mit Romangs Geschichte», sagt Ramseyer. «Doch sie wissen noch, dass unser Gründer aus der Schweiz kam. Und dass auch die seltsamen Strassennamen dorther stammen.»

Die Geschichte ist an den Schulen Teil des Lehrplans. Deswegen feiert das Städtchen auch den Schweizer Nationalfeiertag; wenn auch selten am 1. August, sondern am ersten August-Sonntag. Weil sie nicht frei bekämen, würden die Leute unter der Woche nicht zum Fest kommen. Wichtiger ist der Tag des Gründers am 23. April, jedes Jahr, dann haben die meisten frei.

«Wir verehren Teófilo Romang für das, was er hier aufgebaut und uns hinterlassen hat», sagt Darío Sager, der Lokalhistoriker, ebenfalls Nachfahre von Schweizern. «Aber seine Vergangenheit in Europa und was er auf und nach der Überfahrt verbrochen haben soll, interessiert uns nicht mehr. Das ist seine Vorgeschichte, die uns aber nicht betrifft.»

Sagers Worte klingen streng nach und wirken überholt, als der Besucher wenig später in der Bar des Schweizer Turnvereins steht. Eine Männerrunde klopft einen Jass, den Teppich haben ihnen ehemalige Gäste aus der Schweiz über den Ozean geschickt.

Und auch sonst, so ganz abgeschworen hat Romang der Schweiz nicht: Eine Familie lässt sich immer noch den roten Pass ausstellen, Generation für Generation. Einige Personen sprechen noch Deutsch, wenn auch bloss als Zweit- oder Drittsprache.

Es sind dies nicht nur die Alten, deren Eltern und Grosseltern sie Schweizerdeutsch lehrten, sondern auch eine Handvoll Junge: der Koch in seinen 40ern zum Beispiel, der im Thurgau gelernt hat. Oder der Deutschlehrer, der zwei Austauschaufenthalte im Züribiet hinter sich hat. Das Bewusstsein für das Leben der Schweizer Kolonisten mag für sie längst verblasst sein, der Bezug zur Schweiz noch lange nicht.

Buch und Bühne

«I bi meh aus eine» des Oltner Schriftstellers Pedro Lenz erschien 2013 im Cosmos Verlag. Als Duo «Hohe Stirnen» bringt er zusammen mit Patrik Neuhaus die Geschichte auf die Bühne:
Hirschen Trubschachen, Sa. 24.5., 20 Uhr.
Kulturszene Obersiggenthal, Sa. 13.9., 20.15 Uhr.
Alte Kirche Wohlenschwil, Fr. 19.9., 20.15 Uhr.